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BAILAR EN HOMBRE
(Fernando López)
Besuch am
22. April 2019
(Deutsche Erstaufführung)
Sag beim Abschied leise Servus: Ganz so leise hätte es vielleicht nicht sein müssen beim Flamenco-Festival im Tanzhaus NRW, das am Ostermontag zu Ende gegangen ist. Das Haus verwaist, die Gastronomie geschlossen, nur im Kleinen Saal findet noch eine einstündige Veranstaltung statt.
Zu Gast ist Fernando López. Der Mann sammelt Universitätsabschlüsse wie andere Leute Briefmarken. Er hat Flamenco, klassisches und neoklassisches Ballett, zeitgenössischen Tanz und theatrale Interpretation studiert, hat einen Master in Philosophie und zeitgenössischer Kulturkritik und schreibt derzeit an seiner Dissertation über Ästhetik, Naturwissenschaften und Kunsttechnologien. 2017 veröffentlichte er ein viel diskutiertes Buch, in dem er die klassischen Geschlechterverhältnisse im Flamenco kritisch hinterfragte. Bereits zwei Jahre zuvor hatte er das Stück Bailar en hombre entwickelt, das jetzt als deutsche Erstaufführung beim Flamenco-Festival zu sehen ist. „Die Konstruktion von Männlichkeit im Flamenco wie auch die Verbindung von Geschlecht und Sexualität sind für López sowohl in seiner akademischen Laufbahn wie auch auf der Bühne zentrale Themen“, kündigt das Festival die Arbeit an.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Vor der vollbesetzten Tribüne des Kleinen Saals steht ein Mann mit dem Rücken zum Publikum, der lediglich eine weiße Unterhose trägt. Auf seinem Rücken steht in roter Schrift „Schwuchtel“. Vor ihm steht eine Fußwanne, um ihn herum sind vier Kerzen aufgebaut. Hinter ihm liegen ein Torero-Anzug und Flamenco-Schuhe. Ungerührt bleibt der dunkelhaarige Mann mit Vollbart stehen, als Kirchenmusik erklingt und dazu verschwommene Bilder auf die Ziegelstein-Rückwand des Saals geworfen werden. Gezeigt werden Clips von berühmten Flamenco-Tänzern aus den 1960-er Jahren, die noch ganz im Sinne von Vicente Escuderos geschichtsträchtiger Anleitung für den wahren Flamenco agieren. Anschließend verabschiedet sich López von den Heroen der Vergangenheit, indem er die Kerzen ausbläst, nicht ohne vorher noch einmal in sie hineinzuhören, ob sie im Hier und Heute noch etwas zu sagen haben. Haben sie offenbar nicht.

Und damit sind die Konventionen aufgehoben. Da darf es einen Ausdruckstanz à la Isadora Duncan genauso geben wie – endlich im Torero-Anzug – den Machismo. Um die Rollenverteilung aufzuheben, holt sich López die Tänzerin Irene Hernández zu Hilfe. Die kleidet ihn in eine Art Tunika, in der er zur entsprechenden Musik eine Tänzerin der 1950-er Jahre playback singt und ganz wunderbar ihr Augenklimpern und die laszive Bewegungsform imitiert. Köstlich! Auch Hernández spielt mit den Geschlechterrollen, löst sie im Flamenco auf, an den sich López anschließt. Zwischenzeitlich verliest der Choreograf zehn Thesen der Flamenco-Aktivistin Matilde Coral, die zwar aus dem Jahr 2011 stammen sollen, aber so altertümlich wirken, als seien sie hundert Jahre eher entwickelt worden. Was möglicherweise daran liegt, dass die legendäre Tänzerin die Essenz ihres Tanzes mit 76 Jahren veröffentlicht hat. Da bleibt so manche Entwicklung auf der Strecke. Legitimiert wird der Vortrag durch die theatrale Überziehung. Wirklich großartig, dass López die Texte auf Deutsch vorträgt. Zum ersten Mal in diesem Festival bekommt man das Gefühl, dass sich irgendjemand dafür interessiert, wo das Festival stattfindet. Schlussendlich landet die Aufführung wieder beim Ave, Maria und López in der Fußwanne. Was auch immer uns das sagen will. Ästhetisch jedenfalls gibt es hier keine Einwände.
Neben einer wunderbaren und kurzweiligen Aufführung stellt sich die Frage, ob die Gender-Problematik nicht selbst im konservativen Sevilla längst überholt ist. Das scheint jedenfalls das Festival in insgesamt großartigen Aufführungen gezeigt zu haben. Die Tänzerinnen kümmern sich längst um andere Themen, Tänzer lassen die Hüften rollen, wie es ihnen gefällt. Und die Besucher durften in den vergangenen Tagen einfach nur mehr oder minder durchdachte Choreografien der Weltklasse genießen. Dessen ungeachtet dürfen sich López und Hernández zu Recht feiern lassen.
Damit geht ein Festival zu Ende, das durchaus gemischte Gefühle hinterlässt. Da gibt es großartige Künstler, die ihr Können ohne Makel auf die Bühne gebracht haben. Aber es gibt auch eine Organisation, die sich auf eine eingeschworene „Community“ verlässt und somit auf jegliche Zugangshilfen für anderweitige Besucher verzichtet, sich nur marginal um Service und Uhrzeiten kümmert. Die Kommunikation geht gegen Null. Nach einem Vierteljahrhundert Flamenco-Festival ist es legitim, dass sich Ermüdungserscheinungen einschleichen. Und wer erleben darf, wie sich einige Festivalteilnehmer erschöpft mit einem „Na, dann bis nächstes Jahr?“ verabschieden, wird sich fragen, ob man im nächsten Jahr wirklich wieder dabei sein will. Die Festivalleitung steht vor großen Aufgaben, wenn sie das Festival in die Zukunft führen will. In diesem Jahr war davon nichts zu bemerken. Na, dann bis nächstes Jahr!
Michael S. Zerban