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STRENGT EUCH AN, TAG 3
(Tim Isfort et al.)
Besuch am
9. Juni 2019
(Verschiedene Aufführungen)
Am dritten Tag des Moers-Festivals spielt das Licht eine überraschend große Rolle. Die gute Nachricht: Das Vormittags- und Mittagsprogramm kann bei bestem Sonnenschein stattfinden. Ab Mittag nimmt die Bewölkung zu, aber die Temperaturen bleiben über 20 Grad und Regen ist nicht in Sicht. Das treibt die Menschen ins Festivaldorf, darunter auch viele Moerser, die sich weniger für die musikalische Seite des Festivals als vielmehr für den Straßenfest-Charakter des Festivaldorfes interessieren. So entsteht eine bunte Publikumsmischung, die auch den Händlern Freude bereiten dürfte, denn das Dorf bleibt auch während der Aufführungen gut besucht.
Das Nachmittagsprogramm eröffnet mit einem großen Ausrufezeichen. Das Ensemble Musikfabrik kooperiert mit der Big Band des Westdeutschen Rundfunks, um die Moers Abstractions in der Festivalhalle aufzuführen. Unter der musikalischen Leitung von Vince Mendoza belegen zusammen mit dem Gast-Saxofonisten Joshua Redman 25 Musiker jeden Zentimeter der Bühne. Die Akustik der Halle hält auch unter Volllast Bestand.

Eröffnet wird das einstündige Konzert mit Broken Shadows von Ornette Coleman aus dem Jahr 1971. Hier kann Redman mit einem ersten Solo am Tenorsaxofon beweisen, warum er als Gast geladen ist. 1995 erschien auf dem gleichnamigen Album von Joe Lovano die Komposition Rush Hour on 23rd Street von Gunther Schuller, einem amerikanischen Komponisten und Hornisten. Mendoza hat das Arrangement aller Stücke für die Moers Abstractions vorgenommen. Und so gibt es Platz für Soli von Redman, Ruud Breuls an der Trompete und Raphael Klemm an der Posaune. Mit It’s not the same kommt eine Eigenkomposition von Redman zu Gehör, die er im vergangenen Jahr in einer halb so langen Version auf seinem Album Still Dreaming veröffentlichte. Nach Further Abstractions mit Soli von Redman, dem Sopransaxofonisten Johan Hörlen und Hans Dekker am Schlagzeug gibt es noch ein besonderes Zückerchen in Gestalt von Gazzelloni, einem Werk, das Eric Dolphy seinem Lehrer, dem italienischen Flötisten Severino Gazzelloni, widmete und das 1964 auf dem Album Out to Lunch! erschien, das einen Höhepunkt des Avantgarde Jazz der 1960-er Jahre darstellte. Im Vordergrund steht hier das Querflötensolo, das von Karolina Strassmayer ganz vorzüglich interpretiert wird. In der Halle steigt nicht nur die Stimmung auf den Siedepunkt. Aber niemand flieht die Hitze im vollbesetzten Rund, ehe nicht die letzte Note verklungen ist. Dieses Konzert hat alles, um in die historische Ehrenhalle des Festivals Einzug zu finden.

Ob während der einstündigen Pause der Beleuchter wechselt, kann man nur vermuten. Was allerdings von nun an in Sachen Licht geboten wird, enttäuscht ziemlich. Niemand erwartet auf einem Festival all die schönen Lichteffekte, die sich ein Staatstheater leisten kann. Aber intelligente Lösungen in kleinerem Rahmen sind bisher auch in Moers ganz gut gelungen. Mit dem Auftritt der Trondheim Voices und dem bereits am Vorabend kennengelernten Angelika Niescier New York Trio ändert sich das maßgeblich. Die Trondheim Voices sind ein Jazz-Damenchor, der 2001 in der gleichnamigen norwegischen Stadt gegründet wurde und sich durch improvisierende Stimmkünste auszeichnet, die von Melodien bis zu stimmlich erzeugten, hochartifiziellen Geräuschen reicht. Wem es reicht, die Stimmartistik der Damen, die in Moers als Sextett auftreten, zu hören, möge sich ihr Album Improvoicing zulegen. In Moers freut man sich darauf, die Sängerinnen zu sehen. Dem Lichtdesigner scheint am Gegenteil gelegen zu sein. Funzeliges Licht rückt allenfalls mal Tone Åse als Stimmführerin in einen Spot. Alles andere bleibt im Halbdunkel. Merke: Eine Bühne ohne Licht ist auch nur ein schwarzes Loch und hat nichts mit Dramaturgie zu tun. In Kombination mit den steigenden Temperaturen in der Halle führt das dazu, dass zahlreiche Besucher das Konzert vorzeitig verlassen.

Die Massenflucht setzt sich bei der darauffolgenden Aufführung fort. Und auch daran ist das Licht nicht unschuldig. Warum man beim Auftritt einer Band nur den Sänger sehen darf, während die Instrumentalisten in der Dunkelheit verschwinden, ist kaum nachvollziehbar. Selbst dann, wenn es sich dabei um den brasilianischen Komponisten und Sänger Tom Zé handelt. Spontan möchte man ihn als den Paolo Conte Brasiliens bezeichnen. Ebenso humorvoll, weise, politisch und poetisch-verrückt wie sein italienischer Kollege glänzt Zé nicht nur mit großartigen musikalischen Ideen, sondern auch mit überraschenden Einfällen, wenn er etwa eine Gitarre auseinandernimmt und daraus zig Einzelinstrumente in Sekunden schafft. Sagenhafte 83 Jahre ist der Künstler alt, der von seinen Musikern Jarbas Mariz, Daniel Maia und Felipe Alves fürsorglich behütet und umsorgt wird. Nein, das hat nicht den Anflug von Peinlichkeit, dazu ist Zé viel zu agil. In Moers absolviert er sein einziges Konzert in Europa. Dafür ist er hergeflogen. Und wird am nächsten Tag zurückfliegen. Flugzeit einfache Strecke: Rund vierzehn Stunden. Das Konzert dauert keine Stunde. Und ja, bei aller politischen Unkorrektheit, die ganz wunderbar zum Künstler passt, lohnt es den riesigen Aufwand. Bleibt zu hoffen, dass das Moerser Publikum diesen Coup auch zu würdigen weiß.
Auch in dieser Nacht stehen noch zahlreiche Punkte auf dem Programm des Festivals. Und da gibt es unter anderem die Balter-Party, die sich von Anfang bis Ende des Festivals durchzieht, eindeutig die junge Zielgruppe anspricht und durchaus als historisch anzusehen ist. „Tanzen, also ob niemand zusieht“ bedeutet das Wort Balter. Hier gibt es die Mainstream-Musik der Jugend als Relikt eines gespaltenen Festivals, das Tim Isfort, Künstlerischer Leiter des Festivals, nun durchaus erfolgreich zu verschmelzen versucht. Da ist die Rave-Party in der Nacht eine gute Idee. Aber auch am letzten Tag des Festivals gibt es noch zahlreiche Aufführungen, die vielversprechend angekündigt sind. Gespannt sein darf man jetzt schon auf die in diesem Jahr erstmalig geplante Abschluss-Parade.
Michael S. Zerban