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La Colonie de Vacances - Foto © O-Ton

Vivat Moers

STRENGT EUCH AN, TAG 4
(Tim Isfort et al.)

Besuch am
10. Juni 2019
(Verschiedene Aufführungen)

 

Moers-Festival, Festi­val­halle, Festi­valdorf, Musik­schule, Schlosspark, Aktivbad, Colonie de Vacances

Vier Tage in Moers am Nieder­rhein. Das ist nicht unbedingt für jedermann die Vorstellung von einem Fantasie-Ort. Das Moers-Festival hat in den vergan­genen Tagen viele Menschen vom Gegenteil überzeugt. Vier Tage lang war es ein Ort, um Musik zu genießen, Träume fliegen zu lassen und Musiker aus aller Welt kennen­zu­lernen. Es war die Stadt, in der Menschen ungeachtet ihres Alters, ihrer Religion, ihrer Herkunft friedlich mitein­ander feierten. Wie viele solcher Orte gibt es derzeit in der Welt? Rund 30.000 Besucher, so die Angaben des Veran­stalters, haben an einem Fest teilge­nommen, an dem die Polizei sich langweilte, das Sicher­heits­per­sonal die Gäste freundlich begrüßte, weil es sie vom Sehen her längst kannte, und das Service-Personal sich im Wesent­lichen bemühte, den Belangen der Gäste gerecht zu werden. Rund 250 Musiker aus 26 Ländern haben in verschie­densten Konstel­la­tionen in etwa 130 Konzerten zusam­men­ge­funden, um dieses Fest Wirklichkeit werden zu lassen.

Auch am letzten Tag fällt der Glanz nicht ab. Ganz im Gegenteil. Ob man die Vokal­künste eines Phil Minton überzeugend findet, mag dahin­ge­stellt sein. Vielleicht kann man das als humor­volles Inter­mezzo verbuchen. Ganz anders dagegen sieht es bei Širom aus. Iztok Koren, Samo Kutin und Ana Kravanja versuchen spiele­risch mit einer Unzahl an Instru­menten, sich ihrer Heimat zu nähern. Was ist passiert, dass Musiker sich ihrer Heimat annähern müssen? Antworten gibt es nicht. Aber die Musik der Menschen aus Slowenien zeigt viel von der Tradition des Landes. Das stimmt den Besucher nachdenklich.

Projektband und Kompo­nisten von Composer Kids – Foto © O‑Ton

In der Musik­schule der Stadt blüht das Festival auf. Ein paar hundert Meter vom Festi­val­ge­lände entfernt, findet hier die Veran­staltung Composer Kids statt. Die Bedeutung dieser Veran­staltung wird von den Besuchern deutlich unter­schätzt. Sechs Jugend­liche haben ihre Kompo­si­tionen einge­reicht, eine Projektband hat daraus gemeinsam mit ihnen spiel­bares Material entwi­ckelt. Trompeter Louis Laurain, Pierre Borel am Altsa­xophon, Bassist Antonio Borghini, Sophie Bernado mit ihrem Fagott, Rafaëlle Rinaudo an der Harfe und Hannes Lingens am Schlagzeug haben in Proben mit den Jugend­lichen die Kompo­si­tionen in profes­sio­nelle Klänge umgesetzt, die sich nicht vor den auf dem Gesamt­fes­tival gehörten Stücken zu verstecken brauchen. Hugin & Munin heißt das Stück von Mathis Weuthen und so heißen auch die beiden Raben Gedanke und Erinnerung, die um die Welt fliegen und Odin alles ins Ohr flüstern, was sie sehen und hören. Mit dem darauf­fol­genden XXX lässt Falk van den Bosch seiner Fantasie freien Lauf. Bei Festi­valtz von Eric van den Bosch eröffnet ein Harfen-Solo einen Walzer, der motivisch immer wieder auftaucht. Ob Julius Fischers Albin’s Journey oder Kevin Hunder-Conellys Myste­rious Encounters/​Nine Six: Alle Stücke weisen eine eindrucks­volle Komple­xität und einen Einfalls­reichtum auf, die den Großen in nichts nachstehen. Einen Schritt weiter geht Leticia Carrera Kirschgens, die ihr Gedicht Falscher Frieden vertont hat und die Urauf­führung mit einem eigenen kleinen Trompeten-Solo beschließt. Der Beifall von Freunden und Famili­en­an­ge­hö­rigen, die hier überwiegend das Publikum ausmachen, ist mehr als verdient. Nichts gegen die Musik­schule, die das Projekt nach Kräften unter­stützt hat – aber diese Ergeb­nisse hätten das große Publikum der Festi­val­halle verdient.

Neue Hörein­drücke im Aktivbad – Foto © O‑Ton

Auch Yegor Zabelov begann bereits mit 20 Jahren zu kompo­nieren. Sein Instrument ist das Akkordeon, und dessen Klang­zauber kann sich so recht in der Schwimm­halle des Aktiv­bades, so nennt sich das Allwet­terbad in Moers, gleich neben der Festi­val­halle gelegen, entfalten. Zwar hat sich dorthin nur eine kleine Schar unent­wegter Entdecker und Schwimmer verirrt, aber was die hier für einen Parforce-Ritt durch die Minimal Music zu hören bekommen, ist grandios. Besten­falls orgias­tische, orgel­ähn­liche Klänge brausen hier über das sanfte Plätschern des Wassers und lassen die Hörer das Umfeld schnell vergessen. Ein großar­tiges Erlebnis, das als vorletzter Programm­punkt noch einmal ein kräftiges Ausru­fe­zeichen hinter das diesjährige Motto des Festival Strengt euch an setzt.

Offenbar ist das Finale des Festivals nur unzurei­chend kommu­ni­ziert worden. Zum ersten Mal findet eine Abschluss-Parade statt, die im Festi­valdorf startet. So bleiben viele Plätze in der Bimmelbahn als Zentrum der Parade leer. Vorneweg fährt ein Elektro-Wagen mit einer Bläser­gruppe, die die Menschen an der Wegstrecke an die Fenster ruft. Das fahrende Piano, das zu den zahlreichen, kleinen Extras der vergan­genen Tage im Festi­valdorf gehörte, bildet den Abschluss des Umzuges, dem die Moerser auf dem Weg zum Schlosspark begeistert zuwinken. Ein schönes Erlebnis, das man sich auch zur Eröffnung schon hätte vorstellen können und das einen rauschenden Abschluss in der Colonie de Vacances findet. Das ist eine kreis­förmig angeordnete Gruppe von fünf Podien, auf denen fünf Trios simultan spielen. Ein überwäl­ti­gendes Klang­er­lebnis, wenn man sich im Zentrum der Podien aufhält. Das wird für die Teilnehmer unver­gesslich bleiben.

Die Gruppe Širom lässt slowe­nische Musik erklingen – Foto © O‑Ton

Das Gesamt­kunstwerk Moers-Festival ist zu Ende. Überzeugend kompo­niert, mit zahlreichen Höhepunkten gepfeffert, konnte es selbst Menschen überzeugen, die dem Jazz mit all seinen Facetten und Auswüchsen skeptisch gegen­über­stehen. Eine Menge neuer Hörein­drücke bleiben im Gedächtnis haften. Die inter­na­tionale Bandbreite der Gäste trug zur weltof­fenen Gesinnung des Festivals ebenso bei wie exotische Tupfer, die man sonst nicht so leicht zu hören bekommt. Von manch einem mag es Mut verlangt haben, sich nicht auf „große Namen“ verlassen zu können, belohnt wurde jeder mit einer Programm­vielfalt, die ihres­gleichen sucht. Mindestens so ehrenwert ist der Versuch, die Bürger der Stadt in das Geschehen einzu­binden. Hier wird sicher in den kommenden Jahren noch viel Arbeit zu leisten sein, aber der Weg stimmt. Auch am Ende der vier Tage hat das Konzept der Paral­lel­ver­an­stal­tungen nicht endgültig überzeugt. Was mit Sicherheit auch am dringend überar­bei­tungs­be­dürf­tigen Programmheft liegt. Trotzdem bleibt das Gefühl, alles Wesent­liche mitbe­kommen zu haben, wenn auch vielleicht nicht in allen Spiel­arten. Für die organi­sa­to­rische Leistung gebührt neben dem Leitungsteam auch ein dickes Lob den zahlreichen Helfern, die so unermüdlich wie unauf­fällig maßgeblich zum Geschehen eines Festes beigetragen haben, auf dessen Weiter­ent­wicklung im nächsten Jahr sicher heute schon viele Menschen warten.

Michael S. Zerban

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