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JA, EH!
(Stefanie Sargnagel)
Besuch am
11. Juli 2019
(Gastspiel)
O’zapft is!“ würde man in München sagen. Und Bier in großen Krügen gibt es auch. Aber beim Asphalt-Festival in Düsseldorf steht in den nächsten elf Tagen eher die geistige Nahrung im Vordergrund. Zum siebten Mal wird das Festival veranstaltet – und nie war es so nötig wie heute. In einer Zeit, in der die Gesellschaft implodiert und sich in Gemeinschaften oder Blasen auflöst, wenn die Rechtspopulisten nicht nur in Deutschland die Ernte einer jahrzehntelang missratenen Politik einfahren und Menschen massenhaft im Mittelmeer ertrinken, während die Retter verhaftet werden, ist es wichtiger denn je, dass die Kunst den Diskurs mitbestimmt, Signale gegen Unmenschlichkeit setzt und möglicherweise auch Menschen Orientierung gibt, die sich in dieser „Transformationsphase“, wie es ein Wissenschaftler zynisch bezeichnet, nicht mehr zurechtfinden. Das Asphalt-Festival wird die Welt nicht ändern, aber vielleicht Impulse setzen. Das ist der Tenor der Eröffnungsreden, die die beiden Künstlerischen Leiter, Christoph Seeger-Zurmühlen und Bojan Vuletić, in diesem Jahr vom Blatt vortragen – zu wichtig sind die Inhalte geworden, als dass man sie noch freihändig aufsagen wollte. Oberbürgermeister Thomas Geisel – er hat es sich auch in diesem Jahr nicht nehmen lassen, die Eröffnung des Festivals mitzugestalten – zeigt sich wie das Publikum beeindruckt von den schon manifestartig vorgetragenen Reden und bedankt sich für die tiefe Ernsthaftigkeit, die das Programm der kommenden Tage unterfüttert. Es war die eindrucksvollste Eröffnung in sieben Jahren, und ein Blick auf das Programm zeigt, dass es den hohen Ansprüchen mehr als genügen wird, ohne die Unterhaltung aus den Augen zu verlieren.

Blendend unterhalten dürfen sich auch gleich die Besucher der Auftaktaufführung fühlen. Asphalt hat das Rabenhof-Theater aus Wien eingeladen, das Stück Ja, eh! – Beisl, Bier und Bachmannpreis auf der Grundlage von Texten des enfant terrible Stefanie Sargnagel einzuladen. In etwas mehr als einer Stunde wird die Geschichte einer 30-jährigen Autorin mit Saft und Kraft geschildert, die gerade einen finanziellen Erfolg verbuchen konnte. Orientierungslos irrt sie zwischen den Wünschen nach einem bürgerlichen Leben und den Begehrlichkeiten eines Künstlerlebens hin und her.
Allein die Bühne ist schon eine Wucht. Links ist die dreiköpfige Band aufgebaut. Im Hintergrund gibt es eine Schrankwand, die es in sich hat. Sarah Sassen hat hier eine eigene Welt erschaffen, die sich nach und nach aus den Türen dieser Schrankwand ergießt. Das ist schlicht genial. Und Regisseurin Christina Tscharyiski weiß damit gekonnt umzugehen. Sie hat die Texte von Sargnagel auf drei Schauspielerinnen übertragen, die mal eine, aber auch mal zwei Figuren darstellen. Jedenfalls entspringen die drei – Miriam Fussenegger, Lena Kalisch und Saskia Klar – dieser Schrankwand, aus der später ein Altar, ein Bett, eine Bar und was sonst noch alles entstehen. Die drei jungen Damen in den Kostümen von Cátia Palminha, die auf „Künstlerkleidung“ der so genannten Freien Szene setzt, erzählen die Geschichte der Autorin, die gerade für ihren Text ein Honorar erhalten hat. Sie weiß nicht recht, mit ihrem Tag umzugehen. Research oder Dauerfernsehen? Sie entscheidet sich für einen Besuch der Eislaufhalle. Denn die 2017 uraufgeführte Geschichte spielt um die Weihnachtszeit, woran man sich in der Glashalle des Weltkunstzimmers am 11. Juli bei 25 Grad etwas gewöhnen muss. Von der Halle geht es zum Treffen mit einer Freundin, die gerade von ihrem Freund verlassen wurde und entsprechend leidet, im Beisl, also der Eckkneipe.
Sargnagels Texte pendeln zwischen Frechheit, Offenheit, Zweifel, Humor, Resignation, feministischem Selbstbewusstsein und Agonie. Die Schauspielerinnen setzen das bewundernswert mit trockenem Humor und in eindrucksvollen Spielszenen um.
Kombiniert wird das Bühnenspiel mit dem Auftritt von Vodoo Jürgens und seiner Band. Jürgens aka David Öllerer gilt als Shooting Star der Austropop-Szene. Die deutschen Besucher erfreuen sich an seiner Darstellung. Bei der Sprache steigen sie aus. Hier ist so gut wie nichts zu verstehen. Beim Urwienerisch wären in Düsseldorf Übertitel angebracht. Die aber niemand vermisst, weil sein Duktus klar zu sein scheint. Er erzählt Geschichten von den einfachen Menschen, die sich im Leben durchschlagen müssen, ohne dass es ihnen immer gelingt. Begleitet wird er, wenn er nicht selbst zur akustischen Gitarre greift, von Martin Dvoran am Bass, Matthias Frey an elektronischem Piano und Geige sowie David Schweighart am Schlagzeug.
Aus der Orientierungslosigkeit der Künstlerin gibt es kein Entrinnen. Aber wie viele der Besucher erkennen sich gerade in diesen Irrungen wieder? Offenbar kann sich das Publikum ganz wunderbar damit identifizieren. Denn die Begeisterung ist groß. Der Applaus ist herzlich und endet im Stehen. Damit ist der Auftakt des Asphalt-Festivals ein absoluter Erfolg. Noch am selben Abend gibt es die Düsseldorf-Premiere einer aufwändigen Arbeit von Ben J. Riepe. Da darf man auf den Kontrast gespannt sein.
Michael S. Zerban