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An den Grenzen des Belastbaren

MENDO/​ANGST
(Ben J. Riepe)

Besuch am
11. Juli 2019
(Premiere)

 

Asphalt-Festival, Bürger­bühne, Alte Farbwerke, Düsseldorf

Nach den intel­li­genten Texten von Stefanie Sargnagel, die Künstler nun mal so beschäf­tigen, gibt es einen scharfen Kontrast mit der neuesten Arbeit Medo/​Angst von Ben J. Riepe. Hier reduzieren sich die Worte auf wenige Aussagen, die Körper­lichkeit steht im Vorder­grund. Der Choreograf, der seinen Arbeitssitz in Düsseldorf hat, hat für seine Ausein­an­der­setzung mit dem Thema Angst viel Aufwand getrieben.

Bereits Anfang 2017 reiste Riepe auf Einladung des Goethe-Instituts nach Salvador de Bahia in Brasilien zu einer ergeb­nis­of­fenen Recherche. Dabei lernte er Künstler aus den Favelas kennen, die in der Stadt keinerlei Sicht­barkeit erfahren. In der Folge entstand eine Zusam­men­arbeit, die sich mit dem ausein­an­der­setzte, was die meisten von ihnen im Innersten Antrieb. Es ist die Angst vor den sich ändernden Macht­struk­turen, die Diskri­mi­nierung und Ausgrenzung mit sich bringen. Im Januar und März dieses Jahres hielt sich Riepe erneut in Brasilien auf, ehe eine Gruppe brasi­lia­ni­scher Künstler im Juni zu einer Sommer­schule im Weltkunst­zimmer anreiste. Als Ergebnis zeigte das Ensemble beim Sommerblut-Festival in Köln die Urauf­führung von Medo/​Angst. Jetzt findet das Stück zu vorge­rückter Stunde erstmals seine Aufführung im Probenraum der Bürger­bühne in den Alten Farbwerken Düsseldorf.

Vor ausver­kauftem Haus trällern die sechs Darsteller Sebastião Abreu, Sauane Costa, Aaron S. Davis, Thor Galileo, Wendel Lima und Tyshea Suggs ein Liedchen, während sie durch die Zuschau­er­reihen schlendern. Sie sind in sport­licher Freizeit­be­kleidung unterwegs. Erst als es auf die Bühne geht, wird die Stimmung ausge­las­sener. Die Bühne von Gwen Wieczorek ist zu diesem Zeitpunkt leer. Lediglich ein paar Requi­siten, die noch nicht erkennbar an der Seite lagern, lassen vermuten, dass hier Änderungen anstehen. Mit ein paar Weißlicht-Spots und einem LED-Licht­rahmen, der recht­eckig über der Bühne hängt, werden Luiz Guimarães und Riepe für die nötige Stimmung sorgen. Die heitere Ausge­las­senheit des Tanzes, bei dem jeder für sich bleibt, wird zunehmend nervöser und hekti­scher, bis sie zu den Klängen klassi­scher Musik, die zunehmend verlangsamt wird, plötzlich kippt.

Foto © Ursula Kaufmann

Riepe baut ein Szenario auf, mit dem er bis an die Grenzen der Belast­barkeit geht. Die Musik wird laut und schrill, zwischen­durch sind Hubschrauber zu hören, Hunde kläffen gefährlich, die Stimmen eines Polizei­ein­satzes werden überlaut. Die Tribüne wird komplett unter Nebel gesetzt, die Tänzer haben bis auf ihre Unter­hosen ihre Kleidung abgelegt, die Bewegungen werden wilder. Plötzlich kommen Farben und Masken ins Spiel. Einer der Tänzer trägt eine Fantasie-Maske aus zwei aufein­an­der­ge­setzten Stiefeln, seine Haut bekommt weiße Flecken, bei einer anderen ist die Brust rot verfärbt, bei der dritten ist das Gesicht rußge­schwärzt. Ein unange­nehmer Geruch von irgend­welchen Räucher­stäben und Zigarren breitet sich aus. In der ohnehin schon stickigen Luft ist es für die Besucher kaum noch auszu­halten, auch bei ihnen breitet sich Unwohlsein aus. Von Angst möchte man da noch nicht sprechen, schließlich ist die Ausgangstür in Reich­weite. Die Tänzer verlieren sich in wilden Zuckungen, Märschen, körper­lichen Ausein­an­der­set­zungen. Woher sie die Kraft und Kondition für diese Dauer­ver­aus­gabung nennen, ist völlig schlei­erhaft. Das Szenario wird immer unerträg­licher. Gegenwehr, Flucht, Aggression, Solida­ri­sie­rungs­ver­suche bis hin zum Tod werden sichtbar. Längst wird das eigene Unwohlsein auf die Darsteller proji­ziert. Diese jungen Menschen, die man eingangs doch so nett fand, sind inzwi­schen unsym­pa­thisch, aufdringlich, nervig. Eine Projektion, die weiteres Unbehagen freisetzt, weil du ja genau weißt, dass die hier am aller­we­nigsten dafür können.

Riepe zeigt ein bildge­wal­tiges, alle Sinne anspre­chendes, aber auch bis zur Unerträg­lichkeit gewalt­tä­tiges Werk. Aber es wird dauern, bis die Ausein­an­der­setzung mit dem Gezeigten beginnen kann. Vorerst stehen Lärm- und Geruchs­be­läs­tigung sowie die fehlende Sicht im Nebel im Vorder­grund, die man als Beein­träch­tigung des persön­lichen Wohlbe­findens erlebt. Erst später, nachdem die angenehme Abendluft für freie Atemwege und einen klaren Kopf sorgt, dringt das Erlebte ins Bewusstsein durch. Und du weißt ganz sicher, dass du solche Situa­tionen nicht erleben möchtest. Nicht einmal im übertra­genen Sinne. Aber das Stück, das könntest du dir noch tausend Mal anschauen. Das geht wahrhaftig unter die Haut.

Michael S. Zerban

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