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SCHWARZ-HELLE NACHT
(Christof Seeger-Zurmühlen)
Besuch am
12. Juli 2019
(Uraufführung)
Wir schreiben den 9. November. Es ist kalt und regnerisch, wie so oft um diese Jahreszeit in Düsseldorf. Unbeirrt ziehen Kinder mit ihren Martinslaternen durch die Stadt, die jüngsten in Begleitung ihrer Eltern. Die Kinder wissen es noch nicht, die Erwachsenen haben es längst mitbekommen. Zwei Tage zuvor, am 7. November 1938, verübt der junge Pole Herschel Grynszpan in Paris ein Attentat auf den deutschen Legationssekretär Ernst Eduard vom Rath. Am 9. November erliegt der Diplomat um 17.30 Uhr seinen Verletzungen. Ab 22 Uhr entlädt sich in Deutschland der „Volkszorn“. So wird es die Propaganda später darstellen. Für die Nationalsozialisten könnte der Zeitpunkt nicht besser sein. Ihre antisemitische Hetze seit 1933 zeigt längst Wirkung. Endlich ist der Anlass gekommen. SA-Männer, Parteifunktionäre, HJ-Mitglieder und Passanten bewaffnen sich mit Messern, Äxten, Steinen, Stangen und Fackeln, um dem „Volkszorn“ auf die Beine zu helfen. Die ganze Nacht und am darauffolgenden Tag überfallen sie Geschäfte und Privatwohnungen. Sie prügeln auf Menschen ein, werfen Möbel und Klaviere aus den Fenstern, entzünden sie auf dem Straßenpflaster, auf dem die Kinder stolz ihre selbstgebastelten Laternen mit den flackernden Kerzen schwenken, um der Nächstenliebe zu huldigen. Die Synagoge an der Kasernenstraße steht in Flammen, die Feuerwehr daneben, um Übergriffe der Flammen auf angrenzende Häuser zu verhindern.

Seitdem rechtspopulistische Kreise die deutsche Erinnerungskultur in Frage stellen, fragt sich Christof Seeger-Zurmühlen, was man einem solch gefährlichen Trend entgegensetzen kann. Seit rund einem Jahr arbeitet er mit dem Theaterkollektiv Pièrre.Vers daran, seine Idee umzusetzen. Nebenbei sei erwähnt, dass das Kollektiv vor einem Jahr noch Per.Vers hieß und die Verwässerung jetzt so überflüssig wie ein Kropf ist. Das ändert aber nichts an der klugen Idee. Wenn man das Publikum an die konkreten Orte des Pogroms führt, kann keiner mehr sagen, er hätte nichts gewusst – oder schlimmer noch: Das stimme alles so nicht. Also steigen Christof Seeger-Zurmühlen und Bojan Vuletić tief in die Archive der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf. Denn dort gibt es eine Sammlung von Audio-Dateien von Interviews mit Zeitzeugen. Und die beiden entdecken so einiges, was sie konkreten Ereignissen und Orten zuordnen können.
Oft ist ja die Rede davon, wie wichtig das Stadttheater für den öffentlichen Diskurs in der Stadtgesellschaft sei. Immer öfter allerdings stellt sich auch die Frage, wie eben diese Theater bei ständig sinkenden Budgets ihre Selbstlegitimation noch aufrechterhalten können. Gewiss eine fatale Entwicklung. Und die gilt vielleicht sogar umso mehr für ein Festival, das Jahr für Jahr neue Fördermittel beantragen muss, anstatt mit einer Planungssicherheit zu arbeiten. Die Arbeit, die Seeger-Zurmühlen und sein Team mit Schwarz-helle Nacht geleistet haben, ist allerdings auch mit einem für ein Stadttheater übliches Budget nicht mehr abzubilden. Dieser außerordentliche Einsatz ist es, der das Asphalt-Festival zu einem ganz besonderen Ereignis macht. Neben Recherche, Ideen- und Konzeptentwicklungen müssen für Aufführungen im öffentlichen Raum Stunden um Stunden für Genehmigungen für die oft absurdesten Dinge absolviert werden. Mit Schwarz-helle Nacht haben sich die Akteure noch zusätzliche Hürden aufgebaut.
Aber pünktlich zur Uraufführung ist alles geschafft. Die Genehmigungen von öffentlicher Hand liegen vor, private Hausbesitzer haben ihre Erlaubnisse erteilt, Wohnungsmieter werden ihre Türen öffnen, die Rheinbahn stellt ihren Bus zur Verfügung, modernste Technik wird nicht versagen. Die Darsteller und Statisten sind geprobt und von Simone Grieshaber in pseudo-historische Kostüme eingekleidet, Requisiten sind vor Ort. Dass die Crew von Seeger-Zurmühlen seit vielen Jahren in der Begleitung der Besuchergruppen durch die Stadt erfahren ist, erleichtert das Unterfangen.
Im Frühstücksraum des Max Brown, eines Hotels an der Ecke Marien-/Kreuzstraße geht es los. Verschiedene Anwohner des Jahres 1938 stellen sich vor. Man muss dem Geschehen sehr konzentriert folgen, weil die Darsteller ständig ihre Rollen ändern. Zwischendurch tauchen Statisten vor den großen Fenstern des Raums auf. Nach etwas mehr als einer Viertelstunde bricht das Ensemble mit der Besucherschar zu seiner performativen Zeitreise auf. Die Besucher haben Kopfhörer auf. Die Tonübertragung funktioniert makellos. Für so viel Perfektion geht ein besonderer Dank an Philipp Kaminsky, der selbst in schwierigsten architektonischen Verhältnissen die Technik im Griff hat. Inzwischen längst bekannte und liebgewonnene Darsteller begleiten die Reise: Anna Beetz, Julia Dillmann und Nora Pfahl sorgen mit Christof Seeger-Zurmühlen und Alexander Steindorf dafür, dass die Besucher sicher zu den einzelnen Stationen finden und alle nur erdenklichen theatralen Formen ihren Einsatz finden. Von der Stadtbesichtigung, die über die Umbenennungen von Straßen informiert, über eindrucksvolle biografische Schilderungen, die abseits aller Deklamation erfolgen, bis hin zu Interviews mit interessanten Menschen und das Verlesen von Dokumenten. Hier wird nichts ausgelassen, was an Darstellungsformen möglich ist. Alles nahezu fehlerlos und überzeugend vorgetragen.
Bojan Vuletić hat zu dem Thema eine grandiose Musik komponiert und die richtigen Hintergrundklänge gefunden. Neben eindrücklichen Klaviermusiken erklingen mahnende Glocken. Einer der Höhepunkte ist sicher die Klangcollage, die mit einer Erzählung beginnt, sich auf zwei Erzählungen parallel erweitert, um schließlich in einer Kakophonie zu ändern, die das Thema noch einmal nachdrücklich unterstreicht.
Während die zwei Stunden wie nichts verfliegen, dürfen die Besucher sich selten wohlfühlen. Deutlicher kann man Geschichte kaum greifbar machen. Und dem Letzten wird klar, dass ein solches Geschehen wie 1938 heute genauso selbstverständlich möglich wäre. Absurd? Ist der Gedanke nach dieser Tour überhaupt nicht mehr. Eine Polizei, die auf dem rechten Auge blind ist, eine Gesellschaft, die nach rechts rückt und sich von der Solidarität verabschiedet, da ist der November nicht mehr weit. Am Ende dieses Abends bleibt aber die Gewissheit, dass mindestens eine Busladung Menschen in Zukunft sehr genau hinschauen wird. Und am Ende des Düsseldorf-Festivals, das sich dem Asphalt-Festival anschließt, werden es 16 Busladungen sein. Eine erfreuliche Vorstellung.
Michael S. Zerban