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HYMNE AN DIE LIEBE
(Marta Górnicka)
Besuch am
20. Juli 2019
(Einmaliges Gastspiel)
Was konnten wir Nachkriegskinder stolz auf Deutschland sein. So viele Jahre. Unsere Eltern haben ein Land wiederaufgebaut, in dem seit 74 Jahren Frieden herrscht. Wir haben Grenzen geöffnet zu anderen Ländern und in unseren Köpfen. Wir haben Menschlichkeit in ganz großen Lettern auf unsere Fahnen geschrieben. Und plötzlich müssen wir erleben, wie von uns gewählte Politiker Mitschuld daran tragen, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken. Wie gehen wir, verdammt noch mal, damit um? Menschen, denen wir das Land und unsere Werte anvertraut haben, schließen Grenzen und verhöhnen christliche Werte wie Nächstenliebe. Dürfen wir da tatenlos zusehen?
Ähnliche Sorgen plagen die Polin Marta Górnicka. Denn auch in Polen müssen die Menschen zuschauen, wie Kleinkinder ersaufen, weil Braunhirne so tun, als dürften sie sich über andere Menschen erheben. Górnicka allerdings ist im Vorteil. Sie ist Künstlerin. Und sie hat einen Weg gefunden, sich künstlerisch mit dem auseinanderzusetzen, was gerade in Europa passiert. Mit der Hymne an die Liebe hat sie ein chorisches Werk der Extraklasse geschaffen, das nun auch endlich in Düsseldorf beim Asphalt-Festival angekommen ist. Gerade rechtzeitig zum Ende eines Festivals, das sich in diesem Jahr qualitativ selbst überschlagen hat und nun noch einmal einen fulminanten Schlusspunkt setzt.

Die Zeiten, in denen beim Asphalt-Festival irgendeine Spielstätte nur mit ein paar Besuchern frequentiert ist, scheinen endgültig vorbei. Und so ist die große Bühne des Central, die Ausweichspielstätte des Düsseldorfer Schauspielhauses am Hauptbahnhof, auch an diesem Abend nahezu bis auf den letzten Platz besetzt. Die großartige Bühne von Robert Rumas breitet sich vor dem Plenum aus: Holzdielen ziehen sich bis zur Hinterwand, die steinern wirkt und sich in die Höhe zieht. Auf ihr ist Platz genug für die Übertitel, rechts und links der Plattform sind ein paar Stoffpuppen von Konrad Czarkowski und Geigen abgelegt. Mehr braucht es nicht, um dem begeisternden Personal den Boden zu bereiten. Artur Sienicki setzt mit Weißlicht ein paar eindrucksvolle Akzente, bleibt aber ansonsten bei ausgeglichener Helligkeit. Martialisch soll der Raum wirken – das passt am besten zu den dargebotenen Inhalten. Und dass die alle angehen, wird in der Kostümauswahl von Anna Maria Karczmarska deutlich. Hier findet sich die breite Palette heutiger Kleidung vom „Schlabberlook“ bis zum edlen Sommerkleidchen. Auf eben diese Vielfalt hat auch Górnicka viel Wert bei der Personalauswahl gelegt. 22 völlig unterschiedliche Typen betreten die Bühne, um die Musik von Teoniki Rožynek in der Choreografie von Anna Godowska darzubieten. Die Botschaft ist offensichtlich: Es geht uns alle an, und jeder ist gemeint.
Von der Mitte des Zuschauerraums aus dirigiert Górnicka selbst das Lied vom vergesslichen Volke. Überwiegend im Marschtempo erzählt der Chor seine Geschichte. Das Volk schaut zu, wie die Kinder sterben, es schließt die Grenzen seines Landes, um den Preis dafür nicht zahlen zu müssen, das eigene Wohlergehen zu teilen. Die Freiheit soll für kleine Münze zu haben sein. Wie der Schriftsatz einer Anklage leuchten die Übertitel in Deutsch und Englisch auf der rückwärtigen Wand, groß und deutlich, damit es niemand übersehe. Immer wieder rückt der Chor zur Rampe vor, um dem Publikum „die“ Wahrheit, seine Wahrheit ins Gesicht zu schreien. Er verrät damit sich selbst. Nicht der, der am lautesten lamentiert, schreit, klagt, aufbegehrt, ist derjenige, der Recht hat. Verräterisch auch Textfragmente, die aus „patriotischen“ Liedern zitiert werden. Dieser Griff in die rhetorische Trickkiste längst überwunden geglaubter Zeiten ist nicht nur für die Polen eine neue, erschreckende Erfahrung. Passend als Finale die Scheinheiligkeit, mit der Worte aus Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion zu gezupften Geigenklängen gesungen werden. Ein Christentum, das Kirchenmusik verehrt und gleichzeitig die Menschlichkeit verrät, hat keine Existenzberechtigung. In keinem Land dieser Erde. Und da mag der Chor in noch so vielen Formationen aufmarschieren, „Prawda“ – Wahrheit – ohne Unterlass im Sprechgesang der hart klingenden polnischen Sprache skandieren: Wer andere Menschen hilflos untergehen lässt, ist im Unrecht. Einhelliges Bravo seitens des Publikums, das nicht nur die handwerkliche, sondern auch die künstlerische Leistung langanhaltend würdigt.
Ein aufrüttelndes, wuchtiges Finale dieses siebten Asphalt-Festivals, das in elf Tagen mehr als 7.000 Besucher erlebt haben. Mit 52 Aufführungen, kostenloser Nachtkonzert-Reihe, Ausstellungen, einer Diskussionsveranstaltung und einem Open-Air-Konzert sowie den Klavieren in der Stadt sind Christoph Seeger-Zurmühlen, Bojan Vuletić und ihre zahlreichen Helfer auf überwiegend höchstem künstlerischem Niveau an die Grenzen des Machbaren gegangen. Sieben Uraufführungen und dreizehn Koproduktionen zeugen überdies vom kreativen Potenzial des Festivals, das damit einen wichtigen Beitrag zu mehr Menschlichkeit in unserer Gesellschaft geleistet hat.
Von der Schwarz-hellen Nacht wird es beim Düsseldorf-Festival vom 11. bis 30. September noch einmal sechs Vorstellungen geben. Das achte Asphalt-Festival findet im kommenden Jahr vom 9. bis zum 19. Juli statt.
Michael S. Zerban