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Angst vor braunem Sumpf

NACH DEN LETZTEN TAGEN. EIN SPÄTABEND
(Uli Fussenegger)

Besuch am
21. August 2019
(Premiere)

 

Ruhrtri­ennale, Audimax der Ruhr-Univer­sität Bochum

Es war die mit Abstand asketischste Eröffnung einer Ruhrtri­ennale in den 17 Jahren ihres Bestehens. Sechs Musiker, elf Schau­spieler in Alltagsklei­dung, die Hälfte der Sitzreihen des ovalen Audimax der Bochumer Ruhruni­ver­sität als natur­be­lassene Spiel­fläche: Das ist alles. Theater mit reduzierten Mitteln muss kein Nachteil sein, wenn man sich auf eine wirksame Vorlage verlassen kann. Daran lässt die Kreation Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend aller­dings zweifeln. Das Gemein­schafts­produkt der Libret­tistin Stefanie Carp, des Regis­seurs Christoph Marthaler und des Musikers Uli Fusse­n­egger bietet eine zweiein­halbstündige Melange aus überfrach­tetem Redeschwall und musika­li­schen Beilagen mit aufge­setztem Trauerflor.

Dabei klingt das Konzept des Produk­tions-Teams durchaus vielver­spre­chend: Ein imagi­näres Parlament aus dem nächsten Jahrtausend gedenkt der Befreiung eines ehema­ligen Konzen­tra­ti­ons­lagers mit der bitteren Absicht, „Rassismus zum Weltkul­turerbe“ ernennen zu wollen“. Dabei sondern die elf grandiosen Schau­spieler des Marthaler-Ensembles, die sich in den leeren Reihen ihres Spiel­felds verlieren, zunächst mehr als anderthalb Stunden lang fiktiven und realen, überwiegend rechts­po­pu­lis­ti­schen bis rechts­ra­di­kalen Ge­dankenmüll von Victor Orbán, öster­rei­chi­schen Politikern und natürlich AfD­-Promis ab, wobei die Grenzen zwischen Dichtung und Wahrheit immer wieder verschwimmen. Üble Texte, die in ihrer simplen Eindeu­tigkeit so stark dominieren, dass sich relati­vie­rende Zitate liberaler Zeugen kaum durch­setzen können, aber auch die ursprüng­liche Intention des Konzepts, mit der vor einer Gewöhnung an Rassismus und Ausgrenzung gewarnt werden soll, an Schärfe und Trans­parenz verliert . Es scheint, dass Stefanie Carp, die sich als Inten­dantin der Ruhrtri­ennale im letzten Jahr aufgrund einer umstrit­tenen Einladung einer Israel-kriti­schen Rockband völlig haltlos antise­mi­ti­schen Angriffen ausge­setzt sah, ihre antiras­sis­tische Position mit unmiss­ver­ständ­lichem Nachdruck zemen­tieren will.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Dass dieser lange, ermüdende Teil des pausenlos zelebrierten Abends nicht in allzu platte Plaka­ti­vität verfällt, ist den wunderbar indivi­duell agierenden Schau­spielern der Marthaler-Truppe zu verdanken. Eindrucksvoll, wenn etwa Josef Ostendorf mit samtweicher Stimme die üblen Hetzreden des Wiener Bürger­meisters Karl Lueger aus dem 19. Jahrhundert rezitiert. Uli Fusse­n­egger unter­streicht dagegen mit seinen Musik­bei­trägen eher die vorder­gründige Struktur der Text-Collage, indem er die braune Verbal-Soße stilge­recht und klischee­be­haftet mit aggressiv aufbe­rei­teten Wagner-Zitaten und sämigem Schlager-Schwulst garniert.

Foto © Matthias Horn

Das ändert sich in den letzten 45 Minuten, wenn die Schau­spieler schweigen und Fusse­n­egger mit seinen fünf Musikern originale und mehr oder weniger gelungen arran­gierte Werke von Kompo­nisten des Vorzeige-Konzen­tra­ti­ons­lagers There­si­en­stadt anstimmt. Lieder, Solostücke und Kammer­musik in diversen Beset­zungen, denen Fusse­n­egger mit Klari­nette und Akkordeon einen melan­cho­li­schen, bisweilen senti­men­talen, auf Betrof­fenheit ausge­rich­teten Klezmer-Anstrich verleiht. Gleichwohl gehören die ausge­wählten Beispiele von Viktor Ullmann, Pavel Haas und Erwin Schulhoff, aber auch weniger bekannten „There­si­en­städtern“ wie Józef Koffler und Szymon Laks, zu den bewegendsten Beiträgen des Abends. Das hätte gereicht. Wenn das Ensemble am Ende zu den Klängen von Mendels­sohns Choral Wer bis an das Ende beharrt zu einer Art Todes­marsch aufbricht, fällt die Produktion aller­dings in das Betrof­fen­heits-Pathos des langen Anfangs­teils zurück.

Eine solche Mischung aus Vorlesung und Konzert schränkt die szeni­schen Möglich­keiten des Regis­seurs natürlich stark ein. Es ist Christoph Marthaler zugute­zu­halten, dass er unange­mes­senen Aktio­nismus gar nicht erst nicht anstrebt, sondern die Leistungs­fä­higkeit seiner Schau­spieler durch Zurück­haltung und ausge­feilte Detail­arbeit heraus­stellt. Kleine Gesten wirken da nachhal­tiger als hekti­scher Bewegungs­drang. Gleichwohl fällt es auch einem Profi wie Marthaler nicht leicht, angesichts des überla­denen Texts und des langen musika­li­schen Finales auf Dauer mehr anzubieten als die Sitzpo­si­tionen der Schau­spieler in den leeren Rängen der weiten Spiel­fläche zu ändern.

Ein anstren­gender, anregender, durch die Textflut aber auch ermüdender Abend mit reduzierten szeni­schen Mitteln. Eine Beschränkung, die auch dem Libretto gut anstehen würde. Die Angst vor der Akzeptanz des Rassismus als gesell­schafts­fähige Norma­lität wird recht deutlich. Möglich­keiten, solchen Tendenzen entge­gen­zu­wirken, aber auch die Gefahren der eigenen Vierführ­barkeit: Hinter­gründige Fragen dieser Art bleiben dagegen außen vor. Mit diesem Mangel wirkt der Abend letztlich wie eine resignierte Klage auf einen bedenk­lichen, offen­sichtlich nicht mehr aufzu­hal­tenden Prozess. Entspre­chend anerkennend, wenn auch etwas ermattet fällt der Beifall des Premie­ren­pu­blikums aus.

Pedro Obiera

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