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BACCHAE – PRELUDE TO A PURGE
(Marlene Monteiro Freitas)
Besuch am
29. August 2019
(Premiere)
Gebärdeten sich die ersten drei großen Produktionen der vor einer Woche eröffneten Ruhrtriennale in der Obhut von Christoph Marthaler, Heiner Goebbels und David Marton als kopflastige, teilweise knochentrockene Trauerfeiern am Rande des Weltuntergangs, erinnert die Choreografin Marlene Monteiro Freitas mit ihrer dreizehnköpfigen Truppe daran, dass Vitalität und Spielfreude nicht im Widerspruch zu seriöser und anspruchsvoller Theaterarbeit stehen müssen. Freitas beruft sich in ihrer gut zweistündigen, pausenlos abrollenden Kreation Bacchae – Prelude to a Purge, was so viel bedeutet wie Bacchantinnen – Vorspiel zu einem Reinigungsprozess, zwar auf Euripides‘ Drama um das Schicksal der Bacchantinnen und die reinigende Kraft der von der Tragödie ausgelösten Katharsis, nutzt den antiken Stoff allerdings nur als Inspirationsquelle für eine vor Energie und Fantasie geradezu explodierende Eruption an Gewalt, skurrilem Witz, Sinnlichkeit und Lebenskraft, die das Premierenpublikum im Essener PACT Zollverein geradezu elektrisiert.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Tanz | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| CHoreografie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Ein „Bacchanal“ im ursprünglichen Sinn des Wortes. Denn die Bacchantinnen stellt Euripides als Frauen Thebens dar, die sich, wie ihr König Pentheus und dessen Mutter Agaue weigern, Dionysos als Gott anzuerkennen und von ihm verflucht werden. Die „Bacchantinnen“ sind verdammt, in rauschhaftem Zustand Männer anzulocken und dann in Stücke zu reißen, Agaue köpft im Delirium ihren eigenen Sohn Pentheus.
Die konkrete Handlung interessiert die Choreografin freilich ebenso wenig wie die ausgeprägten Charaktere in Euripides Drama. Eher die Auswüchse der Sinnesverwirrungen, die sich in einer ebenso brutalen wie hintergründig unterhaltsamen Orgie entladen, Dafür ließ sich die aktiv mittanzende Choreografin stärker vom Karneval ihrer kapverdischen Heimat inspirieren als von Euripides. Gewalt und Tod äußern sich in quicklebendiger Dynamik und Lebensfreude, wobei die Identität der Charaktere durch Masken verschleiert wird. Das schlägt sich in Bacchae in einem musikalisch betörenden Reigen rhythmisch betonter Beispiele aus allen Musik-Genres von stampfenden Beat-Rhythmen über federnde Salsa-Einflüsse und avantgardistische Improvisationen bis zu mehr oder weniger originalen Titeln von Joaquin Rodrigo, Henry Purcell und Maurice Ravel nieder. Der katastrophische Schluss des Bolero wird in dem sich zuspitzenden Rauschzustand der Tänzer zu einem Finale von überwältigender Kraft geführt, das sowohl Zerstörung als auch Lebenswillen ausdrückt. Ruhepunkte sind sparsam eingestreut, wirken aber umso eindringlicher. Geradezu verstörend, wenn zur einzigen Filmeinblendung, dem knallhart abgelichteten Geburtsvorgang einer völlig auf sich allein gestellten japanischen Mutter, in kaum hörbarem Pianissimo die ergreifende Klage der Dido aus Purcells Dido and Aeneas erklingt.

Ansonsten verzichtet Freitas auf medialen Schnickschnack und konzentriert den Blick auf ihre in schlichtes, sich allerdings blutrot färbendes Weiß gekleideten Tänzer, die alle Stile mit unerschöpflicher Kondition und Präzision bedienen. Die Musik erklingt vom Band und wird von fünf auch schauspielerisch fleißig agierenden Trompetern ergänzt, die die Szenerie klanglich verfremden, wenn sie etwa die Trauerakkorde der Dido-Arie fortführen, unerbittlich oft wiederholen und damit die Tänzer in einen Rausch versetzen. Nicht zu vergessen die geradezu halsbrecherisch virtuosen Improvisationen einiger Trompeter.
Was Bühnenbild und Requisiten angeht, verhält sich die Choreografin äußerst zurückhaltend. Stühle und Notenständer, die als Waffen, Augenblenden, Schreibmaschinen und Ruderstangen benutzt werden: Das ist alles, reicht aber völlig aus, den Blick nicht von dem bisweilen animalisch sinnlichen Tanzereignis abzulenken.
Es ist das erste Mal im Rahmen des zweiten Jahres der von Stefanie Carp geleiteten Ruhrtriennale, dass das Publikum nach einer mehr als zweistündigen, wie mittlerweile stets pausenlos abrollenden Produktion nicht ermattet reagiert, sondern mit hellwacher Begeisterung. Das lässt hoffen für die restlichen Wochen des Festivals, das spürbar an Bodenhaftung zu verlieren droht.
Pedro Obiera