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Seit 2015 wird ausgerechnet im westfälischen Minden ein Ring des Nibelungen erarbeitet, der 2018 mit einer beachtlichen Götterdämmerung sein großartiges Ende fand. Allein das war schon eine kleine Sensation für sich. Während sich schon größere Theater an Wagners Zyklus die Zähne ausbeißen und in der Beliebigkeit der Interpretationsmöglichkeiten verschwinden, verbünden sich drei Institutionen aus der Region und erzielen zu Recht große Aufmerksamkeit. Angeführt von der unermüdlich organisierenden Vorsitzenden Jutta Hering-Winckler ist der Richard-Wagner-Verband Minden das strippenziehende Organ und hat mit dem Stadttheater Minden und der Nordwestdeutschen Philharmonie aus dem benachbarten Herford zwei mutige Kulturschaffende an seiner Seite.
Nachdem man von 2015 bis 2018 die vier Opernabende einzeln und mit Erfolg gespielt hatte, stehen zum Abschluss zwei komplette Zyklen auf dem Programm. Gemessen am Rheingold könnten sich die positiven Eindrücke der vergangenen Jahre sogar noch steigern. Denn mit dem Vorabend landen alle Beteiligten sozusagen eine Punktlandung, mal davon abgesehen, dass der Motor der Aufführung, die Nordwestdeutsche Philharmonie, im Stau steht. Nachdem das Orchester hinten auf der Bühne seinen Platz bezogen hat – der Orchestergraben ist zu klein für Wagners üppige Klangmassen – beginnt vorne dicht vor den Zuschauern der Anfang vom Ende knapp 15 Minuten später als geplant.
Frank Philipp Schlössmann nutzt für sein Bühnenbild den eigentlichen Orchestergraben als Hebebühne, so dass in den Zwischenspielen schnelle Umbauphasen gewährleistet sind. Wobei Umbau ein übertriebenes Wort ist. Nur ein austauschbares Kulissenelement ergänzt das eindrucksvolle Bühnenportal, in dem die Weltkugel oder eben der Ring angedeutet wird. Jedenfalls begeht Schlössmann nicht den Fehler, den geringen Platz unnötig zuzustellen. Denn nicht mal beim Schlussapplaus passen die 14 Sängerinnen und Sänger nebeneinander auf die Bühne, sondern stellen sich im Halbkreis auf.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
In Schlössmanns schlichten Kostümen wird eine mythische Vorzeit angedeutet. Grün, grau und schwarz dominieren das Bild. Insbesondere bei Fricka, Loge und Wotan werden die Charaktere durch ein beeindruckendes Makeup unterstrichen. Regisseur Gerd Heinz erzählt nun den Niedergang der herrschenden Klasse. Hier in diesem Ring sind die Götter entgegen vieler anderer Inszenierungen keine Schwächlinge, sondern eindeutig die Spitze der Nahrungskette. Ihre Macht beginnt – das wird in vielen kleinen Details sichtbar – erst zu bröckeln. Eine Revolution der untergebenen Klassen bahnt sich an. Wenn die Riesen es wagen, sich der Götter Freia zu nähern, zucken sie unterwürfig zurück, als sich ihnen Fricka, die oberste Göttin, in den Weg stellt. Es kommt einen Affront gleich, als Fasolt Wotan, dem Hüter der Verträge, schwere Vorwürfe macht.
Es ist die Hybris des Wotan, seine Arroganz, dass man ihn, den obersten Gott, nicht antasten kann, die seine Schwäche wird. Wie er verliebt in die Höhen seine neue Burg anschaut, die noch nicht mal bezahlt ist. Doch schon bald erfährt er Schwächung und das sogar aus den eigenen Reihen. Freia, Göttin der ewigen Jugend, Symbol der Weiblichkeit, geht fast freiwillig mit den Riesen als Unterpfand mit, weil sie gerade durch Fasolt eine Anerkennung erfährt, die ihr Wotan nicht gibt.
Fricke nimmt den Text und die Musik beim Wort und erzählt den Auftakt zur Götterdämmerung so, dass man kein Psychoanalytiker sein muss, um den Sinn dahinter zu verstehen. Im Gengenteil: Weil Fricke eben so sachlich und auch gleichzeitig etwas verspielt dieses Ring-Personal führt, erschließt sich der Subtext Wagners fast von selbst. Dass es eben nur vordergründig um Götter und Zwerge, sondern um Politik und Machtgier geht. Dass es die Sorge um die Natur nicht erst gibt, seitdem eine Greta Thunberg zu einem Mini-Parsifal der Klimabewegung stilisiert wird.

Doch in erster Linie geht es hier eben einfach um Wagners Ring des Nibelungen und gutes Theaterhandwerk. Damit letzteres auch nicht zu kurz kommt, sorgen die Videos von Matthias Lippert und die Lichtregie von Michael Kohlhagen für viele unterschiedliche Stimmungen, die sich perfekt an die Filmmusik des Abends anpassen. Denn nichts anderes zelebriert die Nordwestdeutsche Philharmonie an diesem Abend. Obgleich gestresst durch die verspätete Ankunft, sind die Musiker so konzentriert, dass ihnen unter der Leitung von Frank Beermann ein nahezu perfektes Rheingold von der Hand geht. Natürlich geht da mal ein Ton, ein Einsatz in die Binsen, was aber eh nicht der Gradmesser für Perfektion sein sollte. Es ist einfach unfassbar schön, wie das Orchester in den Melodien liegt und sie auch technisch umsetzen kann. Die weiten Bögen der Streicher, der wunderschöne Klang der Holzbläser, die Opulenz der Blechbläser – all das liegt an diesem Abend in der Luft. Frank Beermann lässt sie spielen, fordert überwiegend flüssige Tempi, die den Opernabend kurzweilig halten, und hält über den Monitor Kontakt zu den Sängern. Alle wirken aufeinander eingespielt und eingesungen. Wackelkontakte gibt es wenig.
Dass die Rheintöchter in den Höhen etwas vage in der Intonation sind, fällt weniger ins Gewicht. Viel wichtiger ist, dass Ines Lex, Christine Buffle und Tiina Penttinen ihren jeweiligen Rollen auch vokal unterschiedliche Facetten abgewinnen können und auch sehr schön miteinander harmonieren. Man kann es gleich vorwegnehmen, dass es nur einen Wermutstropfen an diesem Opernabend gibt. Janina Baechle verschenkt die zentrale Warnung der Erda, weil ihre Stimmbänder nicht so recht die Töne packen wollen. Ansonsten wird auf gutem bis sehr gutem Niveau gesungen und das weitgehend sogar textverständlich ohne die Mithilfe von Übertiteln.
André Riemer wirkt als Froh etwas unbeteiligt im Vergleich mit seinen aktiveren Kollegen, erschafft aber den Regenbogen mit tenoralem Wohlklang. Andreas Kindschuh gibt den Donner mit Verve und Spiellaune. Als echter Charaktertenor empfiehlt sich Jeff Martin in der kleinen Rolle des Mime, der dann im Siegfried zu großer Form auflaufen kann. Julia Bauer singt auch die dramatischen Phrasen der Freia mit jugendlicher Leichtigkeit. Zwei Bässe mit Format sind der passende Kontrast zu ihr: Johannes Stermann, neu in dieser Wagner-Familie in Minden, ist mit schwarzer Stimmfarbe der bedrohlich abwartende Fafner. Tijl Faveyts verpackt die ungestüme Art des verliebten Fasolt in voluminöse Phrasen, die in großer Belcanto-Manier vorgetragen werden.
Man darf bei all dem nicht vergessen, dass die Sänger schon einen kompletten Zyklus hinter sich haben. Beispielsweise Renatus Mészár, der nicht nur die drei Wotan-Rollen, sondern auch den Gunther singt, und jetzt schon wieder kraftvoll aussingt. Da wirken die exponierten Töne doch schon leicht müde gegenüber den restlichen, autoritär vorgetragenen Phrasen, die zu seiner Bühnenpräsenz passen. Kathrin Göring ist als Fricka an seiner Seite die angemessene First Lady, eine Autorität durch und durch in Stimme und Erscheinung. Verblüffend der Loge von Thomas Mohr, ebenfalls wie Mészár vierfach beschäftigt. Sein Feuergott hat elegante Durchschlagskraft und gleichzeitig auch diese verspielte, windige Ader. Diese Rolle sollte öfter von einem wohlklingendem Heldentenor gesungen werden. Heiko Trinsinger sorgt bei seinem „Auftauchen“ im Orchestergraben für Humor, wenn er zuerst das Rheinwasser ausspuckt und tollpatschig die Rheintöchter angräbt. Doch schnell ist Schluss mit lustig, denn der großartige Trinsinger läuft als verletzter Alberich mit seinem Kavalierbariton zu dämonischer Hochform auf und präsentiert sich so als treibende Kraft, die dem Titel des Gesamtwerks gerecht wird.
Dementsprechend ist es logisch, dass er sich in der Applausordnung auch als letzter dem begeisterten Beifall des Publikums stellt, das konzentriert der Aufführung gelauscht hat, ohne das je das Klingeln eines Smartphones zu hören gewesen wäre. Das sollte mal erwähnt werden! Aber blamieren können sich einzelne ja trotzdem. Der eine setzt sich mitten im leisen Es-Dur-Vorspiel geräuschvoll auf einen besseren Platz um. Der andere verlässt seinen Platz, während das Orchester den Einzug der Götter in Wallhall prachtvoll ausmalt, um dann den Schlussapplaus an der Tür abzuwarten. Der Beifall im nicht völlig ausverkauften Theater ist groß und gerechtfertigt für eine Vorstellung, die ein großartiger Einstieg in einen spannenden Kosmos voller aktueller Querverweise ist.
Rebecca Hoffmann