O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Friedrich Luchterhandt

Siegmund sollte leben

DIE WALKÜRE
(Richard Wagner)

Besuch am
29. September 2019
(Premiere)

 

Stadt­theater Minden

Kein Winter­sturm, aber ein gräuliches Herbst­wetter mit Regen und Windböen empfängt die Zuschauer zur Walküre, dem ersten Tag in Wagners Ring des Nibelungen, der zum zweiten und letzten Mal im kleinen, aber feinen Stadt­theater Minden aufge­führt wird. Während es draußen schüttet, könnte es drinnen im Theater dank des Feuers, das Sieglinde in der Feuer­schale entzündet, fast etwas heimelig sein. Da leuchten immerhin die Sterne, wenn sich Sieglinde und Siegmund inein­ander verlieben, sich zuhören und anschmachten. Eigentlich das perfekte Abend­pro­gramm für einen kusche­ligen Herbst­abend, aber da ist ja leider noch das große Drama und das hat kein Happy End.

Diese roman­ti­schen Anflüge werden allein schon durch das Libretto Wagners perver­tiert, da Siegmund und Sieglinde, Wotans außer­ehe­liche Kinder, ein Zwillingspaar sind, die nach Jahren der Trennung aufein­an­der­treffen und sich sozusagen im Moment der Not „schock­ver­lieben“. Sieglinde ist zwangs­ver­hei­ratet, ihr Mann Hunding ein echter Widerling und ihr Bruder waffenlos. Der Stachel­draht, den Matthias Lippert auf die Bühne proji­ziert, spricht da deutliche Bände.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Diesen emotio­nalen Ausbruch hat Wotan wohl nicht einkal­ku­liert, als er seine Kinder zusam­men­führt, damit diese sein Erbe antreten und auch den begehrten Ring in die Götter­fa­milie zurück­holen. Regisseur Gerd Heinz lenkt in seiner minimal überar­bei­teten Insze­nierung, die ganz grob im Frühmit­tel­alter spielt, den Blick auf das nächste Famili­en­drama. Die Ausein­an­der­setzung zwischen Wotan und Fricka insze­niert er mit scharf­sin­niger Balance zwischen einem Ehestreit und einer gericht­lichen Anhörung, wenn Fricka gleich mit vier weiblichen Adlaten aufläuft, ihrem Mann erst seine persön­lichen Fehler wie politi­schen Fehlent­schei­dungen vorhält und sich dann noch vertraglich festhalten lässt, dass Wotan ihren Willen umsetzt. Nicht nur die kleine Mindener Spiel­fläche sorgt dafür, dass Wotan diesem Kräfte­messen nicht entkommen kann. Frank Philipp Schlössmann verzichtet konse­quent auf zu viele Requi­siten, die die Bewegungs­frei­heiten noch weiter einschränken könnten. Zwei Tische für Hundings Hütte sind da schon das Maximum. Schlöss­manns Ebene, die den leeren Orches­ter­graben mitnutzt, sowie sein Bühnen­rahmen, eine Mischung aus geregeltem Quadrat und umfas­senden Kreis, bietet Michael Kohlhagen die Möglichkeit für stimmungs­volle Beleuchtung, die ihren Höhepunkt beim Feuer­zauber erreicht. Die Mittel des Stadt­theaters klug einsetzend, erreicht das Regieteam an dieser Stelle mehr und vor allem berüh­rendere Aussa­ge­kraft als größere und technisch künstlich aufge­blasene Inszenierungen.

Der voran­ge­gangene Abschied von Wotan und seiner Tochter Brünn­hilde lebt durch die Präsenz und Stimmen von Renatus Mészár und Dara Hobbs. Die Sängerin gibt der jungen Walküre beson­deres Profil, in dem sie einen wirklich femininen Sopran mit Obertönen einsetzt, der in jeder Phrase sehr jugendlich, angenehm und durch­ge­bildet klingt. Direkt am Publikum stehend, setzt sie gar nicht auf falsche Lautstärke, sondern demons­triert ihre Kampfeslust mit jauch­zenden, fast verspielt klingenden Rufen. Dazu ist der satte Bassklang von Mészár als autori­tärer Vater, dem die göttliche Macht mehr und mehr abhan­den­kommt, ein passender Kontrast. Sein berührend vorge­tra­gener Abschied geht unter die Haut. Aller­dings muss sich der in Minden vielbe­schäf­tigte Sänger die hohen Töne teilweise abtrotzen. Vor allem im zweiten Akt hat man das Gefühl, dass er mit einem aufkom­menden Infekt oder stimm­licher Erschöpfung zu kämpfen hat. Jeden­falls hat die Fricka von der starken Kathrin Göring leichtes Spiel, ihren Gatten mit textlicher Süffisanz und angemes­sener vokaler Schärfe die Leviten zu lesen. Bravo!

Foto © Friedrich Luchterhandt

Wie wäre der Ring wohl weiter verlaufen, wenn Wotan diese Ausein­an­der­setzung gewonnen hätte? Vermutlich würde Siegmund auch noch im dritten Akt singen und das hätte sich an diesem Abend wohl jeder gewünscht. Thomas Mohr lebt diese Partie vokal dermaßen strahlend aus, dass man über jeden Satz, jedes Legato und jedes Parlando nur staunen kann. Immer auf die Wortbe­deu­tungen und Aussprache achtend, trifft er vokal den Kern des unfreien Wotan-Sohns besser als darstel­le­risch, wo er im ersten Akt etwas zu flapsig und ungestüm agiert. Wenn man Loge, Siegmund und beide Siegfriede so dicht an dicht verkörpert, kann man schon mal durch­ein­an­der­kommen. Aber das kann man verschmerzen, wenn man die „Wälse“-Rufe in einer derar­tigen Inten­sität serviert bekommt. Von der Tiefe bis in die Höhe strotzt die Stimme nur so von Kraft, Leiden­schaft und Feingefühl. Dank den richtigen Kollegen an seiner Seite gerät der erste Akt zu einem dieser legen­dären Sänger­feste. Magdalena Anna Hofmann kostet das Kennen­lernen des fremden Mannes am Herd richtig schön aus. Und dann lässt sie ihren Sopran so wunderbar auflodern, wenn sie von ihrem Schicksal als zwangs­ver­hei­ratete Frau erzählt, ihren Bruder Stück für Stück erkennt und zum Schwert Nothung führt. Das ist die Kunst des Erzählens in ihrer schönsten Form und dazu auch technisch sehr gut gelöst. Eine Ideal­be­setzung ebenso wie Tijl Faveyts. Sein Bass könnte so schön singen – und zum Glück verlässt er sich nicht darauf. Dieser Hunding ist so bedrohlich, dass man jede Sekunde, die er auf der Bühne steht, um Sieglindes und Siegmunds Leben fürchten muss.

Es ist nicht zu erwarten gewesen, dass die Nordwest­deutsche Philhar­monie das Niveau aus dem Rheingold halten kann. Aber es gelingt ihr. Gelegentlich hört man im Laufe der großen Partitur hier und da, dass Instru­menten-Gruppen ihn ihrem Klang eher gegen­ein­an­der­prallen als sich zusam­men­fügen, aber da fehlt dem Orchester dann einfach die nötige Erfahrung mit Wagner. Umso erstaun­licher ist es, wie es den Musiker gelingt, diesen großen Bogen samt seiner – selbst im schönsten Piano immer vorhan­denen – Kraft einzu­fangen. In dieser Musik brennt ein Feuer, das kann man nicht spielen, sondern das muss man fühlen und das bekommt das Orchester an diesem Abend hin. Frank Beermann geht diffe­ren­ziert an die Walküre heran. Scharf bricht der Sturm über den ersten Akt herein, mit klarem Pathos gleitet Nothung aus der Esche Stamm. Die Todes­ver­kün­digung kostet er als einen fast überna­tür­lichen Moment aus. Den Walkü­renritt, der von den Solis­tinnen sehr gut gemeistert wird, leitet er mit Übersicht.

Die knapp 600 Zuschauer sind schon nach dem ersten Akt so ergriffen von dieser Aufführung und jubeln wie zu den besten Bayreuther Zeiten noch dann, als das Orchester in die Pause geht. Der Beifall nach dem Feuer­zauber ist so herzlich und lang, dass einigen Sängern fast die Tränen kommen. Emotionen durch und durch. Das Wetter holt die glück­lichen Wagne­rianer auf den Boden der Tatsachen zurück, Kein Wonnemond scheint, als man das Theater verlässt. Es regnet gnadenlos. Egal!

Rebecca Hoffmann

Teilen Sie O-Ton mit anderen: