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Foto © Friedrich Luchterhandt

Das Sorgenkind

SIEGFRIED
(Richard Wagner)

Besuch am
3. Oktober 2019
(Premiere am 8. September 2017)

 

Stadt­theater Minden

Die zweite Vorstellung von Siegfried im Jahr 2017 ist bestimmt einigen im Gedächtnis geblieben. Da wird Thomas Mohr in der Titel­rolle ab dem dritten Akt als indis­po­niert angesagt, und kaum hat er seine Brünn­hilde erweckt, fängt er an zu husten und hat die frisch erwachte Walküre anscheinend spontan angesteckt. Wie Mohr und Sopra­nistin Dara Hobbs es geschafft haben, irgendwie beim Lachenden Tod anzukommen, bleibt bis heute rätselhaft. Vorweg­ge­nommen sei, dass diese Schwie­rig­keiten den Sängern bei der zykli­schen Aufführung erspart geblieben sind.

Was aus dem Premie­renjahr übrig­ge­blieben ist, ist der leichte szenische Durch­hänger in der Inter­pre­tation von Gerd Heinz und seinem Kostüm­bildner Frank Philipp Schlößmann. Trauriger Tiefpunkt in der Perso­nen­führung ist das Finale. Wenn Siegfried und Brünn­hilde von Staunen, Angst, Neugier und schließlich wild aufflam­mender Liebe erfasst werden müssten, wirkt die Perso­nen­führung von einer ostwest­fä­li­schen Lethargie befallen. Mehr als ein paar neckische Waffen­übungen und sich schüchtern im Arm halten ist szenisch nicht drin. Auch zuvor bleibt einiges rätselhaft. Warum wird Erda von vier Nornen begleitet? Warum ist Alberich ein Jäger aus dem 19. Jahrhundert und sein Sohn Hagen ein Matro­senkind? Nichts­des­to­trotz kann der zweite Akt mit richtig großem Musik­theater punkten. Die abwechs­lungs­reichen Licht­stim­mungen von Michael Kohlhagen sind grandios. Sogar ein mit Statisten darge­stellter Lindwurm robbt durch den Minia­turwald der kleinen Mindener Bühne. Das trauen sich große Theater viel zu selten.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Im ersten Akt hat Schlößmann sogar einen famosen Ofen samt Blasebalg an den rechten Rand der Bühne bauen lassen. Im Vergleich zu den anderen Teilen kommen auch zahlreiche Requi­siten zum Einsatz. Leider wird der Schmie­de­vorgang Nothungs immer noch etwas abgekürzt. Statt­dessen scheint es so, als würde Wotan auch hier seine Finger im Spiel haben, was drama­tur­gisch doch etwas fragwürdig ist, da Siegfried sich ja mit dem Schmieden der eigenen Waffe aus dem Schatten seines ihm unbekannten Großvaters lösen soll. Ein diskus­si­ons­wür­diger Punkt im ersten Akt, der mit einer sehr guten Perso­nen­führung gewürzt wird. Und die Spinne, die Matthias Lippert in seinem Video über die Leinwand krabbeln lässt, um die Absichten Mimes deutlich zu machen, löst Unbehagen aus.

Die Umbesetzung des heimtü­cki­schen Zwergs mit Jeff Martin sorgt dafür, dass der erste Akt wesentlich mehr Ausdrucks­kraft bekommt als noch 2017. Der Tenor knüpft an seine Leistung aus dem Rheingold an, bringt sowohl eine schöne Gesangs­linie zustande, weiß aber auch gleich­zeitig den Charakter des Nibelungen auszu­drücken. Auch Thomas Mohr hat sich den jungen Siegfried noch besser zu eigen gemacht. So grandios wie sein Siegmund in der Walküre ein paar Tage zuvor ist das noch nicht, aber bis auf ein paar Wackler hat er die Einsätze sicher im Griff. Seine Stimme ist ohnehin über jeden Zweifel erhaben. Sie klingt wie Anfang 20, ist furchtlos in der Höhe, ungetrübt in der Tiefe und deutlich in der Aussprache. Dara Hobbs ist vom ersten Takt an hellwach, ihr Sopran strahlt mit einem satten, angenehmen Sopran wie das Licht, das sie besingt. Zusammen mit Mohr lodert ihre Stimme so leiden­schaftlich, wie man sich das auch im Zusam­men­spiel gewünscht hätte.

Foto © Friedrich Luchterhandt

Renatus Mészár schöpft aus seinem bassreichen Material, um einen bis zum letzten Moment mächtigen Wanderer zu verkörpern. Heiko Trinsinger trumpft einmal mehr als Alberich mit seinem Kavalier­ba­riton auf. Johannes Stermann ist als Drache wie als sterbender Fafner eine vokale Entde­ckung. Dagegen kann Janina Baechle nicht mehr an den Glanz früherer Auffüh­rungen anknüpfen. Ihre Erda wirkt wie schon im Rheingold bemüht. Julia Bauer – man muss diesen Satz, der an dieser Stelle schon 2017 geschrieben wurde, einfach wieder­holen – ist als Waldvöglein so ziemlich das niedlichste, was man in den letzten Jahren gesehen und gehört hat.

Gegenüber den beiden vorigen Opern kann die Nordwest­deutsche Philhar­monie nicht durchweg überzeugen. Sicher, das ist immer noch sehr gut, was das Orchester abliefert, aber vielleicht haben sie die Messlatte sich selbst einfach ein bisschen zu hoch gelegt. Jeden­falls schleichen sich ein paar Macken und Unsicher­heiten in das Klangbild ein und Frank Beermann, der ja eh viele Einsätze gibt, hat auch in Punkto Koordi­nation mit der Bühne etwas mehr zu tun. Weiterhin gilt aber, dass seine Inter­pre­tation in der Ausführung durch das Orchester über Nordrhein­west­falen hinaus einen großar­tigen Stellenwert hat.

Das wird auch vom Publikum so gesehen, das Beermann und die Nordwest­deutsche Philhar­monie vor und nach jedem Akt ausgiebig feiert. Auch die Sänger werden mit großzü­gigen, aber nie übertrie­benen Bravo-Rufen lange ausgiebig gefeiert. Trotz dieses Erfolges und einer beacht­lichen Steigerung zu 2017 bleibt der Siegfried das kleine Sorgenkind in dieser Ring-Insze­nierung.

Rebecca Hoffmann

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