O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Nana Franck

Der mit dem Eisbären tanzt

CHINCHILLA ARSCHLOCH, WASWAS
(Rimini Protokoll)

Besuch am
9. Juli 2021
(Premiere am 8. Juli 2021)

 

Asphalt-Festival, Düsseldorf, Central

Wer Rimini Protokoll einlädt, muss vorher sicher­stellen, dass er über genügend Sitzplätze verfügt. Das Theater­kol­lektiv hat sich vor allem mit hochpo­li­ti­schen Themen in immer wieder wechselnden Konstel­la­tionen einen heraus­ra­genden Ruf in der Theater­land­schaft erarbeitet. Bei dem Thema, dem sich Regis­seurin Helgard Haug mit dem 2019 in Frankfurt urauf­ge­führten Stück Chinchilla Arschloch, waswas widmet, liegen zwei Jahre Vorarbeit zugrunde. Denn das Tourette-Syndrom ist eine ausge­spro­chene Seltenheit. Benannt nach dem Neuro­logen Georges de la Tourette, der es 1894 in einer Studie beschrieb, nachdem der Arzt Jean Marc Gaspard Itard bereits 1825 über entspre­chende Symptome bei einer seiner Patien­tinnen berichtet hatte. In Deutschland sind etwa 0,3 bis 0,9 Prozent von Kindern betroffen, wobei es Jungs drei Mal häufiger als Mädchen trifft. Im Erwach­se­nen­alter tritt es noch erheblich seltener auf. Das Verwir­rende: Es wirkt für den Außen­ste­henden eher wie eine „lustige“ oder zumindest irritie­rende Erkrankung. Denn sie äußert sich durch motorische oder verbale Tics. Der Tic ist aus dem Franzö­si­schen übernommen und bedeutet so viel wie nervöse Zuckung. Es kommt also häufig zu überschie­ßenden Bewegungen oder unmoti­vierten Äußerungen in Form einer Echolalie, das heißt, Wörter werden scheinbar sinnlos wiederholt, oder einer Kopro­lalie, bei der der „Touretter“ obszöne oder aggressive Ausdrücke heraus­schleudert. Im deutsch­spra­chigen Raum setzte sich Ralf Huettner 2010 cineas­tisch in dem Sozial- und Famili­en­drama Vincent will Meer mit Florian David Fitz, Karoline Herfurth und Johannes Allmayer mit dem Thema in berüh­render Weise auseinander.

Benjamin Jürgens – Foto © Nana Franck

Im echten Leben ist für die Betrof­fenen überhaupt nichts lustig. Das lernte Haug, als sie Christian Hempel traf, der mit seinem Slogan „Ich ticke, also bin ich“ unterwegs war. Damit begann für die Regis­seurin eine, ja, nerven­auf­rei­bende Reise, an deren Ende ein Stück Musik­theater stand, in dem drei „Touretter“ gemeinsam mit einer Musikerin für ein Syndrom sensi­bi­li­sieren, das den meisten Menschen unbekannt sein dürfte. Wie es sich für Rimini Protokoll gehört, gibt es weder platten Slapstick noch einen erhobenen Zeige­finger – na gut, meistens nicht und wenn doch, dann in einer höchst charmanten Weise.

Das Stück braucht Raum, also findet es im großen Saal des Central, der früheren Ausweich­spiel­stätte des Schau­spiel­hauses Düsseldorf am Haupt­bahnhof statt. Die Bühne von Mascha Mazur besteht aus ausein­an­der­drif­tenden Eisschollen, auf denen orange­farbene Möbel, eine komplette Musik­station mit Klavier und elektro­ni­schen Elementen und ein Eisbärfell unter­ge­bracht sind. Wer darin die Klüfte zersprengter Synapsen sieht, wird sich freuen, dass sie im Laufe des Abends wieder zu einer kompakten Mittel­hirn­land­schaft zusam­men­finden, auch wenn die eiskalt bleibt. Ob eine solch üppige Ausstattung überhaupt notwendig ist, kann man disku­tieren. Denn das, was an diesem Abend passiert, hätte auch gut Platz in einer Kammer­auf­führung gehabt.

Christian Hempel – Foto © Nana Franck

Was an dem Abend beein­druckt, sind nicht die große Bühne oder die Video­pro­jek­tionen von Marc Jungreit­h­meier. Es sind die Geschichten von Christian Hempel, dem Alten­pfleger Benjamin Jürgens und dem Landtags­ab­ge­ord­neten Bijan Kaffen­berger, die sich darauf geeinigt haben, die komischen Momente ihres Lebens in den Vorder­grund zu stellen. Hier darf jeder herzhaft lachen, ohne im Betrof­fen­heits­sze­nario zu versinken, das Minder­heiten derzeit so gern für sich beanspruchen. Und so entsteht ein unglaublich schöner Abend, der den Tourettern mit jeder Minute mehr Respekt zollt. Denn selbst­ver­ständlich ist es nicht komisch, wenn ein Nachbar kein Verständnis zeigt und mit einer Anzeige beim Jugendamt droht. Aber spätestens zu diesem Zeitpunkt weiß jeder Zuschauer, dass Hempel ausrei­chend Selbst­be­wusstsein entfaltet hat, um seinen Nachbarn auch weiterhin mit „Namen­Arschloch“ anzusprechen, ohne befürchten zu müssen, seine Tochter an ein Kinderheim zu verlieren.

Nein, nichts in diesem Leben ist einfach, aber wie in jedem anderen auch manches komisch, zweif­le­risch, optimis­tisch und hier und da auch mal ein Tal der Tränen. Gerade die hier gezeigte „Norma­lität“ macht es dem Publikum einfach, sich normal zu fühlen und mit den Tourettern zu lachen und beim hinrei­ßenden Tanz Hempels mit dem Eisbärfell auch mal eine Träne zu verdrücken.

Für die Musik sorgt Barbara Morgen­stern, die die Männer auch auf der Bühne begleitet. Ihre eigenen Kompo­si­tionen schwanken zwischen kraft­voller, elektro­nisch-analoger Begleit­musik und teilweise anrüh­renden Liedern. Schade, dass es der Tontechnik nicht gelingt, die ordent­liche Balance zwischen gesun­genem Wort und Musik herzu­stellen. Da wäre noch einiges möglich gewesen.

Ein großar­tiger Abend geht damit zu Ende, dass kein einzelner auf der ausver­kauften Tribüne jemals wieder ein Problem mit einem Touretter haben wird. Wenn Theater Gemein­schaft ohne Ideologie schaffen kann, dann hat Haug mit ihrem Team hier einen ganz großen Abend gesetzt. Gratu­lation allen Betei­ligten, denen ein Meilen­stein gelungen ist.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: