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OTHELLO
(William Shakespeare)
Besuch am
9. Juni 2017
(Premiere)
1599 wurde das Globe Theatre am Südufer der Themse fertiggestellt. So erfolgreich die Theatertruppe The Chamberlain’s Men – der William Shakespeare seit 1594 angehörte – war, so wenig Glück hatte sie mit ihrem playhouse. Bereits nach vierzehn Jahren brannte das im Stil eines Amphitheaters erbaute Holzhaus mit Strohdach ab. Mehr Glück ist dem Globe-Theater an der Neusser Rennbahn beschieden. Der Holzbau wurde 1991 errichtet und dient seither alljährlich dem sommerlichen Shakespeare-Festival unter der künstlerischen Leitung von Rainer Wiertz als Spielstätte. Der Standort ist klug gewählt. Vom Stadtzentrum aus fußläufig erreichbar, sind die Gäste von außerhalb innerhalb weniger Minuten von der Autobahn aus am sehr gut ausgeschilderten Globe-Theater, wo es ausreichend kostenlose Parkplätze gibt. Fast schon ein Anachronismus in einer Zeit, in der der Veranstaltungsbetrieb andernorts über die Parkgebühren noch mal kräftig abkassiert. Ein ausgesprochen sympathischer Einstieg.
Und wohlig geht es in diesem Jahr weiter. Auf dem Platz vor der Rennbahn versammelt sich in milder und vor allem endlich regenfreier Abendluft ein Publikum vom Schüler bis zum Pensionär. Vanessa Schormann steht im kleinen Park, der die Rennbahn von den Gleisanlagen der Deutschen Bahn trennt, über die eben eine historisch anmutende Lokomotive schwere Frachten zieht. Die Dramaturgin gibt eine kenntnisreiche und lebendige Einführung, die über eine Lautsprecheranlage den Platz beschallt. So kann jeder zuhören, muss es aber nicht. Als Bonbon gibt es ein Interview mit dem Regisseur Richard Twyman. Am Rand des Platzes versorgt ein Verkaufsstand die Gäste mit den wichtigsten Getränken zu vernünftigen Preisen. Gegenüber liegt ein Gebäude, das sonst als Wettbüro dient und nun für den Fall des Regens als Ausweichquartier eingerichtet ist. Das wirkt alles ein wenig altmodisch, harmonisch, ja, heimelig. Und hoffentlich kommt niemand auf die Idee, das ändern zu wollen. Die Superlative warten anderswo.
Der Holzbau des Globe-Theaters in Neuss wartet mit einer Mischung aus Improvisation und professionellem Theaterbetrieb aus. Im Parkett gibt es in den vorderen Reihen so etwas wie Kinositze, dahinter sind Holzbänke aufgestellt, auf denen schmale Kissen die Sitznummer andeuten. Es geht steil in die Höhe. Die Bänke in den Rängen sehen kaum bequemer aus als im Parkett. Aber die kreisförmig angeordneten Plätze schauen alle gemeinsam auf eine kreisförmige Bühne, in deren Hintergrund es auf zwei Ebenen Abgänge gibt. Vorne erlaubt eine Rampe den Aufgang zur Bühne. Die Architektur ist ein Kompromiss zwischen Gemütlichkeit und technischen Erfordernissen. Das hat was.
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| Bühne | ![]() |
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An diesem Abend ist Shakespeare at the Tobacco Factory mit Othello zu Gast. Twyman macht es wie Shakespeare. Und weil Othello heute so aktuell wie zur Zeit der Uraufführung ist, findet die Aufführung unter heutigen Umständen statt. Auf einer minimalistischen Bühne treten testosterongesteuerte Männer ebenso wie emotionsgeladene Frauen in detailgenauen Kostümen von Georgia Lowe auf. Viel Fantasie ist da in Kleinigkeiten zu entdecken. Requisiten werden auf das Notwendige reduziert. Geräusche wie verfremdetes Glockengeläut oder aufkommender Sturm werden spärlich, aber wirkungsvoll über die Lautsprecher eingespielt. Das Licht von Matthew Graham erfüllt Minimalanforderungen und ist der Wermutstropfen des Abends. Menschen vor blendenden Neon-Röhren spielen zu lassen, ist so wenig sinnvoll wie das Flackern der Scheinwerfer-Batterie.

Allerdings ist das Umfeld an diesem Abend so egal wie die Geburtenrate von Kleinkleckersdorf. Die schauspielerischen Leistungen schlagen alles in den Wind. Bei einer Filmaufnahme werden – je nach Regisseur und Budget – die Einstellungen immer und immer wieder geprobt. In Neuss steht das alles scheinbar auf Anhieb. Twyman legt sehr viel Wert auf Gestik und Bewegung. Saftig, kraftvoll, ungehemmt, laut und bisweilen blitzschnell treten seine Schauspieler auf. Das ist Theater in höchster Qualität. Trotz atemberaubender Textfülle gibt es hier keine Haspler. Die Intonation passt bis auf das berühmte i‑Tüpfelchen. Böser, gestenreicher und differenzierter als den Jago von Mark Lockyer hat man wohl kaum einen Menschen auf der Bühne gesehen. Filmreif sind auch eine wunderbare Norah Lopez Holden als Desdemona und späterhin Katy Stephens als erotische Erscheinung von Emilia. Ganz hervorragend arbeitet Abraham Popoola die Naivität des Othello in Liebesdingen heraus. Dass er seine Desdemona ständig durch die Luft schwenken muss – geschenkt. Brillant besetzt sind auch Cassio mit Piers Hampton, „seine“ Bianca mit Hayat Kamille und Roderigo mit Brian Lonsdale als komischer Figur. Bis in die letzte Nebenrolle ist die Bühne mit echtem Leben erfüllt. Und da ist es für den Zuschauer, der sich im Vorfeld mit der Handlung auseinandergesetzt hat, nicht unbedingt wichtig, des Englischen allzu mächtig zu sein. Man kann sich auch ganz und gar auf die heutigen Rüpel und Intriganten, Liebenden und Speichellecker einlassen, ohne jedes Wort zu verstehen. So gelingt es leicht, das Spiel über drei Stunden zu tragen, ohne nennenswerte Längen entstehen zu lassen. Dass der Umgang mit dem auf das Zweckdienliche zur Schau getragenen Theaterblut bei der Premiere noch etwas holprig vonstattengeht, trübt den Genuss nicht. Und der Knalleffekt am Ende sitzt.
Das Publikum erhebt sich alsbald von den Sitzen, um diese fantastische Compagnie mit brausendem Applaus zu feiern. Ein rundherum gelungener Festival-Auftakt, den man am kommenden Wochenende in drei weiteren Aufführungen genießen kann, ehe dann das Rheinische Landestheater Neuss seine stürmisch gefeierte Neufassung von Wie es Euch gefällt in der kommenden Woche präsentiert.
Michael S. Zerban