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SHAKESPEARE IN JAZZ
(Caroll Vanwelden)
Besuch am
8. Juli 2017
(Uraufführung am 7. Juli 2017)
Ermüdungserscheinungen gibt es auch nach einem Monat kaum. Ganz im Gegenteil. Auch am letzten Abend des Shakespeare-Festivals ist das Globe-Theater an der Neusser Rennbahn wieder hervorragend besucht. Fast möchte so etwas wie Wehmut aufkommen. Zum letzten Mal in diesem Jahr der freundliche Empfang bei der Einfahrt. Die schon geradezu als intim zu bezeichnende Atmosphäre auf dem Theatervorplatz, durchdrungen vom Summen der Besuchergespräche und der Stimme Vanessa Schormanns, die letzte Sätze ihrer Einführung in das Mikrofon spricht. Für eine Festgesellschaft ist eigens ein langer Tisch auf dem Hof aufgebaut worden. Noch einmal erklingt der Schellenbaum, der zur Aufführung ruft. Rainer Wiertz, Kulturreferent und Künstlerischer Leiter, zeigt sich mit dem Ergebnis des diesjährigen Festivals außerordentlich zufrieden, erzählt von überaus erfreulichen Auslastungszahlen und den zurückliegenden Höhepunkten der vergangenen vier Wochen.
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Wirklich ist Wiertz und seinem Team ein ausgesprochen vielseitiges und abwechslungsreiches Programm gelungen. Zahlreiche internationale Gäste haben gezeigt, wie in anderen Ländern Theater gespielt wird, was sonst noch zu Lebzeiten Shakespeares auf den Bühnen aktuell war und auch die zeitgenössische Musik kam nicht zu kurz. Vollkommen zu Recht also hält die Stadt Neuss an diesem Leuchtturm ihrer Kulturarbeit fest. Und wer in die Zukunft, also auf kommende Festivals schaut, wird hoffentlich nicht auf die Idee kommen, LED-Licht einzubauen. Was nicht heißen soll, dass nicht Erhellendes gedacht werden darf. Beispielsweise, was das Verständnis fremdsprachiger Aufführungen beim deutschen Publikum angeht. Da könnten der Fantasie weniger Grenzen gesetzt werden.
Caroll Vanwelden hat es da vergleichsweise einfach. Sie hat die Ehre, dem Festival den gebührenden Abschluss zu verschaffen. Mit Shakespeare in Jazz stellt sie ihr neues Album vor und kann dem Publikum mit Zwischentexten Orientierung bieten.
Aus Caroll hätte was „Ordentliches“ werden können. Schließlich absolvierte sie nach dem Abitur in Brüssel ein Ingenieursstudium. Aber dann packte sie die alte Leidenschaft, die sie seit dem sechsten Lebensjahr verfolgt. So lange spielt sie schon Klavier. Und dann geht es ab in Richtung Jazz. 2011 zieht die Sängerin, als solche hat sie sich längst etabliert, mit ihrer Familie nach Heidelberg. Es ist eine Phase des Umbruchs. Und sie vertont 16 Sonette Shakespeares. Damit reüssiert sie im übernächsten Jahr in Neuss. So erfolgreich, dass sie 2014 das Folge-Album herausbringt. Wieder ein Riesen-Erfolg in Neuss. Wiertz darf sie als so etwas wie seine persönliche Entdeckung betrachten. Inzwischen „gehört“ Vanwelden den Neussern. So zumindest der Eindruck an diesem Abend. Logisch, dass hier die Uraufführung der dritten CD mit Sonetten Shakespeares gefeiert wird.
Und es wird ein großes Fest. Vanwelden übernimmt Klavier, Gesang und Moderation. Am Kontrabass steht ein vollkommen entspannter Mini Schulz, der die Arrangements der Songs mit verantwortet hat. Thomas Siffling tobt sich – unter anderem in verschiedenen Soli – gekonnt an Trompete und Flügelhorn aus. Neu in der Gruppe ist Jens Düppe, der das Schlagwerk begeisternd bedient. Und als Gast kommt Hans van Oost hinzu, der mit seinen Gitarren für eine echte Bereicherung sorgt. Er ist auf der CD nicht zu hören, darf aber hier ebenfalls in verschiedenen Soli glänzen. Heraus kommt an diesem Abend eine ganz eigenständige Aufführung, die in ihrer Dynamik nur noch entfernt an das eigentliche Album erinnert.
Dem Publikum gefällt das so sehr, dass es in der Pause in langen Schlangen ansteht, um die CD zu erwerben und signieren zu lassen. Dabei sind es wohl weniger die Sonette, die die Menschen auf das Tiefste berühren, sondern viel eher ist es die Stimme Vanweldens, die in Kombination mit den Instrumenten für eine durchaus heutige Interpretation sorgt und damit noch einmal verdeutlicht, dass Shakespeare auch dem jungen Publikum etwas zu sagen hat, was über Klamauk und Komödie hinausgeht.
Ab dem 21. Juli ist das Album Caroll Vanwelden sings Shakespeare Sonetts 3 im Handel erhältlich. Dann verzichtet die Musikerin auf verspielte Instrumental-Soli, was ihren Kompositionen noch mehr Ohrenschmeichler-Qualität verleiht und die Poesie der Shakespeare-Sonette stärker unterstreicht.
Das Live-Konzert und damit das Festival gehen mit drei Zugaben und einem nachhaltigen Applaus zu Ende, der noch einmal bestätigt: Es war ein gutes Jahr für William Shakespeare in Neuss.
Michael S. Zerban