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Foto © Ben van Duin

Künstlerische Götterfunken

PELLÉAS ET MÉLISANDE
(Claude Debussy)

Besuch am
18. August 2017
(Premiere)

 

Ruhrtri­ennale, Jahrhun­dert­halle Bochum

An keinem anderen Ort in Nordrhein-Westfalen verbinden sich im Spätsommer die Bausteine einer Gesell­schaft und verschie­dener Epochen so eindringlich, wie bei der Ruhrtri­ennale. Bei der Jahrhun­dert­halle in Bochum trifft Ruhrpott-Romantik auf Festi­val­flair. Das bunt gemischte Publikum teilt sich Häppchen und Bierfla­schen, entweder draußen vor der Halle in Hipster­hütten oder drinnen im dezentem Edelgrau. So wieder gesehen bei der Premiere von Pelléas et Mélisande, der Oper, die die letzte Amtszeit von Johan Simons einläutet. Mit vorsich­tigem Optimismus entlässt er das Publikum zum Abschied in die Saison. „Vielleicht können wir mit künst­le­ri­schen Götter­funken unserem Publikum ein paar Hoffnungs­schimmer schenken,“ hat er gesagt.

Hoffnungsvoll ist sicher das falsche Wort für die Insze­nierung von Krzysztof Warli­kowski. Unter seiner Handschrift wird das lyrische Drama zu einem trost­losen Abgesang auf die Liebe und Familie. Warum Warli­kowsi der Oper einen gespro­chenen Epilog voran­stellt, in dem sich Goloud und Mélisande zum ersten Mal treffen, erschließt sich nicht. Auch wenn vom Anfang des Endes die Rede ist. Doch ansonsten gelingt dem Regisseur ein düsterer Thriller mit einer inten­siven Perso­nen­führung. Fast immer sind alle oder viele Protago­nisten plus einiger Statisten auf der Bühne. Trotzdem wirken sie verloren und einsam, was natürlich auch an diesem riesigen Bühnenbild von Małgorzata Szczęśniak liegt, das in dieser großdi­men­sio­nierten Halle selbst wieder zerstreut und verloren wirkt. Szczęśniak setzt kühle Moderne einer kalten Klassik gegenüber. Denn die rechts­seitige edle Holzver­tä­felung des Hauses Arkel strahlt zwar dessen hohen Stand aus, aber keine familiäre Wärme. Der Holztisch als einziges großes Möbel­stück wird am Ende zur Totenbare. Linkerhand liegen die kühlen Bereiche, wenn es im Text um Brunnen und Grotten geht. Eine Wasch­be­cken­reihe wie auf einer öffent­lichen Toilette, eine Bar – hier holt man sich die Erfri­schungen. Für die, die Geld, oder für die, die keines haben. Die Reibungen mit den Übertiteln, wo ständig von der Natur die Rede ist, nimmt Warli­kowski bewusst in Kauf. Er zeigt eine Familie, die an sich selbst scheitert, im Hier und Heute. Die Natur zitiert er in einer Video­ein­spielung von Denis Guéguin mit bösem Humor: Hitch­cocks Vögel gehen in kurzen Sequenzen auf Menschenjagd. Für Schatten braucht es keinen Wald. In der Jahrhun­dert­halle hilft Felice Ross mit ihrer Beleuchtung nach und nutzt dafür auch die Bedin­gungen des Spielorts. Ganz langsam ergreift am Premie­ren­abend die natür­liche Dämmerung von der Halle Besitz. Mit etwas künst­lichem Vollmond­licht durch die rückwär­tigen Fenster ist es beim tödlichen Finale auf der Spiel­fläche Nacht und hell gleicher­maßen, und ein Frösteln weht über die Zuschauertribüne.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Von dort hat man dank Guéguin einen vielsei­tigen Blick auf die Protago­nisten. Mit Hilfe von verschie­denen Kameras kann er einzelne Bühnen­teile auf eine rückwertige Leinwand proji­zieren. In Schwarzweiß-Optik ist hier ein Krimi im Krimi zu sehen, eine weitere Ebene im Psycho­gramm und ein Einblick in die Mimik der Sänger, die man von den hinteren Plätzen nur erahnen kann. Aber gespielt und – das muss man direkt dazu sagen – auch gesungen wird mit höchster Inten­sität. Allen voran muss hier Barbara Hannigan genannt werden, bei der man vergisst, dass geschau­spielert wird, und auch, dass man nicht nebenbei singt. Es klingt alles so leicht, so echt, wie sie fast sprechend Antworten gibt, wie ihr Sopran mühelos durch die Musik zu schweben scheint. Gleich­zeitig formt sie diesen zerris­senen, von Beginn an zerstörten Charakter.

Foto © Ben van Duin

Auch der Rest der Besetzung lässt sich auf diese anspruchs­volle Form des Musik­theaters ein: Vom einem expres­siven, fast hässlich singenden Alberich am gleichen Ort vor zwei Jahren hat sich Leigh Melrose zu einem vielschichten Psycho­pathen verwandelt. Den Goloud singt er wunderbar auf Linie mit unheim­licher Ruhe, die seinen gewalt­tä­tigen Ausbrüchen umso mehr Wirkung verleihen. Phillip Addis spielt den Pelléas mit einer selbst­ver­liebten Attitüde, die Zuneigung zu Mélisande ist tatsächlich eher kindlich. Sein Bariton formt die Rolle genau auf dem schmalen Grat zwischen jugend­licher Leich­tigkeit und virilem Vollklang. Dieses Attribut bekommt aber nochmal eine größere Bedeutung, wenn man den Bass von Franz-Josef Selig hört, der den Arkel trotz seines Volumens sehr feinsinnig auslotet. Edle Töne bekommt man auch von Sara Mingardo als seine Frau Geneviève zu hören. Cajo Monteiro darf und kann als Arzt vielmehr Präsenz zeigen, als die Rolle ursprünglich hergibt. Sein guter vokaler Einsatz im letzten Akt trägt zur finalen Atmosphäre bei. Weit ab vom berühmten Kinder­bonus ersingt sich Moritz Bouchard, Mitglied des Knaben­chores der Choraka­demie Dortmund, als Yniold einen vollen Erfolg. In diesem Alter so präsent und sicher in Stimme und Darstellung: Das muss man dem jungen Mann erstmal nachmachen.

Was wäre dieser Abend ohne die Musik Debussys? Wie jeder Thriller gewinnt auch die Aufführung durch diese Filmmusik, die Sylvain Cambreling und die Bochumer Sympho­niker erschaffen. Die wunder­baren Linien, die plötzlich wie kleine Kanten vor den Abgründen im Raum liegen, die unheim­lichen Nebel­schwaden, die da in Noten die Personen umhüllen – das ist Musik in ihrer höchsten Vollendung. Einer­seits begleitend, anderer­seits aber auch immer die tonale Richtung ändernd, mischen sich die Musiker sehr gut in dieser beson­deren Akustik mit den Stimmen. Nur in ganz wenigen Forte-Momenten könnte die Balance etwas ausge­wo­gener sein.

Zwischen zwei großen Treppen ist das Orchester Teil des Bühnen­bildes. Wenn es im vierten Akt plötzlich zu schütten beginnt, werden die Regen­tropfen Teil der Musik. Die ganze Aufführung wird ein Zusam­men­spiel der einzelnen Faktoren. Und mittendrin – „seid umschlungen, Millionen“, so wird das Motto des Festivals weiter­ge­führt – ist das Publikum. So ruhig, dass einzelne Geräusche wie Pauken­schläge klingen. So gespannt, dass nach dem dritten Akt die Gunst zum befrei­enden Applaus sofort genutzt wird. So feinfühlig, dass nach dem aller­letzten Ton eine kurze Stille herrscht. Es ist ein langer Opern­abend, der erst nach 23 Uhr zu Ende ist. Der Schluss­ap­plaus fällt nicht lang aus – aber begeistert.

Ein großar­tiger Abschluss der Intendanz von Johan Simons. Ab 2018 übernimmt für drei Jahre Stephanie Carp das Ruder und wird Christoph Marthaler als Chef-Regisseur mitbringen.

Rebecca Hoffmann

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