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KEIN LICHT. (2011/2012/2017)
(Philippe Manoury)
Besuch am
25. August 2017
(Uraufführung)
Ruhrtriennale, Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg-Nord
Kreationen, die Findung neuer (Musik-)Theaterformen, gehören seit Gerard Mortier integral zum Konzept der Ruhrtriennale. Kein Licht. von Philippe Manoury reiht sich in diese junge Tradition bestens ein. Manoury ist seit langem dem Pariser Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique, kurz: IRCAM, verbunden und arbeitet dort mit der Programmiersprache für Live-Elektronik MAX-MSP. Eigentlich ein Auftragswerk und eine Produktion der Pariser Opéra Comique, wird Kein Licht. von der koproduzierenden Ruhrtriennale uraufgeführt, die Pariser Aufführungsserie startet erst Mitte Oktober. Manoury nennt seine neue Opernform, es ist seine fünfte Oper überhaupt, anspielend auf das deutsche Singspiel des 18. Jahrhunderts, ein „Thinkspiel“. Die Kennzeichen dieser Schauspiel und Oper zusammenführenden Form: Es ist ein modulares Werk mit einer flexiblen Libretto- und Partitur-Struktur, die erst während der Probenphase eine mehr oder weniger fixierte Ordnung erhält. Im Grunde überträgt Manoury so Verfahren aus der aktuellen Schauspielpraxis, die den Stücktext „bloß“ als Ausgangsmaterial begreift und den zeitlichen Ablauf der Werke ignoriert, auf die Oper. Manourys Module zu Kein Licht. sind zwar auskomponiert, lassen aber hinsichtlich der Anordnung und zeitlichen Ausdehnung einen variablen Einsatz zu. Das „Thinkspiel“ verfügt über einen hohen Sprachanteil: gesungene und gesprochene Texte, meist getrennt, mal überlagernd, eingesetzt. Hinzu kommt der Einsatz von Live-Elektronik. Das alles lässt viel offenen Spielraum für Regisseur, Komponist, Schauspieler, Musiker und das „Computer Music Design“, verlagert große Teile des Realisierungsprozesses in die intensive Probenphase und verlangt Verantwortung, Denkarbeit und Engagement vom ganzen Produktionsteam. Kein Licht. ist besetzt für zwei Schauspieler, vier Singstimmen, ein Vokalquartett, ein klein besetztes Kammerensemble und einen dressierten Hund.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
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Textgrundlage von Kein Licht. ist Elfriede Jelineks auf die Havarie des Atommeilers in Fukushima reagierendes Werk gleichen Titels, 2011 am Kölner Schauspiel von Karin Beier uraufgeführt. Jelinek hat in der Folge das Thema weiterbearbeitet, indem sie 2012 den überraschenden deutschen Atomausstieg im Epilog 2012 reflektiert und 2017 den Wahlsieg Donald Trumps, der einen atomaren Konflikt zwischen Nordkorea und den USA mit sich bringen könnte, mit dem Text Der Einzige, sein Eigentum (Hello darkness, my old friend) kommentiert. Alle drei Texte sind nicht eigentlich dramatisch aufgebaut. Es sind wüste, wütende Textblöcke, in denen die Nobelpreisträgerin ihrer Fassungslosigkeit über den desaströsen, (selbst-)zerstörerischen und verantwortungslosen Zustand der Welt Ausdruck verleiht, auch der Fassungslosigkeit darüber, dass es weder auf Seiten der Politik noch der Bevölkerung eine ethisch oder politisch angemessene, korrigierende Reaktion zu verzeichnen gibt. Trotz der aussichtslosen Lage besitzen die Texte – „Der Text ist finster. Aber die Wirklichkeit ist es genauso.“ – einen hintergründigen, ironisch-bitteren Sprachwitz: „Ich liebe den Kalauer und werde ihn niemals, niemals aufgeben! Kalauer sind Augenblicke der Wahrheit.“
Der Regisseur Nicolas Stemann kürzt, destilliert, collagiert diese dreiteilige Struktur in eine für die Aufführung handhabbare Fassung, verteilt Textteile auf Sänger und ein Vokalquartett sowie auf die beiden Schauspieler. Es gibt keine lineare Erzählstruktur, keine eigentlichen Rollen. Es ist zwar die Rede von A und B, wobei nicht präzise festgelegt ist, wer oder was A und B nun sein könnten. Zuerst hat es den Anschein, es handele sich um eine erste und zweite Geige in einem Orchester, dann sind es Teilchen im Reaktor nach dem Gau, später vielleicht Mitarbeiter des Atomkonzerns Tepco, die sich um ihre Verantwortung drücken. Auf jeden Fall ist es ein dauerhaft quatschender Assoziationsstrom ohne jegliche dialogische, argumentative oder funktionierende Kommunikation.

Der Abend startet mit einem berückenden Solo eines dressierten Hundes. Der Hund als treuer Begleiter und Freund des Menschen hat offenbar den Crash des Reaktors überlebt und verzehrt sich nach seinem Frauchen, der später auftauchenden „trauernden Frau“. Der jaulende Klagegesang des Hundes, nach dem Solo-Auftakt, begleitet durch eine Solo-Trompete aus dem Ensemble, wird in der „Echtzeit-Technologie“ des „Computer Music Design“ in den Händen von Thomas Goepfer aus dem IRCAM bearbeitet, verdichtet, überlagert – ein erstaunlich glückendes Erlebnis. Für die analoge Musik verantwortlich sind die United Instruments of Lucilin aus Luxemburg unter der Leitung von Julien Leroy.
Caroline Peters und Niels Bormann verkörpern A und B. Die von Manoury vertonten Textteile sind auf die Gesangssolisten Christina Daletska, Lionel Peintre, Sarah Sun, Olivia Vermeulen und das Vokalquartett des Kroatischen Nationaltheaters Zagreb verteilt. Da es keinen Plot gibt, reihen sich Szenen mehr oder weniger fixiert aneinander. Zuerst hat man eine Konzertsituation auf der Bühne, dann befindet man sich im defekten AKW, später treffen wir auf die Handpuppe Atomi. All das erinnert stark an das absurde Theater eines Beckett oder Ionesco. Auch Manoury schaltet sich zweimal persönlich ins Geschehen ein, indem er sein Werk und den nie endenden elektronischen Prozess erläutert, da der Computer mittels interaktiver algorithmischer Kompositionsverfahren fortwährend eine Partitur und somit den Sound erzeugt. Manourys Klangsprache integriert lamento- und oratorienhafte Elemente, erzeugt auch mal große Klangballungen und treibt die Sängerinnen in extreme Höhen, bleibt aber insgesamt eher zurückhaltend und meidet die Extreme. Historische Anklänge finden sich wenige, sehr berührend etwa das mahnende Nietzsche-Zitat aus Mahlers 3. Symphonie: Oh Mensch! Gib acht!
Das gesamte Ensemble widmet sich dem Werk mit großem Einsatz, ganz bewundernswert, alle Elemente verbinden sich vorzüglich zu einer überaus gelingenden und funktionierenden Inszenierung mit einer Dauer von etwa zwei Stunden. Das Publikum ist entsprechend begeistert und feiert die Produktion mit großem Enthusiasmus. Einzig Regisseur Nicolas Stemann muss einige heftige Buhs wegstecken. Die Inszenierung, die an Bühnentechnik – Katrin Nottrodt – und Kostüm – Marysol del Castillo – einen enormen, fast besinnungslosen Aufwand betreibt, tendiert besonders gegen Ende zu einem großen, überdrehten Spektakel. Sie wird zu einem „unendlichen Spass“, der das skandalöse Thema aus dem Blick verliert und über das real existierende Leid der nicht nur in Fukushima wirklich Betroffenen allzu locker hinweggeht. Momentan sind wir hier in Europa nur indirekt tangiert, aber das wir uns zu Tode amüsieren, wissen wir schon lange.
Nach der Uraufführungsserie bei der Ruhrtiennale ist Kein Licht. bei den europäischen Produktionspartnern zu sehen.
Dirk Ufermann