O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Thomas Aurin

Vom Mensch zum Monster

MEIN KAMPF
(George Tabori)

Besuch am
8. September 2017
(Premiere am 24. September 2016)

 

Deutsches Theater in Göttingen

Wenn es wirklich einen Rechtsruck in der deutschen Gesell­schaft gibt und nicht nur ein effekt­hei­schender Journa­lismus hässliche Rander­schei­nungen aufbauscht, wenn die so genannten Sozialen Medien tatsächlich einen Gesin­nungs­wandel aufdecken und nicht nur ein Forum schon immer latent vorhan­dener Stamm­tisch­pa­rolen bieten, dann zeigt das vor allem eines: Sämtliche Bildungs­ein­rich­tungen haben nach dem Zweiten Weltkrieg gnadenlos versagt. Statt den Schülern ein humanis­ti­sches Weltbild zu vermitteln, haben sie Arbeits­kräfte für ein kapita­lis­ti­sches System heran­ge­züchtet. Und das funktio­nierte gut, so lange alle davon profi­tierten. Wenn aber der Kapita­lismus seine Kinder abhängt, wenn die Solidar­ge­mein­schaft aufge­kündigt wird, bleibt bei zu vielen nicht viel mehr als Wut und Hass.

Schon 1987 hat George Tabori ähnliche Überle­gungen zu einem Menschen angestellt, aus dem später ein Monster wurde. In seiner Groteske, die am 5. Mai dieses Jahres im Akade­mie­theater des Wiener Burgtheaters urauf­ge­führt wurde, ging es Tabori, der damals selbst die Rolle des Lobkowitz übernahm, selbst­ver­ständlich nicht darum, aus Tätern Opfer zu machen, sondern vielmehr zu hinter­fragen, was in einer Gesell­schaft nicht funktio­niert, wenn sie solche Monster produ­ziert. Der adoles­zente Hitler reist aus Braunau nach Wien, um Kunst zu studieren. Er findet Unter­kunft im Männerheim unter Frau Merschmeyers Metzgerei in der Blutgasse, wo bereits die beiden jüdischen Mitbe­wohner Schlomo Herzl und der selbst­er­nannte Gott Lobkowitz, ein arbeits­loser Koch, leben. Die Farce ist ein gutge­wähltes Mittel, um beispiels­weise Charak­terzüge zu übertreiben, und so ist der Möchtegern-Künstler ein Mensch mit zackig-gestörtem Auftritt ohne Weltbild oder tiefer­ge­hende Bildung. Tatsächlich war Hitler ja wohl zeich­ne­risch immerhin so talen­tiert, dass es reichte, sein Geld als Postkar­ten­maler zu verdienen. Tabori macht aus ihm einen völligen Dilet­tanten, um zu verdeut­lichen, warum der Dorfjunge bei der Aufnah­me­prüfung an der Kunst­aka­demie so gründlich scheitert. Solcher­maßen aus der Laufbahn gefallen, wendet Hitler sich gegen seinen Mentor Schlomo und entwi­ckelt einen dumpfen Antise­mi­tismus. Der Tod erkennt das Potenzial und engagiert Hitler als Würge­engel, der nun seinen „Kampf“ beginnt. Versagt hat aber eigentlich nicht der Künstler, sondern eine selbst­ge­rechte Gesell­schaft, die ihm seinen Platz in ihr verweigert. Dass Hitler selbst das Buch Mein Kampf nicht mehr selbst hinbe­kommt, sondern es von Schlomo stehlen muss, ist ein schöner Ausblick auf die Substanz dieses Buches, das ja erst kürzlich noch einmal durch die Medien gehechelt wurde. Schön auch, dass Schlomo über einen unbedeu­tenden Satz nicht hinaus­ge­kommen ist. Dieser feine, andeu­tungs­reiche Humor trägt wesentlich mit dazu bei, aus dem Theater­stück einen Genie-Streich werden zu lassen.

Foto © Thomas Aurin

Regis­seurin Lucia Bihler wider­steht der Versu­chung, aus der Farce eine alberne Posse zu machen, und entwi­ckelt gemeinsam mit Bühnen­bild­nerin Paula Wellmann und Kostüm­bild­nerin Josa März ein sehr feines Gespür für die Erfor­der­nisse der Groteske. Und als ob das nicht reichte, wachsen die Masken­bild­ne­rinnen über sich hinaus. Wellmann wählt einen von außen weiß gekachelten Kubus als Drehbühne, der jeweils nur sehr kleine Ausschnitte erahnen lässt. Zusätz­liche Spannung wird über einen darüber aufge­hängten Spiegel erzeugt, in dem sich das eine oder andere erahnen lässt. Szenen, die im Innern des Kubus spielen, werden grotesk überzeichnet als Video auf die Außenwand übertragen und reichen so bis ins Comic­hafte. Auf- und Abgänge erfolgen hinter dem Kubus, lediglich das Toten­reich wird über den linken Seiten­büh­nen­eingang betreten oder verlassen. März lässt den jungen Hitler in kurzen Hosen auftreten, so wie das zu Beginn des 20. Jahrhun­derts für Schul­buben üblich war. Schlomo bekommt einen gestreiften Anzug verpasst, der Assozia­tionen zum Kommenden zulässt. Lobkowitz trägt so etwas wie einen weißen Ganzkörper-Overall mit Puschen und Fellhand­schuhen, was ihn ein bisschen vertrottelt erscheinen lässt. Gretchen darf ihren kindlichen Spiel­trieb als ganz in Rot gekleidete, mit einer weißen Federboa verzierte Ballerina ausleben. Und Frau Tod bekommt ihren ganz großen Auftritt in schwarzer Abendrobe mit silber­far­benem Besatz.

Vor Lautstärke braucht eine Farce keine Angst zu haben. Aber hier übertreibt die Technik, so dass die Songs in der Bearbeitung von Jacob Suske unver­ständlich werden. Gut verständlich aller­dings bleiben die Schau­spieler, die allesamt heraus­ragend agieren. Allen voran Nicolas Fehr als Frau Tod. Allein seine Präsenz, perfekt überir­disch ausge­leuchtet von Markus Piccio, reicht für einen ganzen Bühnen­abend. Überzeugend, wie Florian Donath allein durch typische Körper­be­we­gungen die spätere manie­rierte Körper­haltung vorweg­nimmt und ihn so kenntlich macht. Das macht sogar das Bärtchen überflüssig, das also später – nur der Vollstän­digkeit halber – noch hinzu­ge­zeichnet wird, als er den Schritt vom Menschen zum Monster vollzieht. Bardo Böhlefeld verzichtet als Schlomo Herzl dankenswert auf „typisch jüdische“ Allüren und unter­streicht damit die tragisch missglü­ckende Mento­ren­rolle. Gott als verschla­fener Trottel, der zwar alles wissen will, aber trotzdem nichts richtig hinbe­kommt, wird herrlich unauf­dringlich von Lutz Gebhardt inter­pre­tiert. Felicitas Madl glänzt als Gummi­bärchen und Geschichten liebendes Gretchen, auch wenn bei allen textlichen Andeu­tungen auf die Erotik allzu sehr verzichtet wird – es sei denn, man findet es erotisch, wenn sich eine Schau­spie­lerin überwiegend auf Zehen­spitzen über die Bühne bewegt.

Insgesamt ist Bihler und ihrem grandiosen Team eine wirklich eindrucks­volle Tabori-Inter­pre­tation gelungen, von denen es in dieser filigranen Ausführung sicher nicht so viele gibt. Das Publikum im vollbe­setzten großen Saal hat diebi­schen Spaß und verlässt nach reichlich Applaus gutge­launt das Theater.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: