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MEIN KAMPF
(George Tabori)
Besuch am
8. September 2017
(Premiere am 24. September 2016)
Wenn es wirklich einen Rechtsruck in der deutschen Gesellschaft gibt und nicht nur ein effektheischender Journalismus hässliche Randerscheinungen aufbauscht, wenn die so genannten Sozialen Medien tatsächlich einen Gesinnungswandel aufdecken und nicht nur ein Forum schon immer latent vorhandener Stammtischparolen bieten, dann zeigt das vor allem eines: Sämtliche Bildungseinrichtungen haben nach dem Zweiten Weltkrieg gnadenlos versagt. Statt den Schülern ein humanistisches Weltbild zu vermitteln, haben sie Arbeitskräfte für ein kapitalistisches System herangezüchtet. Und das funktionierte gut, so lange alle davon profitierten. Wenn aber der Kapitalismus seine Kinder abhängt, wenn die Solidargemeinschaft aufgekündigt wird, bleibt bei zu vielen nicht viel mehr als Wut und Hass.
Schon 1987 hat George Tabori ähnliche Überlegungen zu einem Menschen angestellt, aus dem später ein Monster wurde. In seiner Groteske, die am 5. Mai dieses Jahres im Akademietheater des Wiener Burgtheaters uraufgeführt wurde, ging es Tabori, der damals selbst die Rolle des Lobkowitz übernahm, selbstverständlich nicht darum, aus Tätern Opfer zu machen, sondern vielmehr zu hinterfragen, was in einer Gesellschaft nicht funktioniert, wenn sie solche Monster produziert. Der adoleszente Hitler reist aus Braunau nach Wien, um Kunst zu studieren. Er findet Unterkunft im Männerheim unter Frau Merschmeyers Metzgerei in der Blutgasse, wo bereits die beiden jüdischen Mitbewohner Schlomo Herzl und der selbsternannte Gott Lobkowitz, ein arbeitsloser Koch, leben. Die Farce ist ein gutgewähltes Mittel, um beispielsweise Charakterzüge zu übertreiben, und so ist der Möchtegern-Künstler ein Mensch mit zackig-gestörtem Auftritt ohne Weltbild oder tiefergehende Bildung. Tatsächlich war Hitler ja wohl zeichnerisch immerhin so talentiert, dass es reichte, sein Geld als Postkartenmaler zu verdienen. Tabori macht aus ihm einen völligen Dilettanten, um zu verdeutlichen, warum der Dorfjunge bei der Aufnahmeprüfung an der Kunstakademie so gründlich scheitert. Solchermaßen aus der Laufbahn gefallen, wendet Hitler sich gegen seinen Mentor Schlomo und entwickelt einen dumpfen Antisemitismus. Der Tod erkennt das Potenzial und engagiert Hitler als Würgeengel, der nun seinen „Kampf“ beginnt. Versagt hat aber eigentlich nicht der Künstler, sondern eine selbstgerechte Gesellschaft, die ihm seinen Platz in ihr verweigert. Dass Hitler selbst das Buch Mein Kampf nicht mehr selbst hinbekommt, sondern es von Schlomo stehlen muss, ist ein schöner Ausblick auf die Substanz dieses Buches, das ja erst kürzlich noch einmal durch die Medien gehechelt wurde. Schön auch, dass Schlomo über einen unbedeutenden Satz nicht hinausgekommen ist. Dieser feine, andeutungsreiche Humor trägt wesentlich mit dazu bei, aus dem Theaterstück einen Genie-Streich werden zu lassen.

Regisseurin Lucia Bihler widersteht der Versuchung, aus der Farce eine alberne Posse zu machen, und entwickelt gemeinsam mit Bühnenbildnerin Paula Wellmann und Kostümbildnerin Josa März ein sehr feines Gespür für die Erfordernisse der Groteske. Und als ob das nicht reichte, wachsen die Maskenbildnerinnen über sich hinaus. Wellmann wählt einen von außen weiß gekachelten Kubus als Drehbühne, der jeweils nur sehr kleine Ausschnitte erahnen lässt. Zusätzliche Spannung wird über einen darüber aufgehängten Spiegel erzeugt, in dem sich das eine oder andere erahnen lässt. Szenen, die im Innern des Kubus spielen, werden grotesk überzeichnet als Video auf die Außenwand übertragen und reichen so bis ins Comichafte. Auf- und Abgänge erfolgen hinter dem Kubus, lediglich das Totenreich wird über den linken Seitenbühneneingang betreten oder verlassen. März lässt den jungen Hitler in kurzen Hosen auftreten, so wie das zu Beginn des 20. Jahrhunderts für Schulbuben üblich war. Schlomo bekommt einen gestreiften Anzug verpasst, der Assoziationen zum Kommenden zulässt. Lobkowitz trägt so etwas wie einen weißen Ganzkörper-Overall mit Puschen und Fellhandschuhen, was ihn ein bisschen vertrottelt erscheinen lässt. Gretchen darf ihren kindlichen Spieltrieb als ganz in Rot gekleidete, mit einer weißen Federboa verzierte Ballerina ausleben. Und Frau Tod bekommt ihren ganz großen Auftritt in schwarzer Abendrobe mit silberfarbenem Besatz.
Vor Lautstärke braucht eine Farce keine Angst zu haben. Aber hier übertreibt die Technik, so dass die Songs in der Bearbeitung von Jacob Suske unverständlich werden. Gut verständlich allerdings bleiben die Schauspieler, die allesamt herausragend agieren. Allen voran Nicolas Fehr als Frau Tod. Allein seine Präsenz, perfekt überirdisch ausgeleuchtet von Markus Piccio, reicht für einen ganzen Bühnenabend. Überzeugend, wie Florian Donath allein durch typische Körperbewegungen die spätere manierierte Körperhaltung vorwegnimmt und ihn so kenntlich macht. Das macht sogar das Bärtchen überflüssig, das also später – nur der Vollständigkeit halber – noch hinzugezeichnet wird, als er den Schritt vom Menschen zum Monster vollzieht. Bardo Böhlefeld verzichtet als Schlomo Herzl dankenswert auf „typisch jüdische“ Allüren und unterstreicht damit die tragisch missglückende Mentorenrolle. Gott als verschlafener Trottel, der zwar alles wissen will, aber trotzdem nichts richtig hinbekommt, wird herrlich unaufdringlich von Lutz Gebhardt interpretiert. Felicitas Madl glänzt als Gummibärchen und Geschichten liebendes Gretchen, auch wenn bei allen textlichen Andeutungen auf die Erotik allzu sehr verzichtet wird – es sei denn, man findet es erotisch, wenn sich eine Schauspielerin überwiegend auf Zehenspitzen über die Bühne bewegt.
Insgesamt ist Bihler und ihrem grandiosen Team eine wirklich eindrucksvolle Tabori-Interpretation gelungen, von denen es in dieser filigranen Ausführung sicher nicht so viele gibt. Das Publikum im vollbesetzten großen Saal hat diebischen Spaß und verlässt nach reichlich Applaus gutgelaunt das Theater.
Michael S. Zerban