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Foto © Thomas Müller

Eigentlich war alles ganz normal

ZEIT BEZEUGEN
(Gernot Grünewald)

Besuch am
9. September 2017
(Urauf­führung am 12. Februar 2017)

 

Deutsches Theater in Göttingen, Studio

Auch am zweiten Tag des Festivals Rechts(d)ruck – Drei Tage Antipo­pu­lismus geht die Ausein­an­der­setzung mit dem Natio­nal­so­zia­lismus weiter. Hätte vor 40 Jahren jemand vorge­schlagen, ein Stück zu machen, in dem sich zehnjährige Kinder mit dem Natio­nal­so­zia­lismus beschäf­tigen sollen, hätte er sich womöglich einer straf­recht­lichen Verfolgung ausge­setzt. Die Zeiten – und wohl auch die Notwen­dig­keiten – ändern sich. Will man Jugend­liche gegen die Einflüsse rechts­ra­di­kalen Gedan­kenguts stark­machen, muss man wohl schon die Kinder sensi­bi­li­sieren. Dachte sich zumindest Gernot Grünewald und entwi­ckelte gemeinsam mit dem Deutschen Theater in Göttingen und der Paul-Gerhardt-Schule in Dassel das Projekt Zeit bezeugen – Kindheit in der NS-Zeit. Man kann es Grünewald nicht hoch genug anrechnen, sich auf ein solches Unter­fangen einzu­lassen. Sämtliche nur erdenk­lichen Beden­ken­träger – von den Lehrern über die Eltern bis zu den Theater­päd­agogen – sind von Anfang an mit dabei. Wer einmal einen Eltern­abend zur Vorbe­reitung einer Klassen­fahrt miterlebt hat, kann sich kaum vorstellen, dass ein solches Projekt, das schließlich in einer einstün­digen Aufführung enden sollte – jemals verwirk­licht werden kann. Aber im Februar dieses Jahres fand tatsächlich die Urauf­führung statt. Und die 28 Kinder einer fünften Klasse des Gymna­siums hatten riesig Spaß.

Wie so oft im Theater­leben war der Entste­hungs­prozess der weitaus wichtigere Teil der Arbeit, die Präsen­tation dann nur das – immerhin noch aufre­gende – i‑Tüpfelchen. Ehe auch nur an Proben zu denken war, bekamen die Schüler eine wichtige Aufgabe: Sie durften Zeitzeugen befragen, die zwischen 1933 und 1939 in die Schule gingen. Sieben Damen und Herren erklärten sich bereit, am Ende ihres Lebens den etwa zehnjäh­rigen Schülern Auskunft über ihre Schulzeit zu erteilen. Und auch den alten Herrschaften gefiel das. Es war das erste Mal, dass sie vorur­teilsfrei und ohne Beleh­rungen erzählen durften. Dabei waren die Fragen bewusst einfach gewählt. Wie hat ihnen die Schulzeit gefallen? Welche Fächer gab es? Hatten sie genug zu essen? Welche Spiel­zeuge gab es? Schon das Ergebnis an sich war erstaunlich. Es war schließlich alles ganz normal. Für die Schüler von damals war ihre Schulzeit das Normalste auf der Welt. „Natürlich“ gehörten Jungvolk, Hitler­jugend, Arbeits­dienst und so weiter dazu – mit all den schönen Erleb­nissen. Vor allem die Gemein­samkeit wurde hoch einge­schätzt. Von der Körper­er­tüch­tigung über Singen und Wandern bis zu Lager­feuer-Abenden erlebten die damaligen Kinder eine schöne Schulzeit. Da zeigten sich auch die heutigen Schüler begeistert. Das Leuchten in den Augen der alten Leute versprach mehr als pädago­gisch wertvolle Compu­ter­spiele oder What’s‑App-Vernetzung.

Ganz so einfach wollte es Grünewald seinen Schütz­lingen dann aber doch nicht machen. Er entwi­ckelte eine Collage, die nicht nur den Schülern auch die andere Seite zeigte, sondern eine Profes­sio­na­lität an den Tag legt, die Filmreife zeigt. Der schwarz ausge­schlagene Bühnenraum des Studios bietet viel Raum für Bewegung, Grafik und an der Rückwand für Videos. Vollkommen unver­ständlich, warum auf der Tribüne noch Plätze frei bleiben.

Foto © Thomas Müller

Während die Schüler sich vom Bühnenrand aus immer wieder zu Übungen bis hin zu Drill auf der Bühne treffen, versammeln, neu ordnen und marschieren, laufen im Hinter­grund Videos histo­ri­scher PR-Videos, die die ganze Herrlichkeit des „neuen“ Bildungs­systems der Natio­nal­so­zia­listen zeigen. Zwischen­zeitlich werden von den beiden „Lehrern“, die das Geschehen auf der Bühne betreuen, Texte verlesen, die die ideolo­gische Grundlage für das Bildungs­system bilden. Oder sollte man sagen: Die Kehrseite des Systems? Da wird alles in die Schule hinein­ge­tragen, was das natio­nal­so­zia­lis­tische Gedan­kengut ausmacht und den Kindern von der ersten Stunde an – so sagen es die Lehrpläne – indok­tri­niert werden soll: Vom Antise­mi­tismus über die Rassen­ideo­logie, vom Kampf für das deutsche Volk bis zur Verherr­li­chung des „Führers“. Auch wenn die Schüler nicht genau verstanden, was ihre jüdischen Mitschüler ihnen eigentlich getan hatten, verstanden sie umso genauer, dass sie in eine neue, herrliche Zeit aufbrachen. Die Schüler der Paul-Gerhardt-Schule spielen das nach, ziehen noch einmal die Sport­uni­formen der Nazi-Schüler an, lassen ihren so genannten Hitler-Gruß bereit­willig von den Lehrern optimieren und singen gemeinsam Volks­lieder. In diesem Alter hinter­fragt man nicht, sondern bemüht sich, möglichst gut zu sein.

Für den Zuschauer ist das alles zwiespältig, weil die Idee der Solidar­ge­mein­schaft nichts von ihrem Reiz verloren hat. Weil es großartig aussieht, wenn die Jugend gemeinsam für die „gute Sache“ aufmar­schiert und daran offen­sichtlich Spaß hat. Den Gymna­si­asten aus Dassel gelingt es, ihrem Publikum diese Faszi­nation zu vermitteln. Diese Idee von der Volks­ge­mein­schaft, die in Kindheits­tagen beginnt und „bis zum Grab“ dauern soll, ist doch gerade in diesen Tagen bestechend, in denen plötzlich jeder wie am jüngsten Tag auf sich selbst gestellt zu sein und eine solche Kraft gar nicht zu haben scheint. Wenn es sie denn ohne das rechts­ra­dikale Gedan­kengut gäbe. Ein verwir­render Gedanke, den man erst mal wieder abschütteln muss.

Und während das Publikum die großar­tigen Bemühungen der Schüler applau­diert, die Zeitzeugen gar zur Gänze beglückt scheinen, als hätten alle Worte keine Wirkung, dämmert eine weitere Frage auf. Was wird eigentlich dieses Stück aus den Kindern machen, nicht jetzt, vielleicht in fünf Jahren? Die Theater­päd­agogin bietet im Anschluss ein Gespräch an, aber gerade jetzt möchte man erst mal mit seinen Gedanken allein sein. Ein letztlich verstö­rendes Stück, von dem man hofft, dass die Kinder die richtigen Schlüsse für sich daraus ziehen.

Michael S. Zerban

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