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Foto © Anton Säckl

Wie aus dem Hakenkreuz ein Schachbrett wurde

DEINE HELDEN – MEINE TRÄUME
(Karen Köhler)

Besuch am
9. September 2017
(Premiere am 16. Februar 2017)

 

Deutsches Theater in Göttingen, Max-Planck-Gymnasium

Ein bisschen mehr Werbung hätte das Stück verdient, das eine Stunde nach Zeit bezeugen – Kindheit in der NS-Zeit nur wenige Meter vom Deutschen Theater in Göttingen in einem Klassen­zimmer des Max-Planck-Gymna­siums statt­findet. Auch wenn nicht mehr als die Stühle der Schüler zur Verfügung stehen. So besteht das Publikum wohl überwiegend aus Menschen, die sich unter­ein­ander kennen. Zumindest so gut kennen, dass die Dame, die eine imaginäre Vertre­tungs­stunde eröffnet, glaubt, sich nicht vorstellen zu müssen. Das ist nicht gastfreundlich, spielt aber kaum eine Rolle, denn kaum hat sie den Einstieg beendet, bollert es an der Tür und ein junger Mann tritt ein. Allen ist klar: Jetzt beginnt die Vorführung. Der Ort ist gut gewählt. Auch die wenigen Leute, die nicht zur peer group an diesem Nachmittag gehören, erfasst die nie nachlas­sende Erinnerung an das Klassen­zimmer, diese tiefe Narbe im Gedächtnis eines jeden Menschen, der einmal in diesen schmud­de­ligen Räumen seine Kindheit verbrachte.

Es scheint, als seien Klassen­zimmer in ganz Deutschland gleich. Längst sind die Holzbänke und ‑tische solchen mit Plastik­be­zügen gewichen, natürlich hat der Beamer Einzug gehalten, aber an der Ausstrahlung hat sich nichts geändert, die doch für jeden etwas anderes bedeutet. Für manch einen ist es wohl der Hort, den man ein Leben lang nicht mehr verlassen möchte – den nennt man später Lehrer – für andere notwen­diges Übel, wieder andere verbinden damit Gefühle des Schei­terns und der erstmalig erlebten Ungerech­tigkeit, die man lebens­länglich nicht mehr abschütteln kann. Aber ebenso oft ist es der Ort der ersten Verliebtheit. Davon weiß auch der junge Mann zu berichten, der in Jeans, lässiger Kapuzen­jacke und T‑Shirt gekleidet ist. Und damit beginnt auch seine Erzählung. Verfasst hat die Geschichte Karen Köhler.

Foto © O‑Ton

Eine Geschichte, die vor Klischees nur so trieft, moralin­sauer durch­tränkt ist und von der ein Erwach­sener glaubt, sie sei so platt, dass man damit nun wirklich keinen Schüler mehr hinter dem Ofen hervor­locken könnte. Doch weit gefehlt. An dem Ort, an dem aus Schüler­sicht Wahrheiten für das Leben verkündet werden, in der geschützten Umgebung des Klassen­ver­bandes, gewinnt die gespielte Geschichte eine Dynamik, die überrascht. Jonas ist ein eher durch­schnitt­licher Schüler, der sich in Mitschü­lerin Jessica verliebt, ein beschis­senes Elternhaus hat, na klar, Mutter weiß sich nicht zu helfen, Stief­vater ist Alkoho­liker, Schläge sind an der Tages­ordnung. Spätestens zu diesem Zeitpunkt fallen einem Jugend­romane der 1980-er Jahre ein, die sich um dieses Thema drehten. Kennen wir alles, erstaunlich allen­falls, dass sich nach fast vier Jahrzehnten kaum etwas geändert zu haben scheint. Jonas, der Protagonist, wird Boxer, findet am Ring seinen Sparring-Partner und Freund Mo. Kommt Jessica näher und lernt ihren Bruder kennen, Heiko, ein cooler Typ, fünf Jahre älter mit Führer­schein und noch hipperen Freunden. Heiko ist – welche Überra­schung! – ein Neonazi.

Weil Jonas, inzwi­schen fest in die Neonazi-Szene integriert und hocher­freut über die Anerkennung, die er dort erfährt, sich ein Haken­kreuz auf den Unterarm tätowieren lässt, fällt er aus seinem sozialen Umfeld. Jessica scheint sich von ihm abzuwenden. Allmählich wird es eng für den, der die Neonazi-Schriften nicht versteht, auch, weil sie ihn nicht inter­es­sieren. Der einfach nur irgendwo dazuge­hören und seine Verliebtheit zu Jessica ausleben möchte. Dann sieht er Mo, der scheinbar mit Jessica anbandelt. Ein kurzer Hinweis bei Heiko genügt, und die Neonazis lauern Mo auf, um ihn kranken­hausreif zu prügeln. Und so weiter und so fort. Das kennt man doch inzwi­schen als Erwach­sener – und dank des Fernsehens wohl auch als Jugend­licher – bis zum Erbrechen. Und haben die Heran­wach­senden diese Mecha­nismen nicht längst im Unter­richt erarbeitet und durch­schaut? Nächste Überra­schung: Offenbar nicht. Was passiert eigentlich in deutschen Klassen­zimmern? In Gesell­schafts­kunde, Sozio­logie, Deutsch und Philo­sophie? Oder gibt es diese Fächer an deutschen Gymnasien nicht mehr?

Vielleicht liegt es auch an dem Schau­spieler, dass die Mädchen und der Junge wie gebannt seiner Erzählung lauschen, vollkommen in eine andere Welt abtauchen. Selbst die Erwach­senen kann er in die Geschichte mitnehmen, als hörten sie zum ersten Mal von Jonas‘ Schicksal. Die Schüler hängen an den Lippen des Erzählers. Roman Majewski gibt alles, überzieht, geht auf die Zuhörer zu, brüllt sie an, simuliert einen Boxkampf mit einer Schülerin, stottert, ist den Tränen nahe. Und erklärt, wie aus dem Haken­kreuz an seinem Unterarm ein Schach­brett wurde. Kein verste­hendes Gelächter, sondern Betroffenheit.

Pointen und der Ausgang bleiben hier offen, weil dieses Stück hoffentlich in möglichst vielen Klassen­zimmern dieser Welt wiederholt werden wird. Denn es ist unglaublich, wie den Schülern das Stück unter die Haut geht. „Roman hat uns total mitge­nommen“, erzählt eine Schülerin im Anschluss. Es ist alles gesagt.

Michael S. Zerban

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