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PEAK WHITE
(Kevin Rittberger)
Besuch am
9. September 2017
(Premiere am 30. September 2016)
Eine Gesellschaft, in der es immer wieder Gedankenspiele dazu gibt, ob es möglicherweise sinnvoll sei, die Alten zu liquidieren, macht Angst. Nicht die Angst, irgendwann zwangsläufig selber getötet zu werden. Sondern Furcht vor einer verrohten Gattung von Erdenbewohnern, die den Arterhaltungstrieb vorsätzlich aufgibt. Ein solches Gedankenspiel gibt es auch von Kevin Rittberger mit Peak White – oder: Wirr sinkt das Volk. Oder sollte man besser von einem Verwirrspiel reden? Schon der Titel dieses Theaterstücks hilft nicht recht weiter. Peak white ist nicht etwa die weiße Spitze, sondern ein Schmetterling, der im Deutschen Alpen-Weißling genannt wird. Zugegeben, klingt nicht so schick, würde aber auch nicht weiter zur Erhellung beitragen.
Und die ist bei dem Stück dringend geboten. Rittberger mischt den Generationenkonflikt mit dem Thema Künstliche Intelligenz so gründlich durcheinander, dass sich nicht recht erschließen will, worum es denn nun eigentlich geht. Dazu kommt ein bisschen Gesellschaftskritik. Alles hübsch verquast und pseudo-geheimnisvoll. Dazu eine Handlung, die in der Zukunft spielt – in der also alles erlaubt ist. Amsel war früher Schauspielerin, musste dann umschulen auf Pflegerin, weil dank des partizipatorischen Theaters keine Schauspieler mehr benötigt werden und die Theaterbühne längst von der Bürgerbühne abgelöst ist. Nun, und hier setzt die Bühnenhandlung ein, erlebt sie ihren letzten Tag in einem Altenpflegeheim, weil sie von dem Pflegeroboter Tante Atlanta abgelöst wird. Die soll sich zukünftig um die vier weißen Männer kümmern. Um die im elektrischen Rollstuhl sitzenden Greise richtig versorgen zu können, bezieht Atlanta ihre Daten aus den Krankenakten. Nach den ersten Fehlversuchen erkennt die künstliche Intelligenz, dass es auch Empathie braucht. Aber die kann man ja auch lernen. Zwischendurch taucht ein Kinderchor mit Robotermasken auf, Amsel schwebt als mahnendes Gewissen über der Bühne und die alten Herren, die zwischendurch selbstverständlich auch das Publikum in ihre Monologe einbeziehen, sterben, um dann aber wieder aufzuerstehen. Selbstverständlich sind die Rollstühle vom Hersteller zur Verfügung gestellt worden und mit unübersehbaren Werbeaufklebern versehen. Wie gut, dass das erst in 40 Jahren möglich sein wird. Zur Erinnerung: Das Stück spielt in der Zukunft.

Regisseurin Katharina Ramser kommt mit wenigen Hilfsmitteln aus und versucht, dem Werk eine komische Seite abzugewinnen. Um es kurz zu machen: Bis auf ein wenig Situationskomik misslingt das. Bei den Kostümen, für die Elisa Alessi genauso wie für die Bühne verantwortlich ist, waltet wenig Fantasie. Allenfalls, dass Atlanta sich hin und wieder auf einem Segway ohne Stiel fortbewegt, ist so interessant wie die Geschwindigkeit, die die Rollstühle auf der Bühne erreichen können, ohne Schaden anzurichten. Aus dem Alpen-Weißling scheint ein Käfer geworden zu sein, den Amsel sich zwischenzeitlich auf den Rücken schnallt. Das ist alles nett anzuschauen und man muss nicht so genau hinhören, denn allerspätestens, wenn die alten Männer sich als V‑Leute eines Geheimdienstes zu erkennen geben, wird es doch reichlich abstrus. Und ein leichtfertiger Umgang des Autors mit dem Thema Demenz ergänzt das Ganze zur Überflüssigkeit.
Autoren solcher Stücke beklagen sich gern über ihre Kritiker, die sich nicht hinlänglich mit dem Werk auseinandergesetzt haben und so zu Verrissen kommen. Wenn allerdings große Themen allzu oberflächlich und anscheinend lieblos, wenn nicht zynisch abgehandelt werden, fehlt es auch am Willen zur Auseinandersetzung. Und anscheinend haben sich ja schon die Verantwortlichen der Kooperationspartner Theater und Orchester Heidelberg und Theater Göttingen nicht allzu sehr mit dem Werk befasst. Sonst wäre es womöglich gar nicht erst auf die Bühne gebracht worden. Da helfen auch Perseverationen wie „Wir sind Elite. Unter uns Gewürm“ nicht.
Immerhin gelingt es den Schauspielern, die also ganz und gar nicht überflüssig sind, den Abend zu retten. Allen voran Andrea Strube als Amsel, die ihre Rettungsversuche mit viel glaubhafter Empathie unternimmt. Gabriel von Berlepsch spielt den Roboter Atlanta, wenn auch mit kleineren logischen Schwächen, brillant. Florian Eppinger, Andreas Jeßing, Marco Matthes und Nikolaus Kühn spielen die holzschnittartigen Charaktere der alten, weißen Männer mit sichtlichem Vergnügen und versuchen gar noch, den Rampen-Monologen etwas abzugewinnen. Auch die Kinder, die mit viel Spaß den Chor der alten, weißen Männer und den Chor der Roboter spielen, sind witzig anzuschauen.
Das Theater zeigt Mut, wenn es das Stück anlässlich des Festivals wieder auf die Bühne bringt, denn schon die Premieren in Heidelberg und Göttingen stießen auf keine große Begeisterung. Das Publikum dankt diesen Einsatz für modernes Theater nicht. Gerade mal die Hälfte der Plätze im Parkett sind besetzt. Diejenigen, die doch gekommen sind, bedanken sich artig bei den Bühnenakteuren. Sind aber eigentlich ganz glücklich, dass die Dauer des Stücks im Programmheft mal wieder übertrieben lang angegeben ist.
Michael S. Zerban