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Foto © Thomas Müller

Von der Elite zum Gewürm

PEAK WHITE
(Kevin Rittberger)

Besuch am
9. September 2017
(Premiere am 30. September 2016)

 

Deutsches Theater in Göttingen

Eine Gesell­schaft, in der es immer wieder Gedan­ken­spiele dazu gibt, ob es mögli­cher­weise sinnvoll sei, die Alten zu liqui­dieren, macht Angst. Nicht die Angst, irgendwann zwangs­läufig selber getötet zu werden. Sondern Furcht vor einer verrohten Gattung von Erden­be­wohnern, die den Arterhal­tungs­trieb vorsätzlich aufgibt. Ein solches Gedan­ken­spiel gibt es auch von Kevin Rittberger mit Peak White – oder: Wirr sinkt das Volk. Oder sollte man besser von einem Verwirr­spiel reden? Schon der Titel dieses Theater­stücks hilft nicht recht weiter. Peak white ist nicht etwa die weiße Spitze, sondern ein Schmet­terling, der im Deutschen Alpen-Weißling genannt wird. Zugegeben, klingt nicht so schick, würde aber auch nicht weiter zur Erhellung beitragen.

Und die ist bei dem Stück dringend geboten. Rittberger mischt den Genera­tio­nen­kon­flikt mit dem Thema Künst­liche Intel­ligenz so gründlich durch­ein­ander, dass sich nicht recht erschließen will, worum es denn nun eigentlich geht. Dazu kommt ein bisschen Gesell­schafts­kritik. Alles hübsch verquast und pseudo-geheim­nisvoll. Dazu eine Handlung, die in der Zukunft spielt – in der also alles erlaubt ist. Amsel war früher Schau­spie­lerin, musste dann umschulen auf Pflegerin, weil dank des parti­zi­pa­to­ri­schen Theaters keine Schau­spieler mehr benötigt werden und die Theater­bühne längst von der Bürger­bühne abgelöst ist. Nun, und hier setzt die Bühnen­handlung ein, erlebt sie ihren letzten Tag in einem Alten­pfle­geheim, weil sie von dem Pflege­ro­boter Tante Atlanta abgelöst wird. Die soll sich zukünftig um die vier weißen Männer kümmern. Um die im elektri­schen Rollstuhl sitzenden Greise richtig versorgen zu können, bezieht Atlanta ihre Daten aus den Kranken­akten. Nach den ersten Fehlver­suchen erkennt die künst­liche Intel­ligenz, dass es auch Empathie braucht. Aber die kann man ja auch lernen. Zwischen­durch taucht ein Kinderchor mit Roboter­masken auf, Amsel schwebt als mahnendes Gewissen über der Bühne und die alten Herren, die zwischen­durch selbst­ver­ständlich auch das Publikum in ihre Monologe einbe­ziehen, sterben, um dann aber wieder aufzu­er­stehen. Selbst­ver­ständlich sind die Rollstühle vom Hersteller zur Verfügung gestellt worden und mit unüber­seh­baren Werbe­auf­klebern versehen. Wie gut, dass das erst in 40 Jahren möglich sein wird. Zur Erinnerung: Das Stück spielt in der Zukunft.

Foto © Thomas Müller

Regis­seurin Katharina Ramser kommt mit wenigen Hilfs­mitteln aus und versucht, dem Werk eine komische Seite abzuge­winnen. Um es kurz zu machen: Bis auf ein wenig Situa­ti­ons­komik misslingt das. Bei den Kostümen, für die Elisa Alessi genauso wie für die Bühne verant­wortlich ist, waltet wenig Fantasie. Allen­falls, dass Atlanta sich hin und wieder auf einem Segway ohne Stiel fortbewegt, ist so inter­essant wie die Geschwin­digkeit, die die Rollstühle auf der Bühne erreichen können, ohne Schaden anzurichten. Aus dem Alpen-Weißling scheint ein Käfer geworden zu sein, den Amsel sich zwischen­zeitlich auf den Rücken schnallt. Das ist alles nett anzuschauen und man muss nicht so genau hinhören, denn aller­spä­testens, wenn die alten Männer sich als V‑Leute eines Geheim­dienstes zu erkennen geben, wird es doch reichlich abstrus. Und ein leicht­fer­tiger Umgang des Autors mit dem Thema Demenz ergänzt das Ganze zur Überflüssigkeit.

Autoren solcher Stücke beklagen sich gern über ihre Kritiker, die sich nicht hinlänglich mit dem Werk ausein­an­der­ge­setzt haben und so zu Verrissen kommen. Wenn aller­dings große Themen allzu oberflächlich und anscheinend lieblos, wenn nicht zynisch abgehandelt werden, fehlt es auch am Willen zur Ausein­an­der­setzung. Und anscheinend haben sich ja schon die Verant­wort­lichen der Koope­ra­ti­ons­partner Theater und Orchester Heidelberg und Theater Göttingen nicht allzu sehr mit dem Werk befasst. Sonst wäre es womöglich gar nicht erst auf die Bühne gebracht worden. Da helfen auch Perse­ve­ra­tionen wie „Wir sind Elite. Unter uns Gewürm“ nicht.

Immerhin gelingt es den Schau­spielern, die also ganz und gar nicht überflüssig sind, den Abend zu retten. Allen voran Andrea Strube als Amsel, die ihre Rettungs­ver­suche mit viel glaub­hafter Empathie unter­nimmt. Gabriel von Berlepsch spielt den Roboter Atlanta, wenn auch mit kleineren logischen Schwächen, brillant. Florian Eppinger, Andreas Jeßing, Marco Matthes und Nikolaus Kühn spielen die holzschnitt­ar­tigen Charaktere der alten, weißen Männer mit sicht­lichem Vergnügen und versuchen gar noch, den Rampen-Monologen etwas abzuge­winnen. Auch die Kinder, die mit viel Spaß den Chor der alten, weißen Männer und den Chor der Roboter spielen, sind witzig anzuschauen.

Das Theater zeigt Mut, wenn es das Stück anlässlich des Festivals wieder auf die Bühne bringt, denn schon die Premieren in Heidelberg und Göttingen stießen auf keine große Begeis­terung. Das Publikum dankt diesen Einsatz für modernes Theater nicht. Gerade mal die Hälfte der Plätze im Parkett sind besetzt. Dieje­nigen, die doch gekommen sind, bedanken sich artig bei den Bühnen­ak­teuren. Sind aber eigentlich ganz glücklich, dass die Dauer des Stücks im Programmheft mal wieder übertrieben lang angegeben ist.

Michael S. Zerban

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