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Foto © Jean-Louis Fernandez

Finstere Zeiten

DON CARLOS
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
17. März 2018
(Premiere)

 

L’Opéra national de Lyon

Am zweiten Tag zeigt sich Lyon bereits wieder eines Frühjahrs­fes­tivals würdig. Der Hut bleibt im Hotel, statt­dessen ist die Sonnen­brille gefragt. Allzu viel Zeit, sich damit zu zeigen, bleibt aller­dings nicht, denn die Opéra national de Lyon hat für den Höhepunkte ihres Verdi-Festivals ein strammes Programm vorge­sehen. Bereits um halb sieben am Abend beginnt die fünfstündige Premiere von Don Carlos in der franzö­si­schen Fassung. Vor Beginn der Aufführung bildet sich eine Warte­schlange vor dem Eingang, die sich quer über den Opern­vor­platz windet. Die Besucher bleiben gelassen, schließlich dienen die Einlass­kon­trollen ihrer Sicherheit. Es grenzt an ein logis­ti­sches Wunder, dass die Premiere nur wenige Minuten nach der vorge­se­henen Zeit beginnt.

Und damit verlassen wir den Boden der Wirklichkeit. In den kommenden fünf Stunden nimmt Christoph Honoré die Besucher des ausver­kauften Hauses mit in die Welt Giuseppe Verdis. Von Hause aus Filmre­gisseur, verzichtet Honoré komplett auf den Einsatz moderner Medien, ja, grenz­wertig altbacken wirkt seine Insze­nierung. Aber er schafft großartige Bilder, und seine Perso­nen­führung lässt kaum mal jemanden an der Rampe stehen. Honoré kann erzählen. Da sieht man ihm die ellen­langen Umbau­pausen, wenn auch gegen Schluss zähne­knir­schend, nach. Don Carlos spielt in finsteren Zeiten, und so richtig lustig ist die Geschichte auch nicht, die Joseph Méry und Camille de Locle nach einem Stoff von Friedrich Schiller in ein Libretto gegossen haben. Da bleibt es diffe­ren­ziert düster auf der Bühne. Was in erster Linie heißt, dass Dominique Bruguiére genial gut wenig Licht setzt. Anstrengend ist es trotzdem, weil das Personal, das von Pascaline Chavanne in zeitlos-fanta­sie­volle Kostüme gekleidet ist, mitunter nur noch schemenhaft erkennbar ist. Für Zuschauer, die die Lustige Witwe im Putzlicht gewöhnt sind, ist das nichts.

Alban Ho Van sorgt dafür, dass trotzdem überwäl­ti­gende Bilder entstehen. Hier ist der Wald ein nebel­durch­flu­teter Raum, in dem der Chor herumirrt. Das Gartenfest ein Spiel der Vorhänge in einer Choreo­grafie von Ashley Wright. Das Autodafé ein dreistö­ckiger Raum, in dem die Kirche scheinbar über König und Volk steht. Und der Kerker so trostlos ist, dass man weinen möchte. Überra­schende Effekte schleichen sich dabei unauf­fällig ein, geschehen, bis auf den Schuss auf Marquis de Posa, der absichtlich aufschre­ckend in die Stille einschlägt, meist beiläufig und damit oft umso eindrucksvoller.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Nein, diese Oper ist kein Spaß. Das Drama fordert den Zuschauer von Anfang bis Ende. Honoré nötigt dem musealen Stoff permanent neue Sicht­weisen ab, die aus dem Spiel um Macht­erhalt und Macht­gewinn mehr als eine Begebenheit im 17. Jahrhundert machen. Dabei sind die Männer­rollen durch­gängig stupende besetzt. Allen voran der Marquis de Posa Stéphane Degout, der mit seinem Stimm­ma­terial schnell das ohnehin applaus­freudige Publikum begeistert. Michele Pertusi spielt einen würde­vollen spani­schen König und lässt seinen Bass immer geschmei­diger werden. Wunderbar auch der schwarze Bass des Großin­qui­sitors Roberto Scandiuzzi. Und der spanische Infant, Don Carlos, wird von Sergey Romanovsky nicht nur schön gesungen, sondern auch überzeugend gespielt. Bei den Damen begeistert vor allem Eve-Maud Hubeaux, die eine Prinzessin Eboli im Rollstuhl spielt, ihre seeli­schen Verlet­zungen also hier nach außen trägt. Stimmlich wie darstel­le­risch liefert Hubeaux eine erstklassige Leistung ab, die in jeder Sekunde überzeugt. Mit der eher kleinen Rolle des Pagen von Elisabeth ist Jeanne Mendoche aus dem Opern­studio goldrichtig besetzt. Ihre jugendlich-frische Ausstrahlung vermag sogar ein wenig Glanz in das sonst so trübe Licht bringen. Eigentlich ist die Elisabeth von Valois eine dankbare Rolle, mit der eine Sängerin ordentlich Lorbeeren sammeln kann. Sally Matthews gelingt das nicht. Ihre Stimme klingt, um es freundlich auszu­drücken, matt – zum Ende hin scheint auch die Kondition zu fehlen. Der Chor macht diesen kleinen Einbruch mehr als wett. Auch wenn die Namen der Chorleiter wechseln, den Don Carlos hat Denis Comtet einstu­diert, die Choristen bleiben die gleichen. Und gemeinsam mit Daniele Rustioni werden sie auch die folgende Aufführung gestalten. Eine Mammut­leistung, die in jeder Hinsicht aller Ehren wert ist.

Foto © Jean-Louis Fernandez

Rustioni konnte bereits mit Macbeth begeistern, bei dem Schwer­ge­wicht von Don Carlos legt er noch einen drauf. Elegant weiß er zu akzen­tu­ieren, bedrängt die Sänger nicht und hält die Spannung in der Musik mit dem Opern­or­chester über die gesamte Länge des Abends. Das Ergebnis harter Arbeit klingt leicht­füßig, ohne an die Oberfläche zu strudeln. Darüber täuschen auch ein paar kleinere Patzer der Musiker nicht hinweg, denen man es nicht einmal verdenken könnte, wenn sie Kondi­ti­ons­schwächen zeigen. Dass dem nicht so ist, werden auch sie bei Attila zeigen. Formidabel!

Das findet auch das ohnehin begeis­te­rungs­fähige Publikum, das sich immer wieder in Begeis­te­rungs­rufen ergeht. Auch scheint die Insze­nie­rungsidee von Honoré bei den Zuschauern erheblich besser anzukommen als der Vorabend. Und so bekommt auch das Leitungsteam ungeteilten Zuspruch. Gewiss, am Ende dieses langen Abends stellt sich so mancher erschöpft die Frage, ob vor allem die ausufernden Umbau­pausen notwendig waren, aber ansonsten ist allseitig Begeis­terung zu vernehmen. Damit ist der Höhepunkt des Festivals, das ja nun eigentlich erst richtig beginnt, glanzvoll absol­viert. Und noch ahnt niemand, was der Attila, der schon am nächsten Tag „nur“ konzertant aufge­führt werden wird, für eine Überra­schung bereithält.

Michael S. Zerban

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