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Auditorium Orchestre national de Lyon - Foto © O-Ton

Aufregendes Dirigat

ATTILA
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
18. März 2018
(Premiere)

 

L‘Opéra national de Lyon, Auditorium Orchestre national de Lyon

Die Geschichte dieses Spezials soll enden, wo sie begonnen hat: Beim Wetter. Das Auftakt-Wochenende des Verdi-Festivals der Opéra national de Lyon schließt ohne Regen, aber die Tempe­ra­turen sind empfindlich gefallen, und in den Fernseh­nach­richten ist Schnee für die kommende Woche angekündigt. Zeit, nach Deutschland zurück­zu­kehren. Nicht aber, ohne vorher noch die konzer­tante Aufführung von Giuseppe Verdis Attila zu erleben.

Tradi­ti­ons­gemäß ist die dritte Aufführung aus dem Opernhaus ausge­lagert – was angesichts des Aufwandes, der vor allem für Don Carlos betrieben wurde, auch gar nicht anders zu bewäl­tigen ist. Am Sonntag­nach­mittag geht es deshalb ins Auditorium Orchestre national de Lyon.

Foto © O‑Ton

Der Stadtteil Part-Dieu gleich hinter dem Bahnhof gehört sicher nicht zu den touris­ti­schen Höhepunkten einer Lyon-Reise. Es ist schlicht eine Beton­wüste, aus der die Hochhäuser eher bedrohlich-abweisend empor­ragen. Inmitten dieser menschen­feind­lichen Umgebung hat die Stadt ein UFO landen lassen, so zumindest der erste Eindruck, wenn man den in die Jahre gekom­menen Konzertsaal zum ersten Mal von außen sieht. Die futuris­tische Archi­tektur wirkt aller­dings eher so, als ob es da gestrandet sei. Die Innen­ar­chi­tekten wussten es auch nicht besser, und so versprüht das Haus den Charme einer deutschen Berufs­schule aus den 1980-er Jahren. Mit mehr als 2000 Sitzplätzen wirkt der eigent­liche Saal überdi­men­sio­niert. Ein sozia­lis­ti­scher Protzbau, der aber über eine ganz erstaun­liche Akustik verfügt und nebenbei ist in dem Saal die von Cavaillé-Coll 1878 für die Weltaus­stellung in Paris erbaute Großorgel mit 66 Registern und vier Manualen unter­ge­bracht. Damit ist der Saal einzig­artig in Frank­reich. Der Nachteil von Sälen solcher Größen­ordnung: Sie werden fast nie vollständig gefüllt. Selbst wenn 1500 Besucher anwesend sind, entsteht der Eindruck einer schlecht­be­suchten Veran­staltung. So auch an diesem Nachmittag, an dem sich Daniele Rustioni gemeinsam mit seinem Orchester, dem Opernchor und den Solisten an Attila abarbeiten will.

Der Reiz dieser Oper liegt nicht in der Handlung, sondern in der politi­schen Aussage. Und so ist gerade in der Gegenwart die Anzahl an Insze­nie­rungen zu Recht überschaubar und lässt sich beispiels­weise in Deutschland an einer Hand abzählen. Für die Italiener zur Zeit des risor­gi­mento, also der Einigungs­be­stre­bungen Italiens, für die Verdi brannte, galt da ganz anderes. Die konnten sich am Libretto von Temis­tocle Solera, das von Francesco Maria Piave fertig­ge­stellt wurde, kaum satthören. Die Musik, die Verdi dazu schrieb, tat ihr Übriges.

Also wird Attila heutzutage bevorzugt konzertant aufge­führt. Ausgangs­si­tuation ist die Eroberung des italie­ni­schen Ortes Aquileia durch den heidni­schen Hunnen­könig Attila, der von hier aus Rom angreifen will. Eine Eroberung ist noch keine Verein­nahmung, auch wenn man die Herrscher der Gegen­seite töten lässt. Und so will Odabella den Tod ihres Vaters rächen. Es beginnt eine Zeit der politi­schen Intrigen, an deren Ende Odabella Attila ersticht.

Daniele Rustioni – Foto © O‑Ton

Ein Hauch von Drama­turgie lässt sich an diesem Nachmittag in Form der Auftritte und Abgänge der Solisten erkennen. Das war es aber auch schon. Daniele Rustioni ist derjenige, der das Konzert zu einem Ereignis werden lässt. Schon an den Vorabenden war der General­mu­sik­di­rektor mit seiner Einfühlung in die Verdi-Musik aufge­fallen. Aber wie arbeitet ein Dirigent, um diesen Effekt zu erzielen? Am Pult im Konzertsaal wird sein Einsatz offenbar. Und faszi­niert das Publikum. Fein durch­sticht er die Luft, um Passagen zu unter­streichen, geht in die Knie, nimmt das Orchester mit in einen Rausch. Das klingt übertrieben und mag ihm auch so erscheinen, wenn er sich wie teilnahmslos nach seinem Einsatz wieder an die Reling lehnt. Um sich gleich darauf wieder um die Sänger zu kümmern. Sie in den Sog des Geschehens hinein­zu­ziehen. Wie er auch den Chor mit vollem Körper­einsatz aufruft, der wieder einmal bestens vorbe­reitet, dieses Mal von Barbara Kler, agiert. Die Arbeit, der Affekt des Dirigenten, der nah an der Obsession liegt, aber nicht für die Ränge dirigiert, faszi­niert das Publikum in der zwei Stunden dauernden Aufführung.

Da geraten die sänge­ri­schen Leistungen der Solisten fast zur Neben­sache. Aber eben nur fast. Zwar lässt sich Tatiana Serjan nicht als indis­po­niert ansagen. Aber die Grippe ist ihr ins Gesicht geschrieben. Und so ist die erbrachte Leistung in der Rolle der Odabella nicht hoch genug anzusiedeln. Die beiden Tenöre – Massimo Giordano als Foresto und Grégoire Mour als Uldino – zeigen neben tenoralem Gestus tiefes Verständnis für die Wiedergabe italie­ni­scher Musik. Bariton Alexei Markov gibt den Wider­sacher Ezio mit viel Inbrunst wieder. Zwar stimmlich ebenbürtig, kann er doch neben Attila nicht bestehen. Der wird von Dmitri Oulianov gesungen, der seinen hellen, meist freund­lichen Bass nutzt, um den Hunnen­könig vielleicht eine Spur zu kulti­viert zu reflektieren.

Das ohnehin extrem begeis­te­rungs­fähige Lyoneser Publikum hält sich in dieser musika­lisch hervor­ra­genden Produktion noch weniger zurück und lässt es sich nicht nehmen, die Arien einzeln mit Bravo-Rufen und Zwischen­ap­plaus zu belegen. Nach dem Tode Attilas und drei Auffüh­rungen verschie­dener Produk­tionen in Folge steht ein erschöpfter, aber auch glück­licher Daniele Rustioni einen Moment länger als erwartet am seitlichen Türrahmen gelehnt, ehe er sich noch einmal in den rauschenden Beifall der Besucher wirft.

Und während die Besucher beglückt über einen wieder einmal außer­or­dentlich geglückten Festi­val­auftakt von dannen eilen, geht es für die Künstler jetzt erst richtig los. Zahlreiche Vorstel­lungen warten noch auf sie. Da hilft wohl die Vorfreude darauf, dass sie auch in diesem Jahr ständig vor nahezu ausver­kauftem Haus spielen, singen und musizieren werden.

Michael S. Zerban

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