O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Klangschön

GIOVANNA D’ARCO
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
27. Mai 2018
(Einmalige Aufführung)

 

Klang­vokal-Musik­fes­tival Dortmund, Konzerthaus

Die Metropole Ruhr, wie das Revier mit seinen fünf Millionen Einwohnern in 53 Städten gern nach außen firmiert, versteht die globale Dimension der Kultur. Das Klang­vokal-Musik­fes­tival Dortmund nimmt sich auch in seiner zehnten Ausgabe vor, die Vielfalt der Vokal­musik aus aller Welt in einem breiten Spektrum an Genres zu präsen­tieren. Ausgangs­punkt des Vokal­mu­sik­festes ist, wie der Veran­stalter, die Stadt, versi­chert, die „bundesweit nahezu einmalige Begeis­terung der Dortmunder für den Gesang, die sich in etwa 300 Chören und Vokal­ensembles nieder­schlägt“. Eines der Highlights des Festivals ist Jahr für Jahr die konzer­tante Aufführung einer Oper im Konzerthaus, das mit seiner vorzüg­lichen Akustik und nicht minder vorzüg­lichen Klima­technik beein­druckt. Für zwei, drei Stunden pflegt sich dann der Konzertsaal in ein opulentes akusti­sches Schau­fenster für Sänger, Orchester und eben Chöre zu verwandeln, die die Passion eint, die Wucht eines Opern­festes idealiter im Stil des Belcanto zu zelebrieren und zu genießen. Im Vorjahr war es der profes­sio­nelle WDR-Rundfunkchor Köln, der in Rossinis Le Comte Ory seine Visiten­karte abgab. In der aktuellen Aufführung von Giovanna d‘Arco ist es der Landes­ju­gendchor Nordrhein-Westfalen. Ein Ensemble von zirka 60 jugend­lichen Sänge­rinnen und Sängern aus rund 30 Städten des Landes in der Träger­schaft des Musik­rates und des Chorver­bandes des Bundes­landes. Nicht nur beset­zungs­tech­nisch ein Signal, mindestens auch eine starke Botschaft in die Chorszene hinein.

Und so sind denn auch die Choristen, die jüngsten gerade 16-jährig, auf der Bühne in Augenhöhe der ersten Parkett­reihen platziert. Links und rechts die Stimm­gruppen der jungen Frauen, Sopran und Alt, im Zentrum en bloc die der jungen Männer, Tenor und Bass. Davor das WDR-Funkhaus­or­chester Köln und die Solis­ten­riege. Das Orchester vom Rhein, vormals WDR-Rundfunk­or­chester Köln, geht schon fast als ein local hero in der Brück­straße durch. Acht konzer­tante Produk­tionen bei Klang­vokal seit 2009 stehen in seiner Chronik, in erster Linie Belcanto-Klassiker von Donizetti und Verdi. Für die Konti­nuität italie­ni­scher Opern­qua­lität sorgt diesmal der einfühlsam und stets konzen­triert dirigie­rende Mailänder Daniele Callegari mit einem weltweiten Radius an Auftritten und Engage­ments. Mit Vehemenz entfalten sich die melodie­sprü­henden und die auch hier schon disrup­tiven Passagen in Verdis siebter Oper. Mit großer Musika­lität die in die Partitur einge­wo­benen Kostbar­keiten, so minuten­lange Preziosen der Holzbläser und die Wonnen der Harfe.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Publikum
Chat-Faktor

Klang­vokal-Direktor Torsten Mosgraber und sein Team sind mit der Entscheidung, das Volk der Franzosen im Krieg gegen die Engländer sowie allerlei überir­disch angesie­delte Wesen wie Engel und Teufel durch eine semi-profes­sio­nelle Chorjugend inter­pre­tieren zu lassen, gewiss ein Wagnis einge­gangen. Verdi-Kolorit in Klang, Ausdruck und Artiku­lation sowie eine produktive Verbindung zu einem Dirigenten aufzu­bauen, der es üblicher­weise mit den besten Opern­chören an den Spitzen­häusern der Welt zu tun hat, muss erst einmal gelingen. Mag der Aufwand an Proben für eine einzige Aufführung auch beträchtlich scheinen, überschaubar ist er auf alle Fälle. Einwände drängen sich durchaus in der Aufführung auf. Die Männer­stimmen dominieren insbe­sondere in den Parforce-Einsätzen die der Frauen und Mädchen. Erst im verklä­renden Schluss Oh prodigio! stellt sich die Balance ein, die dem Werk wie dem Publikum gut tut. Ob eine alter­native Aufstellung dieses Handicap hätte mildern können? Schluss­endlich überwiegt ein äußerst positiver Gesamt­ein­druck. Die Gestaltung des Chors der Dämonen ist hierfür musika­lisch wie inter­pre­ta­to­risch ein beredter Beleg, der tosende Beifall nach dem tränen­um­florten Finale, den das junge Ensemble sowie das Ehepaar Chris­tiane Zywietz-Godland und Hermann Godland für die Einstu­dierung ernten, ein zudem spektakulärer.

Der in der Natur der Sache liegende Entschluss, Verdis zum Karneval 1845 für die Mailänder Scala geschriebene Dramma lirico anders als 2014 in Bonn unter Verzicht auf eine szenische Umsetzung heraus­zu­bringen, hat einen unschätz­baren Vorteil. Mögli­cher­weise gar zwei. Das Publikum ist in die Lage versetzt, sich – prima la musica – ausschließlich auf die Musik und deren Akteure zu konzen­trieren. Zudem entfällt der Zwang, das in stärker säkular geprägten Zeiten poten­ziell als heikel empfundene Libretto in einer annehm­baren Konvention szenisch umzusetzen. Das Bemühen von Temis­tocle Solera, Verdis Librettist schon bei Nabucco und I Lombardi, die Legende der von Gott auser­wählten Freiheits­krie­gerin Giovanna in ihren histo­ri­schen Wurzeln und zahlreichen drama­ti­schen Adaptionen insbe­sondere Schillers theater­wirksam zu erfassen, ist des jungen Kompo­nisten Sache nicht. Verdi, gesund­heitlich angeschlagen, greift entzückt die Gelegenheit dank Soleras Vorlage auf, den Schwer­punkt seiner Kompo­si­tionen im eigenen Entwick­lungs­prozess vom Stoff des Dramas auf die mensch­lichen Charaktere, konkret: die Stimmen zu verlagern. Das wiederum kommt dem Geist von Klang­vokal sehr nahe, als wäre die Sache so bestellt.

Marina Rebeka – Foto © Bülent Kirschbaum

Der Primat der Stimmen prägt dann auch den Charakter der Aufführung, die den strengen Regularien einer konzer­tanten Produktion folgt. Augen­kon­takte zwischen den Protago­nisten unter­bleiben fast gänzlich. Einzig der Umstand, dass der König zwischen Vater und Tochter platziert ist, lässt sich als ein drama­tur­gi­sches Element deuten. In der Titel­partie der seelisch und geistig gespal­tenen Giovanna zieht Marina Rebeka die Blicke auf sich. Angekündigt ist die Sopra­nistin als „eine der größten Rossini- und Mozart-Inter­pre­tinnen unserer Tage“. Diesen Ruf bestätigt sie schon auf Grund ihrer makel­losen, technisch ausge­reiften, in allen Registern äußerst präsenten Stimme. Gleichwohl gibt sie bei ihrem Rollen­debüt auch Rätsel auf. Sie agiert mit unablässig auf die Partitur gerich­tetem Blick, der nur in einigen Momenten suchend zum Dirigenten wandert, auffällig in sich gekehrt. Es muss schon verwundern, den Part dieser jungen Frau zwischen Himmel und Hölle, die Solera wahrscheinlich mensch­licher und senti­men­taler gefasst hat als die histo­rische Johanna, weitgehend ohne Versuch einer charis­ma­ti­schen Annäherung vermitteln zu wollen.

Charisma ist hingegen Jean-François Borras als König Carlo VII zweifellos zu eigen. Von seiner ersten Arie im Prolog an brilliert der Tenor mit samtenem Timbre, souverän ausba­lan­cierter Phrasierung und Belcanto-Tugenden in der strah­lenden Höhe. Als Giovannas Vater Giacomo ist Vittorio Vitelli eine sichere Bank. Der Bariton offenbart angenehme Legato-Quali­täten und eine Mimik, die stets auf dem qui vive ist. Das Dämonische, das seiner Tochter nachgesagt wird, funkelt geradezu  in seinen Augen. Eine Ohren­weide sind insbe­sondere die Duette und weiteren Ensem­ble­auf­tritte, in denen das vokale Dreige­stirn zusam­men­findet. Darunter besticht ein berückend schönes A‑cap­pella-Terzett, das kommende Schöp­fungen, etwa Rigoletto und Il Trovatore vorweg­nimmt. In den kleineren Partien lassen der Bassba­riton Baurzhan Anderzhanov als engli­scher Kommandeur Talbot und der Tenor Bryan López González als franzö­si­scher Offizier Delil erkennen, wie gut sie im Verdi-Fach aufge­hoben sind.

Das Publikum hat Lust und nimmt sich die Zeit, ausgiebig zu jubeln. Die Ovationen schlagen über allen Betei­ligten zusammen. Noch bis zum 10. Juni währt das Klang­vokal-Musik­fes­tival. Die jährliche Erwartung, wenigstens einmal Klang­schönheit vom Feinsten liefern zu sollen, hat es jeden­falls schon einmal eingelöst.

Ralf Siepmann

Teilen Sie O-Ton mit anderen: