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Emotionale Achterbahnfahrt

MADDALENA AI PIEDI DI CRISTO
(Antonio Caldara)

Besuch am
10. Juni 2018
(Einmalige Aufführung)

 

Klang­vokal-Musik­fes­tival, St. Reinol­di­kirche, Dortmund

Konzerte des Musik­fes­tivals Klang­vokal gewähren seit Jahren verlässlich wunder­baren Klang­zauber. Das Abschluss­konzert des diesjäh­rigen Festivals bestätigt das eindrucksvoll mit der Wieder­ent­de­ckung des Orato­riums Maddalena ai piedi di Cristo von Antonio Caldara.

Damien Guillon glückt mit seinem Ensemble Le Banquet Céleste eine Entde­ckung. Er erweckt ein Werk von inniger Tiefe und exqui­siter Melodiö­sität zu neuem Leben. Der Name Le Banquet Céleste liest sich wie ein Versprechen. Gemeinsam mit den Solisten zelebrieren sie musika­lisch ein wahrhaft himmli­sches Bankett. Wenn es perfekt organi­sierte Klang­sinn­lichkeit gibt, ist sie an diesem Abend in der St. Reinol­di­kirche zu sehen und zu hören.

Auf dem aufge­klappten Deckel des Cembalos ist eine ideali­sierte italie­nische Landschafts­ma­lerei zu sehen. Im Konzert rahmt sie wie ein Bühnenbild den musika­li­schen Kampf der Irdischen Liebe und der Himmli­schen Liebe um die Seele Madda­lenas. Die eine drängt sie, das Leben zu genießen, die andere rät ihr, auf Gott allein zu vertrauen. Bernardo Sandri­nellis Libretto nach Lodovico Forni verdichtet die neutes­ta­ment­liche Geschichte der Magdalena, die immer wieder Kompo­nisten in der Musik­ge­schichte auf unter­schied­liche Weise beschäftigt hat, auf die Frage: Welche der beiden Lieben ist die wahre, die beständige, die unangefochtene?

Maddalena sieht sich als Sünderin in ihrer verzwei­felten Abscheu vor aller irdisch vergäng­lichen Pracht zwar von ihrer Schwester Martha getröstet, doch trotz des Misstrauens der Pharisäer überwindet sie „ai piedi di Cristo“ – zu den Füßen von Christus – alle Wider­stände und Verlo­ckungen. In der Gewissheit, dass wahre Schönheit nur im Dienste des Himmels zu erreichen ist, schaut sie am Ende befreit auf ihre eitlen Jugend­sünden: Or che libera sono dal lascivo tuo fasto, quanto ben raffi­guoro i tuoi deliri.

Hoch über dem Chor der Kirche hängt ein Holzkreuz. Es ist, als lausche der Gekreu­zigte mit schick­sal­haftem Wohlwollen auf Caldaras Oratorium, einem Triumph­gesang der Himmli­schen Liebe. Caldara, im Programmheft als feinfüh­liger Klang­see­len­maler bezeichnet, hat mit Damien Guillon einen außer­or­dentlich inspi­rierten Inter­preten für diesen klang­ma­le­ri­schen Zauber, und das in doppelter Funktion – als Dirigent in ruhiger Gelas­senheit, lyrische Melan­cholie wie kämpfe­risch wütendes Aufwallen diffe­ren­ziert akzen­tu­ierend sowie als Counter­tenor Amore Celeste den himmli­schen Bankett-Trium­phator charakterisierend.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Publikum



Chat-Faktor



Diese Wechsel fügen sich zu einem symbio­ti­schen Ganzen von orches­traler und solis­ti­scher Klang­schönheit. Guillon und Le Banquet Céleste verbindet selbst in seiner solis­ti­schen Hinwendung zum Publikum ein verläss­liches Klang-Band. Wenige Gesten, leichte Schul­ter­be­we­gungen, unter­stützt von der rechten Auftakt-Hand, reichen aus, um melodiöse Selbst­ver­ständ­lichkeit zu zelebrieren.

Über welch geschmeidige Flexi­bi­lität Guillons Counter­tenor, der doch in den Arien mitunter leicht überspitzt klingt, insgesamt verfügt, ist im Duett La mia virtude mit der agilen Benedetta Mazzucato zu hören. Mazzu­catos überzeugt mit einem dunkel, markig warmem Alt. Unter­stützt von einem dynami­sie­renden, körper­be­wegten Gesang kämpft sie als Amore Terreno wie eine Löwin um Madda­lenas irdisches Glück. Am Ende fährt sie als Verlie­rerin in die Hölle. Ihre Arie Voi del Tartaro singt Mazzucato mit heroi­scher Verzweiflung, die wie eine erneute Kampf­ansage klingt.

Den Sopra­nis­tinnen Emmanuelle de Negri als Maddalena und Maïlys De Villou­treys als Martha hat Caldara Arien kompo­niert, die klang­ma­le­risch schwel­ge­risch verzücken. Geradezu genial, wie Guillon mit de Negri und De Villou­treys zwei sehr unter­schied­liche Sänge­rin­nen­typen mit jeweils brillanten Sopran­stimmen besetzt.

Foto © Bülent Kirschbaum

In einer der schönsten melodi­schen Erfin­dungen Oimé, troppo importuno von Caldara, dem rezita­ti­vi­schen Maddalena-Auftakt, schillert Emmanuelle de Negris Sopran mit sanft beherrschter Strahlkraft.

Strei­chungen im zweiten Teil fällt leider auch die Martha-Arie O colpa felice zum Opfer. Gern hätte man De Villou­treys dort noch gehört. Sowohl ihr rezita­ti­vi­scher und als auch arioser Gesang zuvor betören durch lyrische Nuancie­rungen. Gestimmt zwischen Trauer und Weinen sowie aufmun­terndem Lächeln, begleitet ihr Sopran die Achter­bahn­fahrt von Madda­lenas Gefühls­zer­ris­senheit durch alle emotio­nalen Höhen und Tiefen.

Ihnen steht sänge­risch und mit ambitio­nierter Gestik Reinoud van Mechelen wenig nach. Als Maddalena Schutz zusichernder Christus lässt sein später, erster Einsatz sofort aufhorchen. Kraftvoll setzt er mit dem ersten Ton Del senso soggiogar ein und beein­druckt mit seinem lyrischen Tenor. Für Momente besetzt er das Energie­zentrum des Orato­riums. Ohne zu dominieren, breitet er ein überwäl­ti­gendes Klang-Finale vor.

Der Bassba­riton von Benoît Arnould fällt anfangs etwas blass aus. Dieser Eindruck mag auch der überra­genden Brillanz der Sänge­rinnen und des Counter­tenors Guillon geschuldet sein. Zum Ende räumt ihm das Libretto in der Rolle des Phari­säers mehr Raum ein. Er nutzt ihn zunehmend, seinen Bassba­riton zu positionieren.

Le Banquet Céleste spielt mit jugend­lichem Schwung und Begeis­terung. Immer wieder blitzt ein Lächeln über die Gesichter der überwiegend noch keine 40 Jahre alten Musiker. Einander zugeneigt, aufmerksam die Einsätze abstimmend, wecken sie als Kammer­or­chester mit Caldaras spätba­rocker Instru­men­tierung eine konge­niale Klang­far­bigkeit im Sinne der histo­risch infor­mierten Auffüh­rungs­praxis. Die Begleitung der Rezitative durch die Basso-continuo-Gruppe begeistert durch verläss­liche Resonanz und Struktur.

Der überwäl­ti­gende Beifall, der am Ende das ehrwürdige Gemäuer der St. Reinol­di­kirche erbeben lässt, ist gleich­zeitig auch ein großar­tiger Schluss­punkt unter das glanz­volle Klang­vokal-Musik­fes­tival dieses Jahres.

Peter E. Rytz

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