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THE FAIRY QUEEN
(Henry Purcell)
Besuch am
12. Juli 2018
(Deutsche Erstaufführung)
Noch hängen schwere Wolken über Düsseldorf. Aber der Regen bleibt aus, und die Temperaturen steigen schon mal auf 27 °C. Die Prognosen versprechen, dass in den kommenden Tagen der Hochsommer in der Landeshauptstadt Einzug hält. Beste Voraussetzungen für das „Sommerfestival der Künste“, das in diesem Jahr zum sechsten Mal stattfindet. Und glaubt man der alten Wirtschaftsregel, dass es sechs Jahre braucht, bis ein Unternehmen den Durchbruch schafft, wird es für das Asphalt-Festival ein besonders wichtiges Jahr. Die Vorzeichen stehen gut. Der Parkplatz ist überfüllt, die auswärtigen Kennzeichen haben deutlich zugenommen. Am Eröffnungsabend gibt es keinen freien Platz mehr in der Glashalle, dem Hauptveranstaltungsort im Weltkunstzimmer. Die Besucherzahlen sind genauso gestiegen wie die Promi-Dichte. Der Intendant des Schauspielhauses Düsseldorf, Wilfried Schulz, der neue Intendant des Rheinischen Landestheaters Neuss, Reinar Ortmann, und die Künstlerische Leiterin des Düsseldorf-Festivals, Christiane Oxenfort, geben ihr Stelldichein. Und Oberbürgermeister Thomas Geisel lässt es sich als Schirmherr des Festivals nicht nehmen, die Gäste mit einer begeisterten, knackig-kurzen Ansprache zu begrüßen.
„Have a good festival”, mit diesem Wunsch hat sich kurz zuvor Duda Paiva vom Publikum der ersten Aufführung des diesjährigen Festivals verabschiedet. Das ist noch ganz berauscht von einem fantasievollen, wahrhaft bezaubernden Auftritt. Gemeinsam mit dem Nederlands Blazers Ensemble hat die Duda Paiva Company die Elfenkönigin im Sinne des Komponisten Henry Purcell neu und dem Zeitgeist angepasst interpretiert. Auf gute 70 Minuten zusammengekürzt, entfachen die vier Darsteller der Compagnie mit den vierzehn Musikern des von Bart Schneemann wiederbelebten Bläser-Ensembles ein Feuerwerk an Fantasie, Zauber und Komik, ohne den nötigen Respekt vor der Dichtung William Shakespeares oder der Komposition Purcells vermissen zu lassen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die Bühne in der Glashalle ist prall gepackt. Rechts und links sind Tribünen für die jeweils sieben Musiker und ihre Instrumente aufgebaut. Dahinter sind weiße Leinwände abgehängt, die später die Möglichkeit von Schattenspielen bieten. Mittig ist eben Platz für die Spielhandlung. Nach hinten ist die Bühne von Daniel Patijn mit einer dreistufigen Treppe vor einem schwarzen Gaze-Vorhang abgegrenzt. Auf diesem Spielgrund dürfen sich die Darsteller, von Sally Pittman und Hennie Arensman vollständig in Schwarz gekleidet und verschleiert, mit den halbmannshohen Schaumstoff-Puppen von André Mello und Duda Paiva vergnügen. Denn das ist der Clou der Inszenierung von Paiva: Puck, Oberon, Titania und die übrigen treten als Puppen auf, die von den Darstellern, vor den Bauch gebunden, geführt werden. Neu eingeführt wird das Kind der Liebe, weil es das Band zwischen Oberon und Titania kurzfristig festigt und vor allem für allerlei grobe Scherze dient. Ansonsten erzählt Paiva lediglich ein Fragment der Geschichte.

Wer gern über Werktreue nachdenkt, ist hier hoffnungslos verloren. Wer sich an den wunderbaren, liebevoll gestalteten Puppen und der darstellerischen wie musikalischen Leistung erfreuen mag, erlebt einen herrlichen Abend, wie ihn wohl nur Niederländer erfinden können. In Deutschland setzte man vermutlich Puppenspieler ein und ließe Sänger vom Rand auftreten oder so was. Bei der Duda-Paiva-Company müssen sich die Darsteller nicht nur mit ihren schweißtreibenden Kostümen, sondern auch mit den Puppen auseinandersetzen. Und ganz nebenbei noch vom Feinsten singen. Hat Purcell die Oper als Nummern-Revue aufgebaut, versucht Paiva, eine Geschichte zu erzählen. Das verhindert das Publikum, das nach jeder musikalischen Nummer in begeisterten Applaus ausbricht. Nun ja, nicht ganz zu Unrecht.
Francesca Lanza entzückt als Titania mit einem makellos intonierten Sopran, Augusto Valença, Ilja Surla und Alexander Brouwer wechseln zwischen Sprechrollen, Counter, Alt und anspruchsvollen Tenor-Gesängen, während sie bei der Führung der Puppen Schwerstarbeit leisten. Und einen Chor gibt es selbstverständlich auch. Sitzen ja schließlich vierzehn Musiker auf den Tribünen. Dann können die doch auch mal zwischendurch singen. Ja, können sie. Genauso, wie sie im Sinne eines griechischen Chors zwischendurch immer wieder Stellung nehmen und beispielsweise gute Tipps für Puck bereithalten.
Die Musiker sind im Arrangement von Willam van Merwijk nicht überfordert und benötigen nur selten die Anzeigen von Bart Schneemann, um sauber alte Töne in modernem Klang zu präsentieren.
Das Publikum kennt am Ende kein Halten mehr. Springt von den Stühlen auf, um zu applaudieren. Und freut sich, dass es sich nach der Aufführung noch einmal persönlich davon überzeugen darf, wie sich bei den Puppen Schaumstoff anfühlt. Bleibt nur zu hoffen, dass sich das Gequatsche während der Aufführung nicht als Trend fortsetzt.
Das Asphalt-Festival hat einen sauberen Neustart hingelegt. Nach dieser überragend fantasievollen Arbeit muss die Steigerung erst mal geschafft werden. Als nächstes steht While I was waiting an. Die Künstlerischen Leiter Christoph Seeger-Zurmühlen und Bojan Vuletić haben Mohammad Al Attair und Omar Abusaada aus Syrien in die Halle 29 der Alten Farbwerke eingeladen.
Michael S. Zerban