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Foto © Nana Franck

Komatöses Land

WHILE I WAS WAITING
(Mohammed Al Attar)

Besuch am
13. Juli 2018
(Premiere)

 

Asphalt-Festival, Alte Farbwerke, Düsseldorf

Syrien ist für die meisten Deutschen ein unbekanntes Land, das dank populis­ti­scher Hatz mit durchweg negativen Gefühlen besetzt ist. Dass die Zustände dort so schlimm sind, dass viele Menschen lieber das Risiko in Kauf nehmen, im Mittelmeer zu ertrinken, als dort zu bleiben, macht es nicht besser. Aber: Viele neue Mitbürger in Deutschland kommen aus diesem Land. Und so ist es durchaus spannend, ein Theater­stück aus Syrien zu erleben, in der Hoffnung, mehr über das Leben und Denken dieser Menschen zu erfahren.

Mohammad Al Attar hatte dazu eine großartige Idee. Er lässt einen Syrer ins Koma fallen und beleuchtet die Reaktionen von Familie und Freunden in Damaskus. Ein hoffnungs­voller, junger Mensch, Taim, dessen Stimme versiegt, steht stell­ver­tretend für eine Generation, die sich 2011 gegen die Obrigkeit zur Wehr setzte und damit zum Opfer des Regimes wurde. Die Geschichte spielt 2015, etwa zu der Zeit, als Syrien begann, sich in Rauch und Feuer aufzu­lösen, weil die Macht­in­haber nicht bereit waren, sich dem Volk zu beugen. Das ist stark verein­facht, trifft es aber im Kern. Syrien liegt im Koma, alle möglichen Parteien doktern daran herum, dem Patienten hilft es kaum. Regisseur Omar Abusaada gelingt es zwar, die Idee in der Zwischen­mensch­lichkeit aufzu­greifen, der wirklich große Wurf ist es aller­dings nicht. Allzu zusam­men­ge­stoppelt wirkt die Aufführung, entwi­ckelt keine Visionen und ist handwerklich doch mit allerlei Mängeln behaftet. Hinzu­kommt, dass der Saal über das erträg­liche Maß aufge­heizt ist. Ein Sommer-Festival ist so lange ein Vergnügen, so lange es unter freiem Himmel oder in gemäßigten Tempe­ra­turen statt­findet. Hier aber fließt der Schweiß bei Publikum und Akteuren. Und in solcher Hitze ist es selbst für Syrer offenbar schwer, sich zu konzen­trieren. Da gibt es Versprecher und Aussetzer ohne Unterlass. Dass der Abend dennoch zum großen Erfolg gerät, liegt an einer alten Regel. Wo Menschen sind, da menschelt’s. Und es ist völlig egal, ob sich eine Familie in Damaskus oder Düsseldorf zusam­men­raufen muss. Die Mecha­nismen sind überall die gleichen. Eine wichtige Erkenntnis.

POINTS OF HONOR

Musik



Schau­spiel



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Sonhir Hamzaoui hat die Bühne im Probensaal der Bürger­bühne in den Alten Farbwerken gestaltet. Im Hinter­grund ist eine zweige­schossige Etagere gebaut, auf deren oberer Ebene sich das Büro von Taim befindet, das hinter einer Projek­ti­ons­fläche liegt, auf der die dokumen­ta­ri­schen Videos aus dem Aufstand von 2011 von Reem Al Ghazzi gezeigt werden. Außerdem ist dort die technische Anlage für den DJ unter­ge­bracht. Und mittig daran angebracht ist die Fläche für die Übertitel, die zwischen­zeitlich ganz schön durch­ein­an­der­ge­raten. Auf der unteren Ebene vor dem Gerüst sind links und rechts Garde­ro­ben­ständer für die zahlreichen Kostüm­wechsel, für die Bissane Al Charif verant­wortlich ist, unter­ge­bracht. Eine zeitge­nös­sische Bekleidung, die gleichsam für die Europäi­sierung der Akteure steht. Mittig ist ein Bett zu sehen, das mal für den Aufenthalt Taims auf der Inten­siv­station, mal als Mittel­punkt eines privaten Haushaltes steht. Abdul­hamid Khalifeh sorgt mit wenigen Mitteln für stimmiges Licht, das ohne starke Effekte auskommt.

Foto © Ralf Puder

Kinan Hmedan glänzt als Taim, der sich aus seiner physi­schen Hülle löst und die Ereig­nisse „von außen“ betrachtet. Er erzählt aus seinem Leben, das mit den Demons­tra­tionen eine gewaltige Änderung erfährt, von seiner Ablehnung von Waffen­gewalt, die bei den Demons­tranten auf immer weniger Gegen­liebe stößt, je wirkungs­loser die Massen­ver­samm­lungen auf den Straßen zu sein scheinen. Und er berichtet von seinem großen Projekt, einem Film, der aus zahlreichen Einzel­videos entstehen sollte. Angerei­chert mit Dokumenten aus seinem Leben. Während Mutter Amal – Hanan Chkir stellt sie gekonnt klischeehaft dar – an seinem Krankenbett für ihn betet und sich zwischen­durch bei Kranken­be­suchen mit familiären Konflikten der Vergan­genheit, die nicht aufge­ar­beitet wurden, ausein­an­der­setzen muss, taucht Schwester Nada aus Beirut wieder auf. Nanda Mohammad überzeugt als Abtrünnige, die reumütig wieder heimkehrt und nun den Film ihres Bruders fertig­stellen will. Reham Kassar entzückt als Taims Freundin Salma, bleibt aber rollen­be­dingt etwas blass. Als kiffender Onkel Osama gefällt Mohammad Alrashi, gleichwohl nicht ganz klar wird, was der klamp­fen­spie­lende Alt-Hippie in Damaskus macht. Eindrucksvoll sind die Schil­de­rungen Mustafa Kurs, der als Omar die Außen­per­spektive übernimmt, von eigener Gefan­gen­schaft und Folter berichtet und vor allem erzählt, was viele junge Leute zum so genannten Islami­schen Staat trieb und treibt.

Von der Musik, die Samer Saem Eldahr als DJ Hello Psycha­leppo beisteuert, hätte man sich mehr erwartet. Das bleibt alles halbherzig im Ungefähren stecken. Spielt aber auch keine große Rolle. Denn mit dem, was die Darsteller unter widrigsten Bedin­gungen abliefern, bleibt das Wichtigste unter der Haut, wenn es endlich wieder in die inzwi­schen abgekühlte Abendluft geht: Das Gefühl der Demut und der Dankbarkeit. In Syrien leben Menschen wie du und ich, mit ähnlichen Gefühlen, Konflikten, Ängsten und Freuden. Sie haben nur nicht das Glück, in einem Land zu leben, das seit Menschen­ge­denken keinen Bürger­krieg erlebt hat.

Mehr kann Theater kaum leisten. Das begeis­terte Publikum applau­diert heftig, aber kurz, um dem Brutkasten endlich wieder zu entfliehen. In zwei Tagen zwei überdurch­schnittlich starke Stücke. Das Asphalt-Festival startet mächtig durch. Und nach einem musika­li­schen Inter­mezzo mit Barbara Pugliese, das noch an diesem Abend statt­findet, warten am Samstag schon die nächsten Großereig­nisse. Dann heißt es, mit der Theater­gruppe Per.Vers wieder auf Stadt­er­kundung zu gehen und Pussy Riots zu erleben.

Michael S. Zerban

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