O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
GARTEN MINUS ZÄUNE
(Theaterkollektiv per.Vers)
Besuch am
14. Januar 2018
(Uraufführung)
Bei 28 °C im Schatten beschäftigt sich Nora Pfahl mit der Aufzucht und Hege eines Biologen. Der ist in Gestalt von Jona Galle fest in einem Erdhügel eingebuddelt und gibt allerlei Warnungen und Hinweise von sich. Die neueste Stadtexpedition des Theaterkollektivs per.Vers hat soeben auf dem Hofgelände der Alten Farbwerke begonnen. Die Reisegruppe in Busstärke versammelt sich nach und nach um den Zaun, der den Erdhügel umgibt. Anne Beetz verteilt noch Wasserflaschen an die Mitreisenden, dann geht es in den Bus, der bis auf den letzten Platz besetzt wird. Längst sind auch die Folgevorstellungen ausverkauft. Weitere sechs Aufführungen werden beim Düsseldorf-Festival im September zu erleben sein. Doch bis dahin ist erst mal die Uraufführung zu absolvieren.
Mit Garten minus Zäune übertrifft sich das Theaterkollektiv in diesem Jahr selbst. Während die großen Fragen der Welt von vielen Menschen als immer größer werdende Bedrohung erlebt werden, auch, weil ihre Werte immer weiter in Frage gestellt werden, bietet ein Garten, in welcher Form auch immer, ein Refugium, das nicht nur gehegt und gepflegt werden muss, sondern auch einen scheinbar sicheren Rückzugsort bietet. Gleich beim ersten Zwischenstopp präsentieren die Reiseführer einen Schrebergarten, der als Parodie zu diesem Thema dienen kann. Die eigene Scholle mit einer Hütte für das Gartengerät hat längst ausgedient. Heute ist ein Schrebergarten eine gepflegte Anlage mit schmucken Miniaturhäuschen, in der der Rasen mit der Nagelschere bearbeitet wird und die Pflanzen aus dem Baumarkt bezogen werden. Für die gute Nachbarschaft sorgen Zäune, die die Nachbarn in die Schranken weisen. Und in der Darstellung der Theaterleute klingt das auch ziemlich einleuchtend, ja, erfrischend komisch. Denn das ist Regisseur Christoph Seeger-Zurmühlen wichtig: Die Komplexität des Themas soll eingängig, aber niemals mit dem erhobenen Zeigefinger verdeutlicht werden.

Wie immer, lohnt auch dieses Mal, während der Weiterfahrt den Blick aufmerksam auf den Straßenrand zu richten. Allerdings, so viel darf schon verraten werden, gibt es keine Spielsituationen, sondern es wird ein Thema mit einem Eyecatcher stringent verfolgt, dessen Auflösung erst später erfolgt. Schon beim nächsten Halt zeigt sich das neue Dilemma des Gartenliebhabers. Der gepflegte Vorgarten mit ordentlich beschnittener Hecke und gestutztem Rasen, mit ausgeharkten Rabatten und selbstveredelten Gewächsen ist in Misskredit geraten. Ein solch behüteter Raum tauge nicht, das Insektensterben, das vehement fortschreite, aufzuhalten, ist neuerdings überall zu lesen. Einen Gegenentwurf bietet der Garten von Trixi und Andreas im Düsseldorfer Zoo-Viertel. Die beiden haben ein kleines Paradies im Hinterhof geschaffen. Im Zentrum ein wildüberwucherter Teich, um den ein Rundgang führt, der allerlei Rückzugsorte für Mensch und Tier bietet. Hier gibt es keine Zäune, und doch entbrennt über den zarten Klängen, die Beetz einer Geige entlockt, ein heftiger Streit zwischen zwei Nachbarinnen. Das Paradies – es muss doch woanders sein.
Während der Weiterfahrt informieren die Reiseführerinnen in gewohnter Weise ihre Reisegesellschaft chorisch über allerlei Fakten über das Pflanzenwachstum; auch der Werbeblock bleibt diesmal nicht aus. Und zusätzlich gibt der Biologe allerlei Tipps zur Umwelt. Dass es dabei noch recht ordentlich in der Synchronität und beim Biologen auch noch beim Text hapert, sollte sich in den Folgevorstellungen leichterhand legen. Zudem führt die Route über logistisch anspruchsvolles Gebiet. Bei den Führungen sind die Kräfte allesamt mehr gefordert als in den Vorjahren. Aber sie bekommen das prachtvoll, wenn auch unter ganzem Einsatz und sommerlicher Hitze hin.
Im nächsten Abschnitt wird ein ganz neues Fass aufgemacht. Julia Dillmanns Sternstunde bricht an. Ihre Forderung zur autofreien Stadt und ihre Meinung zu Sports Utility Vehicles, den neuen Monstern der Automobilindustrie, die so nachhaltig die Egos so vieler Autofahrer befriedigen, begleiten die Gesellschaft, die sehr ehrfürchtig und konzentriert dem Verlauf folgt, zu einem Parkplatz. Ein Autofriedhof, aus dem inzwischen ein blühender Garten entstanden ist. Renaturierung der Innenstadt als Heilmittel wird dem Reisenden um die Ohren gehauen – spätestens jetzt herrscht Diskussionsbedarf, der nicht gestillt wird.
Stattdessen geht es weiter zum Hauptverwaltungsgebäude eines Versicherungskonzerns, der seine Mitarbeiter mit viel Grün erfreut. Ehe es in das Gebäude geht, das mit Begrünung durchtränkt ist, erklärt Xolani Mdluli aus dem Wasserbecken vor dem Komplex heraus, warum eine Anpassung an die veränderten Klimabedingungen nur sehr eingeschränkt funktioniert.
Zum Abschluss gibt es auf einer hügeligen Wiese den grandiosen Auftritt der Bienen. Das ist wirklich ganz großes Kino. Spätestens an dieser Stelle kann man Seeger-Zurmühlen nur noch gratulieren. Mit Unterstützung von Ausstatterin Kirsten Dephoff hat er hier theatralisch die Apokalypse entstehen lassen. Der Regisseur beweist sein Gespür für große Bilder, und die Darsteller setzen das eindrucksvoll um.
Entspannt genießen die Reise-Teilnehmer noch den Besuch in einem skandalumwitterten Garten, ehe sie sich mit ausführlichem Applaus verabschieden und auf die Rückreise begeben. Das Theaterkollektiv hat eine bewundernswerte Arbeit abgeliefert. Verborgene Orte aufgedeckt und fragmentarisch Fragen aufgeworfen, die die Teilnehmer sicher noch lange beschäftigen werden. Die Bienen haben ihren Teil dazu beigetragen. Dass sie hinterher noch quicklebendig im Asphalt-Paradies auftauchen, macht dann doch ein bisschen Mut.
Michael S. Zerban