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Jona Galle als Biologe - Foto © O-Ton

Rückzugsorte

GARTEN MINUS ZÄUNE
(Theater­kol­lektiv per.Vers)

Besuch am
14. Januar 2018
(Urauf­führung)

 

Asphalt-Festival, Düsseldorf

Bei 28 °C im Schatten beschäftigt sich Nora Pfahl mit der Aufzucht und Hege eines Biologen. Der ist in Gestalt von Jona Galle fest in einem Erdhügel einge­buddelt und gibt allerlei Warnungen und Hinweise von sich. Die neueste Stadt­ex­pe­dition des Theater­kol­lektivs per.Vers hat soeben auf dem Hofge­lände der Alten Farbwerke begonnen. Die Reise­gruppe in Busstärke versammelt sich nach und nach um den Zaun, der den Erdhügel umgibt. Anne Beetz verteilt noch Wasser­fla­schen an die Mitrei­senden, dann geht es in den Bus, der bis auf den letzten Platz besetzt wird. Längst sind auch die Folge­vor­stel­lungen ausver­kauft. Weitere sechs Auffüh­rungen werden beim Düsseldorf-Festival im September zu erleben sein. Doch bis dahin ist erst mal die Urauf­führung zu absolvieren.

Mit Garten minus Zäune übertrifft sich das Theater­kol­lektiv in diesem Jahr selbst. Während die großen Fragen der Welt von vielen Menschen als immer größer werdende Bedrohung erlebt werden, auch, weil ihre Werte immer weiter in Frage gestellt werden, bietet ein Garten, in welcher Form auch immer, ein Refugium, das nicht nur gehegt und gepflegt werden muss, sondern auch einen scheinbar sicheren Rückzugsort bietet. Gleich beim ersten Zwischen­stopp präsen­tieren die Reise­führer einen Schre­ber­garten, der als Parodie zu diesem Thema dienen kann. Die eigene Scholle mit einer Hütte für das Garten­gerät hat längst ausge­dient. Heute ist ein Schre­ber­garten eine gepflegte Anlage mit schmucken Minia­tur­häuschen, in der der Rasen mit der Nagel­schere bearbeitet wird und die Pflanzen aus dem Baumarkt bezogen werden. Für die gute Nachbar­schaft sorgen Zäune, die die Nachbarn in die Schranken weisen. Und in der Darstellung der Theater­leute klingt das auch ziemlich einleuchtend, ja, erfri­schend komisch. Denn das ist Regisseur Christoph Seeger-Zurmühlen wichtig: Die Komple­xität des Themas soll eingängig, aber niemals mit dem erhobenen Zeige­finger verdeut­licht werden.

Anna Beetz – Foto © O‑Ton

Wie immer, lohnt auch dieses Mal, während der Weiter­fahrt den Blick aufmerksam auf den Straßenrand zu richten. Aller­dings, so viel darf schon verraten werden, gibt es keine Spiel­si­tua­tionen, sondern es wird ein Thema mit einem Eyecatcher stringent verfolgt, dessen Auflösung erst später erfolgt. Schon beim nächsten Halt zeigt sich das neue Dilemma des Garten­lieb­habers. Der gepflegte Vorgarten mit ordentlich beschnit­tener Hecke und gestutztem Rasen, mit ausge­harkten Rabatten und selbst­ver­edelten Gewächsen ist in Misskredit geraten. Ein solch behüteter Raum tauge nicht, das Insek­ten­sterben, das vehement fortschreite, aufzu­halten, ist neuer­dings überall zu lesen. Einen Gegen­entwurf bietet der Garten von Trixi und Andreas im Düssel­dorfer Zoo-Viertel. Die beiden haben ein kleines Paradies im Hinterhof geschaffen. Im Zentrum ein wildüber­wu­cherter Teich, um den ein Rundgang führt, der allerlei Rückzugsorte für Mensch und Tier bietet. Hier gibt es keine Zäune, und doch entbrennt über den zarten Klängen, die Beetz einer Geige entlockt, ein heftiger Streit zwischen zwei Nachba­rinnen. Das Paradies – es muss doch woanders sein.

Während der Weiter­fahrt infor­mieren die Reise­füh­re­rinnen in gewohnter Weise ihre Reise­ge­sell­schaft chorisch über allerlei Fakten über das Pflan­zen­wachstum; auch der Werbe­block bleibt diesmal nicht aus. Und zusätzlich gibt der Biologe allerlei Tipps zur Umwelt. Dass es dabei noch recht ordentlich in der Synchro­nität und beim Biologen auch noch beim Text hapert, sollte sich in den Folge­vor­stel­lungen leich­terhand legen. Zudem führt die Route über logis­tisch anspruchs­volles Gebiet. Bei den Führungen sind die Kräfte allesamt mehr gefordert als in den Vorjahren. Aber sie bekommen das prachtvoll, wenn auch unter ganzem Einsatz und sommer­licher Hitze hin.

Im nächsten Abschnitt wird ein ganz neues Fass aufge­macht. Julia Dillmanns Stern­stunde bricht an. Ihre Forderung zur autofreien Stadt und ihre Meinung zu Sports Utility Vehicles, den neuen Monstern der Automo­bil­in­dustrie, die so nachhaltig die Egos so vieler Autofahrer befrie­digen, begleiten die Gesell­schaft, die sehr ehrfürchtig und konzen­triert dem Verlauf folgt, zu einem Parkplatz. Ein Autofriedhof, aus dem inzwi­schen ein blühender Garten entstanden ist. Renatu­rierung der Innen­stadt als Heilmittel wird dem Reisenden um die Ohren gehauen – spätestens jetzt herrscht Diskus­si­ons­bedarf, der nicht gestillt wird.

Statt­dessen geht es weiter zum Haupt­ver­wal­tungs­ge­bäude eines Versi­che­rungs­kon­zerns, der seine Mitar­beiter mit viel Grün erfreut. Ehe es in das Gebäude geht, das mit Begrünung durch­tränkt ist, erklärt Xolani Mdluli aus dem Wasser­becken vor dem Komplex heraus, warum eine Anpassung an die verän­derten Klima­be­din­gungen nur sehr einge­schränkt funktioniert.

Zum Abschluss gibt es auf einer hügeligen Wiese den grandiosen Auftritt der Bienen. Das ist wirklich ganz großes Kino. Spätestens an dieser Stelle kann man Seeger-Zurmühlen nur noch gratu­lieren. Mit Unter­stützung von Ausstat­terin Kirsten Dephoff hat er hier theatra­lisch die Apoka­lypse entstehen lassen. Der Regisseur beweist sein Gespür für große Bilder, und die Darsteller setzen das eindrucksvoll um.

Entspannt genießen die Reise-Teilnehmer noch den Besuch in einem skandal­um­wit­terten Garten, ehe sie sich mit ausführ­lichem Applaus verab­schieden und auf die Rückreise begeben. Das Theater­kol­lektiv hat eine bewun­derns­werte Arbeit abgeliefert. Verborgene Orte aufge­deckt und fragmen­ta­risch Fragen aufge­worfen, die die Teilnehmer sicher noch lange beschäf­tigen werden. Die Bienen haben ihren Teil dazu beigetragen. Dass sie hinterher noch quick­le­bendig im Asphalt-Paradies auftauchen, macht dann doch ein bisschen Mut.

Michael S. Zerban

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