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Foto © Ralf Puder

Viel passiert

RIOT DAYS
(Pussy Riot Theatre)

Besuch am
14. Juli 2018
(Einma­liges Gastspiel)

 

Asphalt-Festival, Glashalle im Weltkunst­zimmer, Düsseldorf

Einen Tag vor dem Finale der Fußball-Weltmeis­ter­schaft in Russland hat das Asphalt-Festival Vladimir Putins vielleicht lauteste Gegner einge­laden. Bojan Vuletić, Künst­le­ri­scher Leiter, versteht das als Kommentar der allzu unkri­ti­schen Rezeption eines sport­lichen Ereig­nisses, das vor allem politisch genutzt wird und in dem der Sport die teuerste Neben­sache der Welt ist.

Pussy Riot ist nach dem Verständnis des Festivals ein Moskauer „Protest­kunst-Kollektiv“, das 2011 gegründet wurde und zeitweise aus bis zu elf Frauen bestand. Die versam­melten sich an „unerlaubten“ Orten, um dort Guerilla-Punk-Rock-Konzerte aufzu­führen. Die Videos, die das dokumen­tierten, wurden anschließend ins Internet gestellt und erregten so weltweit Aufmerk­samkeit. Beseelt waren die jungen Frauen, der Marken­zeichen bunte Sturm­hauben wurden, von dem Gedanken, das System Putin mit ihrem Protest bekämpfen zu können. Um gegen die aus ihrer Sicht unerträg­liche Nähe von Kirche und Staat zu protes­tieren, kam es 2012 zum „Punk-Gebet“ in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathe­drale. Drei Mitglieder der Gruppe enterten den Altar und spielten dort 41 Sekunden lang auf ihren elektri­schen Gitarren. Dafür erhielten zwei von ihnen zwei Jahre Haft im Straf­ge­fan­ge­nen­lager, die sie trotz inter­na­tio­naler Proteste fast vollständig absitzen mussten.

Maria Alekhina, eine der beiden Verur­teilten, hat ihre Erfah­rungen von Gründung der Gruppe über die Unter­grund-Arbeit, der Haftzeit und ihrer Entlassung in dem Buch Riot Days – Tage des Aufstands nieder­ge­schrieben, Olga Borisova hat daraus gemeinsam mit dem Produ­zenten Alexander Chepa­rukhin ein Bühnen­stück entwi­ckelt, das nun in Koope­ration mit dem Düssel­dorfer Kultur­zentrum ZAKK in der Glashalle des Weltkunst­zimmers gezeigt wird. Die Halle ist bis auf den letzten Platz besetzt. Im Vorder­grund der Bühne stehen drei Mikrofone, links davon ein Mischpult und Schlagwerk. Im Hinter­grund ist eine Video­leinwand aufge­hängt, davor ist ein Tisch aufgebaut, auf dem sich allerlei Requi­siten befinden.

Foto © Ralf Puder

Nach einer denkbar überflüs­sigen Ansprache des Produ­zenten beginnt Alekhina ihre Erzählung auf Russisch, die Vasily Bogatov mit dokumen­ta­ri­schen Videos und deutschen Übertiteln unterlegt. Bassistin Nastya Awott und Max Awott am Mischpult liefern laute, aber nicht sonderlich einfalls­reiche Klänge dazu. Der Schau­spieler Kiryl Masheka gibt sich extrem martia­lisch, verspritzt zwischen­zeitlich Wasser über das Publikum. Anstatt sich über die Erfri­schung zu freuen, zeigen sich die Herrschaften aus den vorderen Reihen eher düpiert. Da kann man schon von Glück reden, dass es sich dabei an diesem Abend um die schlimmste Form der „Provo­kation“ handelt, so dass die Besucher sitzen bleiben. Über eine Stunde wechseln Geschrei und instru­men­taler Krach.

Darstel­le­risch bleiben die „Aktivisten“ genügsam. Da dürfen die Fäuste gereckt werden, zwischen­durch gehen die Darsteller auch mal eine Runde um die Bühne, ziehen ihre Jacken mal an, mal aus. Die verbissene Ernst­haf­tigkeit in ihren Gesichtern erinnert an Fotos von Mitgliedern der ersten Rote-Armee-Fraktion-Generation. Beide verbindet der Ruf nach Revolution, ohne wirklich Visionen zu entwi­ckeln. Gewiss, in der Erzählung, die hier vorge­tragen wird, gibt es nur wenig Grund zur Heiterkeit, aber eine solch abgrund­tiefe Wut, die einem hier entge­gen­strömt, ist beinahe beängs­ti­gender als die herrschenden Zustände. Und so empfindet man die schon näherungs­weise lyrisch vorge­tragene Zeit im Straf­lager fast als etwas wie ein Durch­atmen, zumal Alekhina ihren Weg gefunden hat, mit den Missständen eines Straf­ge­fan­ge­nen­lagers umzugehen und lernt, das System mit den eigenen Waffen zu schlagen.

Das applaus­wütige Publikum begnügt sich mit zwei Zwischen­ap­plausen, weil die Übertitel weiter­rasen und man sich schon sehr darauf konzen­trieren muss, um den Faden nicht zu verlieren. Zum Schluss erheben sich die Menschen, um den Künstlern Beifall für ihren kraft­vollen Vortrag zu zollen. Und Alekhina nutzt die Gelegenheit, noch einmal die vermutlich wichtigste Botschaft des Abends zu formu­lieren, die schon Chepa­rukhin in seiner Ansprache so eindrücklich hervorhob. „Kauft mein Buch!“

War das jetzt eine Stunde des Aufstands? Eher nicht. Zu laut kommt der Protest daher, der die Frage nach den Zuständen, die aus der Revolution erwachsen, nicht beant­worten kann.

Michael S. Zerban

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