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Maura Morales auf dem emotionalen Fluchtweg - Foto © Ralf Puder

Grauen in Portionen

48 HOURS TO REACT
(Diverse Künstler)

Besuch am
17. Juli 2018
(Urauf­führung)

 

Asphalt-Festival, Düsseldorf

Das Publikum verlangt Aktua­lität im gesell­schaft­lichen Diskurs. Der künst­le­rische Entwick­lungs­prozess in Theater, Tanz und Musik braucht Zeit. Ein scheinbar unauf­lös­bares Problem. Das Asphalt-Festival wollte es genauer wissen und hat ein neues Format entwi­ckelt, das jetzt zur Urauf­führung kommt. Sechs Ensembles bekommen einen hochak­tu­ellen politi­schen Text als Impuls und 48 Stunden Zeit, daraus eine Aufführung zu entwi­ckeln. Außerdem bekommen sie Räumlich­keiten und Materialien zur Verfügung gestellt. Es geht dabei nicht um einen Wettbewerb, sondern vielmehr um den Versuch, die verschie­denen künst­le­ri­schen Heran­ge­hens­weisen zu zeigen. Dementspre­chend gibt es auch von Seiten der Festi­val­leitung keinerlei Einfluss­nahme oder Moderation. Der Handlungs­spielraum reicht dabei von der komplexen Aufführung bis zum Still­stand. Wobei zugege­be­ner­maßen bei den einge­la­denen Künstlern die Wahrschein­lichkeit keiner Lösung recht gering ist.

Am vergan­genen Sonntag­abend wurde den Künstlern der Impulstext bekannt­ge­geben, jetzt, am Diens­tag­abend, präsen­tieren die Ensembles ihr Arbeits­er­gebnis. Nach nur 48 Stunden. Ein Zeitraum, der üblicher­weise gerade mal ausreicht, um Einfälle zu einem Thema zu sammeln und aufzu­be­reiten. Auch die Zuschauer kennen bei ihrer Ankunft lediglich die Namen der teilneh­menden Künstler. Also stellt ihnen Bojan Vuletić, einer der beiden Künst­le­ri­schen Leiter des Festivals, vor der kleinen Bühne am Ende des Biergartens den Impulstext vor.

Acht Jahre lebte Jamal, der ursprünglich aus einem Dorf der afgha­ni­schen Provinz Fariab stammt, in Hamburg. Am 4. Juli wurde der 23-Jährige nach Afgha­nistan abgeschoben und in der Haupt­stadt Kabul in einem Hotel unter­ge­bracht. Dort erhängte er sich in seinem Zimmer. „Ausge­rechnet an meinem 69. Geburtstag sind 69 – das war von mir nicht so bestellt – Personen nach Afgha­nistan zurück­ge­führt worden. Das liegt weit über dem, was bisher üblich war“, sagt Bundes­in­nen­mi­nister Horst Seehofer grinsend am 10. Juli. Hinter dem, was Seehofer als Scherz versteht, steht eine Geistes­haltung, die aus anderen Zeiten der deutschen Geschichte bekannt ist. Jeder Bundes­bürger heutzutage darf mit Fug und Recht erwarten, dass ein solcher Minister sofort aus dem Amt gejagt wird. Erschwerend kommt hinzu, dass das Bundes­in­nen­mi­nis­terium entweder ein Ponyhof ist oder der Minister zum Zeitpunkt seiner Äußerung bereits über den Suizid des jungen Mannes infor­miert war. Die grenzenlose Menschen­ver­achtung, die der Politiker nicht nur in diesem Fall, sondern auch in Flücht­lings­fragen an den Tag legt, ist nicht so skandalös wie der Umstand, dass er immer noch im Amt ist.

Hartmann­mueller sind aus der Zivili­sation gefallen – Foto © Nana Franck

Ein komplexes Thema, das man in zwei Tagen – außer vielleicht mit billiger Satire – unmöglich künst­le­risch abarbeiten kann. Möchte man als Laie meinen. Und betritt mit einiger Skepsis den Lichtsaal. Ein Raum, den Festival-Besucher immer nur in absoluter Dunkelheit erleben. Ein orange­far­bener Spot „erhellt“ die Szene. Simon Hartmann und Daniel Müller vom 2011 gegrün­deten Ensemble Hartmann­mueller liegen auf einem Kuhfell, nur mit Slip und einem Schaffell bekleidet. Über die an den Handge­lenken festge­wi­ckelten Mikrofone ist kaum mehr als ein Stöhnen zu hören. Zwischen­zeitlich wird Theater­nebel über die seitlich aufstei­gende Treppe geschickt. Sind hier die orgias­ti­schen Seufzer eines alten Mannes aus der Steinzeit zu hören, der eben erfahren hat, dass 69 Menschen depor­tiert wurden? Hartmann zählt langsam, tonlos, bis 69 hinauf, während Müller auf einer elektro­ni­schen Orgel immer lauter und feier­licher herum­hämmert. Zum Finale, wie es sich für einen Geburtstag gehört, gibt es ein Feuerwerk in Gestalt einer blitzenden Licht­orgel. Das Bild ist so auf den Punkt gebracht und eindringlich, dass einem der Applaus schwerfällt.

Ein paar Meter weiter in den Saal hinein hat Frank Schulte seine Klang­in­stal­lation aufgebaut. Am Ende des Saals wird eine Projektion gezeigt, die unter dem Bild eines leeren Flurs sachlich im Schriftzug über den Freitod Jamals infor­miert. Was klanglich und in einer Licht­in­stal­lation folgt, ist eine Erinnerung an den Fluchtweg nach Deutschland. Ein 15-Jähriger, der nach Deutschland geschmuggelt wird, um ihn vor den Fängen der Taliban zu bewahren, erlebt das nicht als Ausflug, sondern als Trauma, das von Ängsten und Entbeh­rungen begleitet wird. Spätestens, wenn Schulte sich eine Rettungs­decke, diese silber­far­benen Folien, die Wärme spenden sollen, überwirft und in die Dunkelheit enteilt, muss auch das Publikum erkennen, dass es in Kabul kein Licht am Ende eines Tunnels gab, sondern die Dunkelheit über einen jungen Mann endgültig herein­schlug, der – vielleicht in Deutschland – noch Licht im Nebel hätte finden können.

Auf dem Weg zur Halle 21 auf dem Gelände der Alten Farbwerke gibt es kein fröhliches Geplapper in der Gruppe. Am Ampel­überweg, an dem eine zusätz­liche Furt für Radfahrer einge­zeichnet ist, fährt ein deutscher Strampler rücksichtslos in die Gruppe hinein, die nicht korrekt auf die Begren­zungen geachtet hat. Knapp kann ein Unfall verhindert werden, und beleidigt zieht der deutsche Helmträger von dannen, weil er von einigen Gruppen­mit­gliedern beschimpft wird. Kein Theater, sondern die Wirklichkeit. Es wird kalt in Deutschland. Aber die Aufrechten lassen sich von den Recht­habern nicht ins Bockshorn jagen. Immer noch nicht.

Der Impulstext – Foto © O‑Ton

Extrem emotional wird es im nächsten Auftritt. Maura Morales und Michio Woirgardt setzen sich tänze­risch mit dem Impuls ausein­ander und starten spekta­kulär. Auf der Bühne hinten links und rechts sind eine Gitarre und ein Bass abgestellt. Vor dem Bass ist Michios Arbeits­station einge­richtet. In der Bühnen­mitte liegt Maura, mit schwarzem Shirt und schwarzer Hose bekleidet – und als Geschenk in Cellophan-Hülle mit blauer Schleife einge­packt. Das Geburts­tags­ge­schenk für Seehofer ist einge­troffen. Eine von 69 Abgescho­benen liegt da stell­ver­tretend. Michios Musik kommt eher begleitend daher, eigene Akzente sind überflüssig angesichts der emotio­nalen Kraft, die Maura entfaltet. Sie befreit sich aus der Geschenk­ver­pa­ckung, sie entfaltet sich. Auch hier die Erinnerung an die Flucht. Die Spannung, die der Körper der Tänzerin zeigt, scheint übermenschlich. Jeder Mensch hat im Leben eine Chance verdient. Egal, ob davor ein Flucht­versuch über das Meer steht. Es muss eine Chance geben. Daran arbeitet Morales sich ab, ehe sie schließlich verzweifelt nach dem imagi­nären Strick greift und reglos liegen bleibt. Ein starkes Statement. Gesteigert wird es durch den Einstieg von Vera Westera und Dion Nijland. Die beiden Jazz-Musiker betreten die Bühne und treten Morales achtlos und ungerührt an den Bühnenhintergrund.

Auch mit sich selbst gehen sie nicht glimpflich um. Da wird Nijlands Bass schon mal verklebt, damit er nicht mehr spielen kann. Worte finden die Musiker vorerst nicht, weichen bei Ausein­an­der­set­zungen auf andere Instru­mente aus, ehe sie schließlich mit Stimme und Gitarre ein klares „Nein“ formu­lieren. Gut, das wirkt ein wenig beliebig, gewinnt aber in Kombi­nation mit der voran­ge­gan­genen Aufführung an Überzeugungskraft.

Unter dem Dach der Halle 29 kommt es zum Countdown. Kaum hat sich die Reise­gruppe dort versammelt – und allmählich bekommt der Begriff eine andere Bedeutung – beginnt der Hip-Hopper Flockey Oscor mit seiner Geschichte. Er sitzt auf einem Stuhl, vor sich ein Mikrofon, und erzählt von seiner Flucht aus Afgha­nistan. Von dem freund­lichen Empfang in Bayern. Das muss also schon einige Jahre her sein, als die unbekannte Frau ihn beim Oktoberfest begrüßte und sich keinen Deut dafür inter­es­sierte, ob er ein Flüchtling sei. Er war in Deutschland angekommen. Ein Tanz der Freude findet unter einem einsamen Schein­werfer zur Klavier­ein­spielung statt. Dann nimmt er das Mikrofon mit zu diesem Platz, an dem ein Sessel mit einem Teppich davor und ein Beistell­tisch mit einer Lampe aufgebaut ist. Er ist nach Kabul zurück­ge­kehrt. Und erinnert sich an seine Eltern, die ihm immer gesagt haben „Du musst gehen, wenn es am Schönsten ist“. Es ist nicht am Schönsten, aber er hat vielleicht das Schönste gerade erlebt. Und löscht das Licht. Das trockene Schlucken in den Kehlen der Zuschauer ist noch unter dem Applaus hörbar.

Einige Meter weiter hinten ist ein kleines Rund aufgebaut, vor dem die Instru­mente von Audrey Chen und einem Bläser-Ensemble auf ihre Musiker warten. Während die drei Norweger Posaune, Trompete, Saxophon und Flöten mit elektro­ni­scher Musik kombi­nieren, zeigt Chen, zu welchen Phäno­menen eine Stimme fähig ist. Das Geschehen ist eindrucksvoll, zeigt aber keine für den Hörer nachvoll­ziehbare Drama­turgie, die irgend­etwas zum Thema beitragen könnte. So kann man diesen letzten Auftritt am ehesten als medita­tiven Ausklang eines emotional drama­ti­schen Ausritts betrachten.

Nachdenklich geht es zurück in den Biergarten, das Asphalt-Paradies. Bringt das neue Format neue Erkennt­nisse? Es zeigt, wozu profes­sio­nelle Künstler auch unter Zeitdruck in der Lage sind. Nichts anderes erwartet man von den aufge­bo­tenen Ensembles. Gesprächs­bedarf gibt es weniger bezüglich der künst­le­ri­schen Höchst­leistung, die eben gezeigt wurde, sondern um das Thema selbst. Im Kommu­ni­ka­ti­ons­zentrum, dem Herz des Festivals, treffen die Teilnehmer mehrerer Veran­stal­tungen aufein­ander. Da findet eine Ausein­an­der­setzung nicht mehr statt, sondern die Gesel­ligkeit siegt.

Trotzdem. Das Thema geht an die Nieren. Beim Publikum, bei den Künstlern. Und damit ist der Diskurs im Theater angekommen binnen kürzester Zeit. Das Asphalt-Festival hat gezeigt, dass so etwas in Ausnah­me­si­tua­tionen möglich ist. Damit hat es ein wichtiges Signal gesetzt.

Michael S. Zerban

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