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MOMENTUM
(Cocoon Dance)
Besuch am
18. Juli 2018
(Einmalige Aufführung)
Asphalt-Festival, Halle 29 in den Alten Farbwerken, Düsseldorf
Unter der Überschrift Tanzrausch tritt Cocoon Dance, eine Compagnie aus Bonn, in der Halle 29 der Alten Farbwerke in Düsseldorf-Lierenfeld an. Zu sehen ist davon erst mal nichts. Drei Tänzer liegen auf dem Boden. Ihre Gesichter sind mit Gaze-Masken verhüllt. Sie rühren sich nicht, während die Besucher in den Saal strömen, der normalerweise der Bürgerbühne des Schauspielhauses Düsseldorf als Probenbühne dient. Weisungsgemäß verteilen sich die Besucher im Karree entlang den Wänden des Probenraums, anstatt auf der vorhandenen Tribüne Platz zu nehmen. Währenddessen ist aus den Lautsprechern ein leises Wummern zu vernehmen, das an den Pulsschlag des Lebens erinnert.
Im April vor zwei Jahren hat Choreografin Rafaële Giovanola das Stück Momentum im Bonner Theater im Ballsaal zur Uraufführung gebracht. Nun hat es seinen Weg ins Asphalt-Festival in der Originalbesetzung mit Álvaro Esteban, Werner Nigg und Daniel Morales gefunden. Marc Brodeur hat 15 Scheinwerfer in drei Reihen geradlinig über der Tanzfläche aufgehängt, die ihre Lichtkegel direkt auf den Boden schicken. So entsteht eine neutrale Ebene, die sich weder an der Musik, noch an den Tänzern ausrichtet, letztere auch nicht gezielt ins Visier nimmt, sondern vielmehr eigene Spannungsmomente schafft. Entweder, indem das Licht bewusst entzogen wird, oder indem es in verschiedenen Helligkeitsstufen die Entwicklung der Aufführung unterstreicht. Während die Musik von Franco Mento sich durch Hinzunahme neuer Elemente und schließlich ansteigender Lautstärke vom bloßen Lebensimpuls hin zu kräftigen, dröhnenden Techno-Beats entwickelt, gelingt den Tänzern dieser geradlinige Aufschwung nicht.

Als anonyme Figuren liegen die drei Tänzer zunächst reglos und scheinbar wahllos verteilt auf der Tanzfläche. Wellenförmig beginnen die flachliegenden Körper sich zu bewegen. Die Distanz zwischen ihnen, auch wenn es später eine Paarbildung gibt, zwingt das Auge des Betrachters zu irisierender Betrachtung. Über knapp 45 Minuten vollziehen die geschlechtslosen Kreaturen, die sich zunächst Pantoffeltierchen-ähnlich fortbewegen, die Entwicklung zum aufrechten Tänzer, verbunden mit deutlichen Rückschlägen. Im Mittelpunkt das staccatohafte Auf- und Abwärtsbewegen des Oberkörpers, das den Tanz als Leitmotiv durchzieht. Gegenseitige Hilfestellungen geschehen zaghaft, selten sichtlich hilfreich.
Erst als die Tänzer sich tatsächlich aufrecht bewegen können, entledigen sie sich ihrer Anonymität, reißen sich die Masken von den Gesichtern und geben sich mit allerlei akrobatischen Figuren der nun ausgereiften elektronischen Musik hin. Haben sie sich schon auf dem Boden liegend oder in der Hocke immer wieder dem Publikum am Rand genähert, tanzen sie es nun offensiv an, allerdings ohne wirklich jemandem zum Mittanzen bewegen zu können.
Das Publikum zeigt sich dennoch begeistert und applaudiert johlend und lange einem intensiven, kräftezehrenden Entwicklungsakt, der den Menschen in seiner Bewegung zum aufrechten Gang, ja, zum Tanz bringt. Entstanden sind dabei rauschhafte Bilder, die den Zuschauern noch lange im Kopf bleiben.
Michael S. Zerban