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Jakob Kielgaß, Luca Swieter und Sandra Da Vina - Foto © André Schuster

Etwas andere Dichterlesung

DEAD OR ALIVE
(Diverse Künstler)

Besuch am
18. Juli 2018
(Einmalige Aufführung)

 

Asphalt-festival, Glashalle im Weltkunst­zimmer, Düsseldorf

Wenn das Asphalt-Festival einen Poetry-Slam, also einen Poesie-Wettstreit, anbietet, darf man blind davon ausgehen, dass sich die Spiel­regeln ändern. Ursprünglich 1986 in Chicago entstanden, verbreitete sich die Veran­stal­tungsform weltweit. Die deutsch­spra­chige Szene gilt inzwi­schen als die größte der Welt, ist in der Zeitung Die Welt zu lesen. Das Prinzip ist so einfach wie publi­kums­wirksam. Die Poeten haben in der Regel fünf Minuten Zeit, einem mehr oder minder gewogenen Publikum einen Text vorzu­stellen. Die Vorstellung beinhaltet durchaus auch perfor­mative Aspekte. Anschließend stimmt das Publikum darüber ab, wer den besten Text am besten vorge­tragen hat. Wie so oft, war die Ursprungsidee eine gute, diente der Poetry-Slam doch dazu, eine „Litera­tur­de­mo­kratie“ zu entwi­ckeln und auch für Autoren eine Öffent­lichkeit herzu­stellen, die von Verlagen nicht berück­sichtigt wurden. Inzwi­schen steht häufig nicht mehr der litera­rische oder poetische Wert im Vorder­grund, sondern die Unter­haltung des Publikums.

Wie erwartet, gelten in der gutbe­suchten Glashalle im Weltkunst­zimmer andere Regeln. Hier „kämpft“ nicht jeder gegen jeden, sondern es gibt zwei Teams. Daraus leitet sich der Titel der Veran­staltung Dead or Alive – tot oder lebendig – ab. Das eine Team besteht aus drei erfah­renen Wettbe­werbs­teil­nehmer, die mehr oder minder aktuelle, eigene Texte vortragen. Dem gegenüber stehen drei Schau­spieler aus dem Ensemble des Schau­spiel­hauses Düsseldorf, die Texte bereits verstor­bener Autoren vortragen. Während die Poeten lediglich ihre Texte zur Verfügung haben, dürfen die Schau­spieler auch auf Kostüme zurück­greifen. Die Redezeit beträgt sechs Minuten. Die beiden Modera­toren – Christine Brinkmann vom Düssel­dorfer Kultur­zentrum ZAKK, das hier als Koope­ra­ti­ons­partner auftritt, und Johannes Floehr, bekannter „Slam Master“ aus Krefeld – sorgen im besten Fall für Unter­haltung, bestimmen die Jury aus dem Publikum und gewähr­leisten den reibungs­losen Ablauf. Letzteres gerät an diesem Abend ordentlich schief. Die angegebene Dauer von 90 Minuten wird lässig um mehr als eine Stunde überzogen, was unter anderem auch daran liegt, dass die Pausenzeit sich nahezu verdrei­facht. Offenbar hat da jemand nicht rechnen können. Ärgerlich für Berufs­tätige bei einer Veran­staltung mitten in der Woche. Aber es bleibt bei diesem Ärgernis. Selbst die Moderation hält sich dankens­wer­ter­weise mit ihrer „Lustigkeit“ in Grenzen. Und der luxuriös hinzu­ge­fügte Discjockey sorgt für ein bisschen beliebige Musik am Rande des Geschehens.

Aber wie beurteilt man eine solche Veran­staltung? Nach dem Unter­hal­tungswert für das Publikum? Dann war alles großartig. Oder nimmt man die Veran­staltung ernst? Dann lohnt ein näherer Blick. Luca Swieter ist auf dem Land aufge­wachsen, wie sie sagt, hat lange in Köln gelebt und ist nun, nach einer längeren Diaspora in Aachen wieder in die rheinische Heimat zurück­ge­kehrt. In ihrem ersten Vortrag geht es um erfolg­reiche Musik, die keiner braucht. Tempo und Intonation des Vortrags ist gleich anzumerken, dass die 23-Jährige, die in Aachen Gesell­schafts­wis­sen­schaften studiert hat, zu den Profis der Szene gehört. Die frische, unver­brauchte und sehr authen­tische Sprache sorgt für Spaß und erlaubt Wahrheiten, ohne albern zu werden. Im zweiten Vortrag, den sie nach der Pause auswendig vorträgt, verfällt sie strecken­weise in den Rap-Rhythmus, der sich seit vielen Jahren bei solchen Wettbe­werben hält, aber im Grunde inzwi­schen eher langweilt. Dabei ist ihr Liebes­ge­dicht von jugend­licher Schönheit durchzogen.

Alexej Lochmann als Karl Marx – Foto © André Schuster

Geradezu erschre­ckend ist der Auftritt von Bernhard Schmidt-Hackenberg als Friedrich Schiller. Der Schau­spieler sammelte eine Menge Lorbeeren beim Jungen Schau­spiel. Schiller war ein hochge­bil­deter Mann, seiner Zeit weit voraus und modisch absolut auf dem qui vive. Hier tritt er als Finanz­be­amter mit Designer-Brille auf. Darüber kann man disku­tieren. Die Schau­spieler wurden nicht gezwungen, Texte aufzu­sagen, sondern haben sie selbst ausge­wählt. Die Bürgschaft zu verjuxen, ist albern und eines so begabten Schau­spielers wie Schmidt-Hackenberg nicht würdig. Auch sein „Schnell­durchlauf“ im zweiten Teil liegt künst­le­risch vollkommen daneben. Nein, das ist kein Statement eines verkrus­teten Kritikers, der auf Jamben und Rhythmen besteht. Sondern von einem Schau­spieler darf man, ähnlich einem Liedsänger, erwarten, dass er das Werk ernst­nimmt. In einer Zeit, in der die „Klassiker“ zunehmend in Verruf geraten, wäre es an jemandem wie Schmidt-Hackenberg gewesen, daraus keinen Klamauk zu machen, sondern eine spannende Ballade zu inszenieren.

Perfekt unglücklich verliebt ist Sandra Da Vina im ersten Auftritt. Ungeschminkt und in „basics“ gekleidet, verkauft sie sich unter Wert. Das gleicht sie mit zwei ungemein starken Texten aus. Und kann sich später mit dem Schre­ber­garten von „Oppa“ noch mal steigern. Da löst sich die berüch­tigte Ruhrpott-Nostalgie in Poesie auf, im Vortrag absolut perfekt. Ihr Buch löst keinen Kaufimpuls aus, weil man sie nicht lesen, sondern hören muss. Als nächstes muss also unbedingt ein Hörbuch her.

Das braucht es bei Hanna Werth nicht, die die Texte Die Axt und Ich esse nichts mehr von Ágota Kristóf vorträgt. Aber ihr Vortrag im histo­ri­schen Kostüm und mit allerlei perfor­ma­tiven Einfällen macht Spaß und begeistert Publikum und Kritik.

Schwie­riger wird es da bei Jakob Kielgaß. Er bietet keine humor­vollen, eingän­gigen Texte, die in das Unter­hal­tungs­be­dürfnis des Publikums passen, sondern eher Pamphlete über Worte oder den Sisyphos in uns allen. Zitternd wie Espenlaub, trägt der hagere Poet (Selbst-)Einsichten vor, die irgendwie stimmen könnten, sich aber wie Blei über das Publikum ergießen. Das Publikum akzep­tiert das und reagiert mit freund­lichem Applaus. Gefragt sind solche Texte in unserer Zeit nicht. Gratu­lation gibt es auf jeden Fall für den Vortrag.

Dann tritt Alexej Lochmann als Karl Marx auf. Man muss nicht mögen, dass er überge­wichtig im roten Morgen­mantel erscheint, diesen aufreißt, um seinen Slip mit Euro-Symbolen zu zeigen und mit der Hand hinein­fährt, bloß, weil es um das Geld geht. Aber er kniet sich rein. Trägt den Uralt-Text zum Kapita­lismus mit dergleichen Inbrunst vor, wie er später über das Verhältnis von Kommu­nismus und Prole­tariat referiert. Ein Vollblut-Schau­spieler, der die „Slammer“ in ihre Schranken weist und zeigt, wie viele Möglich­keiten mehr in einem Text stecken. Das erkennt auch Da Vina neidlos an, als er später als Gewinner des Wettstreits in der direkten Abstimmung gegen sie hervortritt.

Dass Lochmann auch gleich die Sektflasche des Siegers köpft, um ihren Inhalt mit allen zu teilen, beweist, dass hier der rechte Mann gewonnen hat. Und das von einer Freundin aus dem Publikum vorge­tragene Liebes­ge­dicht von Marx, die von ihm dazu auser­koren wurde, bringt dem Abend den Frieden, um den es Marx ging.

Es gab viel Poesie, viel Spaß und den Geist des Poetry-Slams an diesem Abend. Das haben die Besucher genossen. Was allmählich ein bisschen auf den Geist geht, ist der voraus­ei­lende Gehorsam in Sachen Geschlecht­lichkeit. Beim Sprechen noch das Sternchen einbauen zu wollen, ist grotesk. Vielleicht stünde es dem Festival besser an, sich an die allge­mein­gül­tigen Regelungen des Dudens zu halten und damit das Ausatmen vor dem „innen“ zu vermeiden. Der Poesie ist es sicher nicht abträglich.

Michael S. Zerban

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