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CONTRE-MONDES
(Guilherme Botelho)
Besuch am
20. Juli 2018
(Deutsche Erstaufführung)
Eine der häufigsten Kritiken am zeitgenössischen Tanz betrifft das Licht, neigen viele Choreografen doch dazu, ihre Tänzer auf unterbelichteten Bühnen antreten zu lassen, offenbar in der Überzeugung, das erzeuge Spannung statt Ärgernis beim Zuschauer, der nur die Hälfte der Leistung zu sehen bekommt. Guilherme Botelho schlägt dem Fass jetzt den Boden aus. Er schaltet zu Beginn der deutschen Erstaufführung von Contre-Mondes – zu Deutsch Gegenwelten – das Licht ganz aus. Im Saal der Halle 29 ist es stockfinster.
Allerdings sind vor Beginn der Aufführung handliche Nachtsichtgeräte ausgegeben worden, so dass die Zuschauer dem Geschehen auf der Bühne auch in der Finsternis mehr oder minder folgen können. Dabei geht es wohl weniger um die Handlung – ein junger, nackter Mann hockt auf dem Boden, erhebt sich, bewegt sich durch den Raum, schnüffelt – als um den Effekt, den die neue Sichtweise beim Zuschauer auslöst. Vielen, vor allem Frauen, erscheint der einäugige Blick auf das grobkörnige Schwarzweiß-Bild, das sich ihnen bietet, voyeuristisch. Andere fühlen sich an einen Nachtspaziergang erinnert, bei dem ein Tier auf einer Lichtung auftaucht. Ganze acht Minuten dauert diese Erfahrung. An der oberen Kante der etwa ein Meter hohen, schwarzen Trennwand zwischen Tanzfläche und Tribüne leuchtet eine LED-Leiste auf und nimmt den Geräten ihre Wirkung.

Die durchkomponierte Musik von Murcof nimmt allmählich Fahrt auf. Im Laufe der einstündigen Vorstellung wird das Publikum auch akustisch einige Höhepunkte erleben, die sich mit dem Geschehen auf der Bühne decken. Dort wird zunächst der Teil eines nackten Körpers sichtbar. Oberhalb des Schwarz, das wie eine Seenoberfläche auf Höhe der Abschlusskante der Trennwand bestehen bleibt. Mehr und mehr Körperteile werden oberhalb dieses Levels sichtbar. Beine und Hände von acht Tänzern der Compagnie Alias werden für Sekundenbruchteile im orange-gelben, diffusen Licht erkennbar. Mal scheinbar willkürlich, mal geordnet, schwingen die nackten Beine von vorn nach hinten und umgekehrt. Nach einer Viertelstunde taucht flüchtig das erste Gesicht auf. Die Bewegungen bleiben immer überraschend, weil keiner weiß, wo sie als nächstes an der Oberfläche erscheinen. Nur in den ruhigeren Musik-Passagen ist das schwere Atmen der Tänzer zu hören, das anzeigt, wie anstrengend die Bewegungen sind, die die Körperteile scheinbar schwerelos erkennbar werden lassen. Eine Dreiviertelstunde dauert es, bis die ersten Körper in Gänze und unbekleidet für Sekunden sichtbar werden. So bewegen sich die Tänzer ständig zwischen zwei Welten, während Teile von ihnen nur in der einen vorhanden zu sein scheinen.
Der Beleuchtungstrick, den Yann Marussich eingerichtet hat, ist genial – solange das Tageslicht außen vor bleibt. Das beweist eindrucksvoll eine Zuschauerin, die mal eben zwischendurch den Saal verlässt. Dann nämlich wälzen sich die Tänzer scheinbar sinnlos in einem aschgrauen Licht auf dem Boden. Der Aufführung schadet es nicht. Kaum ist die Dunkelheit zurückgekehrt, stellt sich auch die Faszination an der Illusion wieder ein.
Botelho ist hier ein eindrucksvoller, neuer Aspekt gelungen, den auch seine Kollegen von der Cooperativa Maura Morales und Cocoon Dance nicht kannten, die die Vorstellung ebenfalls besuchen und sich anschließend begeistert zeigen. Schade, dass der Choreograf, obwohl anwesend, zum Schlussapplaus nicht mit auf die Bühne kommt, um den zweifellos verdienten, kräftigen Beifall entgegenzunehmen. Am Samstag, dem vorletzten Tag des Festivals, ist die Aufführung noch einmal zu sehen. Außerdem wird Botelho im Herbst bei der Tanzmesse zu Gast sein.
Michael S. Zerban