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DER PROZESS
(Franz Kafka)
Besuch am
22. Juli 2018
(Einmalige Aufführung)
Die Glashalle im Weltkunstzimmer ist zur letzten Aufführung des diesjährigen Asphalt-Festivals vollständig ausverkauft. An diesem Sonntagabend steht noch mal ein rechter „Leckerbissen“ auf dem Programm, wie Christoph Seeger-Zurmühlen, einer der beiden Künstlerischen Leiter, es nennt. Bereits am Vorabend hat Philipp Hochmair Franz Kafkas Amerika auf die Bühne gebracht. Jetzt will der Schauspieler, der im vergangenen Jahr mit einer fantastischen Werther-Inszenierung bereits den Schlusspunkt des Festivals setzte, mit Kafkas Prozess die Menschen erreichen.
Der Roman gehört zu der Trilogie unvollendeter Werke, die erst nach dem Tode Kafkas veröffentlicht wurden. Die beiden anderen sind Amerika und Das Schloss. Der Prozess entstand zwischen Sommer 1914 und Januar 1915. Neben dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, der zu dem Zeitpunkt in Deutschland zunächst eine morbide Euphorie auslöste, war Kafka auch von einem privaten Ereignis höchst beeindruckt. Im Juli 1914 wurde seine Verlobung mit Felice Bauer aufgelöst, was der Schriftsteller mit einem Gefühl des Angeklagt-Seins verband. Ein abschließendes Gespräch im Berliner Hotel Askanischer Hof im Beisein von Felices Schwester Erna und Felices Freundin Grete Bloch – mit der hatte Kafka zuvor einen verfänglichen Briefwechsel geführt – empfand der damalige Vizesekretär in der halbstaatlichen „Arbeiter-Unfallversicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag“ als „Gerichtshof“. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung klingt der Prozess eher nach der literarischen Umsetzung eines profanen Erlebnisses im Leben eines 31-Jährigen. An der grotesken Qualität des Stoffes ändert es nichts.
Josef K. arbeitet als Bankier. Am Tage seines 30. Geburtstages wird er angeklagt, ohne den Grund zu erfahren, und verhaftet, ohne in seiner Freiheit eingeschränkt zu werden. Er wird aufgefordert, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, ohne dass er erfährt, was das Wesentliche ist. Versuche, die Situation zu lösen, scheitern. Einen Zugang zum Gerichtsgebäude erhält er nicht, es bleibt beim Versuch einer Eingabe. Das völlige Scheitern vollzieht sich in einem Steinbruch, in den er von zwei Häschern geführt und mit einem Messerstich zum Tode befördert wird. „Wie ein Hund!“, sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.

So die letzten Zeilen des knapp zweihundertseitigen Romans. Die skurrilen, häufig surrealen Stoffe Kafkas haben Künstler immer wieder zu Bearbeitungen gereizt. Und so versucht auch Andrea Gerck sich an einer Inszenierung. Vielmehr als eine atmosphärisch nette Lesung mit Zusatzeffekten gelingt ihr nicht. Auf einem Podium in der Bühnenmitte ist vordergründig ein antiker Schreibtisch mit passendem Stuhl aufgebaut, an dem ein Mikrofon angebracht ist. Eine Tischleuchte und ein paar Requisiten vervollständigen die Einheit. Rechts davon ist ein Beistelltischchen mit einem Dia-Projektor aufgebaut. Die dazugehörige Leinwand ist hinter dem Podium aufgehängt und wird später ein paar alltägliche Fotos im Retro-Look zeigen, die nur halbwegs zur Handlung passen. Ob das lustig sein soll, ist nicht so ganz klar, deshalb lassen die Zuschauer das mit dem Lachen nach ein paar Ansätzen. Links hinter dem Schreibtisch gibt es einen weiteren Abstelltisch, der späterhin Geräuscheffekten dienen wird. Grableuchten, die vor dem Schreibtisch auf dem Podiumsboden stehen, bleiben reines Dekor. Das Licht ist mit drei, vier Scheinwerfern und dem Einsatz der Tischleuchte wirkungsvoll, ohne zu übertreiben. Die Musik steuert Michael Meierhof bei, der mit überwiegend dissonanten Einspielungen für die Einteilung in Abschnitte sorgt und mit ein wenig Klassik zum Ende hin die Stimmung des Abschieds unterstreicht.
Der Hochleistungsschauspieler Hochmair ist hier eindeutig unterfordert. Alles Kramen mit dem Manuskript, Haareraufen und Schnapssaufen hilft wenig. In der Statik bleiben auch dem Ausnahmemimen kaum Möglichkeiten, seine Fähigkeiten zu zeigen. Das, was er in Verbindung mit den Effekten und einem körperlichen Einsatz erahnen lässt, reicht allerdings, das Publikum zu begeistern. Und da werden in der einstündigen Aufführung ein paar Haspler gern ignoriert, um sich umso mehr am Charisma Hochmairs zu erfreuen, der auch dann noch beeindruckt, wenn er den biederen Anzug, den er passend zu K.‘s Erscheinungsbild trägt, auseinanderpflückt und wieder ordnet.
Insgesamt eine solide Leistung mit verpassten Chancen. Dem Publikum genügt es, und so fällt der Beifall lang und freudig aus.
Michael S. Zerban