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NORDSTADT PHANTASIEN
(Schorsch Kamerun)
Besuch am
23. August 2018
(Uraufführung)
Dass Dortmund-Nordstadt mit seinen kriminellen Clan-Bildungen zu den Problemzonen des Ruhrgebietes gehört, ist bekannt. Allerdings beschreiben die Negativnachrichten, wie auch die über Duisburg Marxloh, nur eine Seite des realen Alltags. In der multikulturellen Lebendigkeit, die von dem Stadtteil mit seinen gemütlichen Kiosken, Szene-Kneipen und beindruckenden Gotteshäusern ausgeht, sieht Schorsch Kamerun ungeahnte Ressourcen, die uns in eine „urbane Goldgräberstimmung“ versetzen sollten. Und dazu möchte er mit seinem Projekt Nordstadt Phantasien anregen, das als einer der wichtigsten Beiträge der diesjährigen Ruhrtriennale angekündigt wurde. Das Ganze nennt Kamerun „musiktheatrale Installation einer urbanen Goldgräberstimmung“ und der hochgestochene Titel passt zum Stadtbild ebenso wenig wie die gesamte zwischen abgehobenem Dozierstil und platter Banalität angesiedelte Produktion.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Das Publikum sitzt eng gedrängt in einem eigens errichteten Glasquader mit Blick auf ein reales Straßenpanorama mit Geschäften, die vom Kiosk und Obstladen bis zum Fitnessstudio städtische Lebensfreude ausstrahlen. Die Anwohner werden zu Mitwirkenden. Eine Chance, die vor allem die Kinder mit großer Freude nutzen. Das an sich ist angesichts seines Unterhaltungswerts schon sehenswert. Das Treiben wird jedoch durch mehrere Spielszenen und Szenarien ergänzt, die die Zuschauer im Glasaquarium optisch freilich nur begrenzt wahrnehmen können, so dass sie sich mit dürftigen Schwarz-Weiß-Projektionen auf kleinen Fernseh-Monitoren begnügen müssen. Vieles bleibt dennoch unverständlich.

Der stolz angekündigte Stand mit Dortmunder Süßwasserquallen bleibt quasi unsichtbar, ein Ruhrquallen-Tanz mit großen Schwimmreifen verbreitet den Charme eines Kindergeburtstags. Ein Akkordeon-Orchester stellt sich in Position, zu hören ist kaum etwas von ihm. Versetzt wird das anderthalbstündige Treiben mit langatmigen Monologen einer fiktiven „Kiez-Tochter“, einer Eppendorferin, eines Investors und Gedanken Schorsch Kameruns. Das Publikum bleibt jedoch vom Straßenleben ausgesperrt, anstatt sich darin tummeln zu dürfen und mehr wahrnehmen zu können.
Musik gibt es auch. Bescheiden originelle, musikalisch monotone, recht larmoyant vorgetragene Songs des Sängers PC Nackt mit hilflos zusammengebastelten Texten über die Schönheiten und Schattenseiten der Nordstadt eliminieren in ihrer trockenen Gleichförmigkeit vollends die Reize des lebendigen Stadtteils.
Was Kamerun letztlich mit dieser merkwürdigen Produktion bezwecken will, bleibt schleierhaft. In dieser Form wirkt sie wie eine mäßig gute Zirkusnummer über einen exotisch anmutenden Stadtteil mit sehr deutschen Belehrungen und Erläuterungen.
Pedro Obiera