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Grauen mit Kunststoff-Skeletten

DAS FLOß DER MEDUSA
(Hans Werner Henze)

Besuch am
31. August 2018
(Premiere)

 

Ruhrtri­ennale, Jahrhun­dert­halle Bochum

Schon bei der Urauf­führung vor genau 50 Jahren im brodelnden Schick­salsjahr 1968 wurde Hans Werner Henzes Appell an Mensch­lichkeit und Mitleid missver­standen. Proteste und Tumulte, die zu Polizei­ein­sätzen und schließlich zum Abbruch der Hamburger Aufführung geführt haben, entzün­deten sich nicht etwa an den skandalös unmensch­lichen Vorgängen auf der „Medusa“ im Jahre 1816, die Henze anprangert, sondern an der Weigerung des RIAS-Kammer­chores, unter einer roten Fahne aufzu­treten, die sich Henze ausbe­dungen hatte. Bei dem histo­risch authen­ti­schen Schiff­bruch der „Medusa“ auf der Überfahrt in die franzö­sische Kolonie Senegal haben sich seinerzeit Offiziere und andere Eliten in die sicheren Rettungs­boote geflüchtet und die 150 „einfachen“ Passa­giere und Matrosen auf einem Floss gnadenlos ihrem Schicksal überlassen. 13 Tage trieben die Menschen unter sengender Hitze ohne Nahrung und Wasser über den Ozean, bis sie aufge­griffen wurden. Nur 15 haben das Desaster überlebt.

Die Empörung über die unmensch­liche Aktion hielt sich 1968 in Grenzen. Und heute? Kann uns das Schicksal von 135 toten Menschen ohne Promi-Status noch erschüttern, wenn wir ungerührt den Tod von Tausenden Flücht­lingen im Mittelmeer zur Kenntnis nehmen und Helfer, die sich noch Reste christ­licher Werte bewahrt haben, kriminalisieren?

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Natürlich nicht. Und die Aufführung des Werks im Rahmen der Ruhrtri­ennale in der Bochumer Jahrhun­dert­halle hat nicht das Format, eine sich zunehmend gegen Mitleid abstump­fende Gesell­schaft zum Einlenken zu bewegen. Das ist am wenigsten Henzes Musik und der vorzüg­lichen Inter­pre­tation vorzu­werfen, sondern dem wieder einmal untaug­lichen Versuch, die Ausdrucks­schärfe eines Orato­riums durch szenische Visua­li­sie­rungen vertiefen zu wollen. Das geht meistens schief und auch Kornél Mundruczós Reali­sierung mit dem Budapester Team Proton Theater bietet nicht viel mehr als optische Dekora­tionen, die das Geschehen und die Gefühle von Wut und Trauer, die Henze musika­lisch so diffe­ren­ziert zum Ausdruck bringt, eher abschwächen.

Wenn der rieselnde Sand einer Halde allmählich abbrö­ckelt und den Blick auf einen Friedhof voller Kunst­stoff-Skelette freigibt, während Plastik-Bäume einknicken, verstellen solche banalen Todes-Chiffren die Sicht auf den eigent­lichen Skandal der Tragödie, nämlich den Verlust der Menschheit an Empathie. Optisch hätte da das berühmte Bild von Théodore Géricault, das vor Beginn der Aufführung einen Zwischen­vorhang ziert, genügt. Der auf dem Gemälde verzweifelt mit einer roten Fahne einem rettenden Schiff zuwin­kende schwarze Matrose Jean-Charles wirkt erheblich eindring­licher als die szenische Umsetzung in Bochum, wenn Bariton Falk Hope eher hilflos mit einem roten Taschentuch Fliegen zu vertreiben scheint. Um die skandalöse Unmensch­lichkeit der Vorgänge in der Bochumer Jahrhun­dert­halle erspüren zu können, gilt es, die Ohren für Henzes Musik zu spitzen und sich nicht durch den optischen Firlefanz ablenken zu lassen.

Henze widmete das 75-minütige Werk Che Guevara, der die Welt ebenso wenig verbessern konnte wie Henze. Was es uns heute noch sagen kann, ist die Bereit­schaft, das Schicksal der Menschen ehrlich zu betrauern und zwar stell­ver­tretend für alle, die einer egois­ti­schen und mitleid­losen Gesell­schaft zum Opfer fallen.

Foto © Ursula Kaufmann

Das scheint auch Steven Sloane bewusst zu sein, der am Pult des riesigen Aufgebots der versierten Bochumer Sympho­niker und der singenden Heerscharen auf drastische oder drama­tisch aufge­setzte Impulse verzichtet und den trauernden Tonfall der Partitur sensibel zum Klingen bringt. Wobei Henzes ausdrucks­starke, alles andere als provo­zie­rende, gleichwohl extrem filigran ausge­ar­beitete Musik genügend Gelegenheit für einen reflek­tierten Umgang mit dem Text bietet.

Tilo Werner gestaltet die Sprecher­rolle des Chronisten mit angemessen kühler Prägnanz. Das Los der Schiff­brü­chigen aus unter­schied­lichen Perspek­tiven bringt der Bariton Holger Falk nuanciert zum Ausdruck und die Sopran­sitin Marisol Montalvo schwebt mit ihren ätheri­schen Gesangs­linien wie ein Todes­engel über das düstere Klang­ge­mälde. Eine Riesen­aufgabe haben die Chöre zu bewäl­tigen. Hier bewähren sich das ChorWerk Ruhr und die Zürcher Sing-Akademie so souverän, wie man es von ihnen gewohnt ist. Eine Überra­schung bietet der Knabenchor der Choraka­demie Dortmund, der seinen schwie­rigen Part lupenrein und glockenklar mit nahezu routi­nierter Profes­sio­na­lität bewältigt.

Viel Beifall für alle Mitwir­kenden und für ein Werk, das an Aktua­lität in den letzten 50 Jahren nichts verloren hat. Im Gegenteil.

Pedro Obiera

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