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FILISETI MEKIDISI
(Elliott Sharp)
Besuch am
5. September 2018
(Uraufführung)
Menschen auf der Flucht, auf der Suche nach einer Insel des Friedens und einem Stückchen Glück: Derart aktuelle Themen prägen die Programmpolitik der Ruhrtriennale unter der neuen Intendanz von Stefanie Carp. Insofern passt die Uraufführung des Auftragswerks Filiseti Mekidesi unter der Federführung des amerikanischen Komponisten und Produzenten Elliott Sharp wie maßgeschneidert zum Konzept des Festivals. Das Turbinenhaus an der Rückfront der Bochumer Jahrhunderthalle wurde leergeräumt und mit Podesten für die Sänger ausgestattet. Drei große Videoleinwände zieren die Decke des Gebäudes. Mit der MusikFabrik Köln und dem Gesangssextett Voxnova Italia waren ausgepichte Spezialisten der Neuen Musik vor Ort. Die Vorzeichen wecken hohe Erwartungen, das Ergebnis kann dennoch nur bedingt überzeugen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Angekündigt ist eine „Operninstallation“, eine Mischung aus Oratorium, instrumentalem Theater, Video- und Installationskunst, die in ihrer stilistischen Vielfalt und medialen Reizüberflutung den Blick auf die zentrale Flüchtlings-Thematik verstellt. Die Halle wird in ein Klangbad aus elektronischen und realen Klängen getaucht, das mit seinem psychedelischen Sog das Bewusstsein eher benebelt als schärft. Die von Voxnova und der Solistin Kamilya Jubran vorgetragenen Texte werden meist so stark verfremdet, dass der Sinn verborgen bleibt.
Klarheit verschaffen auch die eingeblendeten Videosequenzen nicht, die sich als ein buntes Kaleidoskop willkürlich zusammengestellter Bilder präsentieren, die von brillant gefilmten DNS-Ketten bis zu schönen Tiefaufnahmen das Auge verwöhnen, aber viel zu selten, lediglich in einigen leeren und weiten Landschaftspanoramen, einen nachvollziehbaren Bezug zum Thema des Stücks herstellen.

Das gilt auch für die Musik, bei der sich Elliott Sharp aller Töpfe der zeitgenössischen Musik bedient. Psychedelische Klangdünste, Rhythmen mit leichtem Rock-Touch, dezente Jazz-Einflüsse, experimentelle Vokalstudien. In der Fülle gelingt es ihm ebenso wenig wie den Video-Künstlern um Sharps Partnerin Janene Higgins, den Verdacht abzuschütteln, dass sich die Kreativität des Teams vor lauter künstlerischer Experimentierfreude nicht ganz uneitel verselbständigte. Allerdings stellt sich im Laufe der 75-minütigen Performance schon bald heraus, dass selbst die vielen gewählten Stilmittel narkotisierende Wiederholungen und Stillstände nicht verhindern können, wenn sie nur locker zusammengefügt und eher konstruiert als inspiriert wirken.
Gedacht war das Projekt als aktuelle Ergänzung zur Ruhrtriennalen-Kreation Universe Symphony von Charles Ives, die vor zwei Wochen schon Christoph Marthaler nur mit bedingtem Erfolg für das Flüchtlings-Thema nutzen konnte. Filiseti Mekidesi, äthiopische Begriffe für „Schutzraum“: Ein Titel, dem die Aufführung kaum gerecht wird. Dafür verflüchtigt sich das Werk in eine zu dünne und abgehobene ästhetische Scheinwelt.
Entsprechend verhalten und kurz fällt der Beifall des recht irritierten Premieren-Publikums aus, das dem Verlauf in dem stuhlfreien Raum wandernd folgen soll. Eine konditionelle Herausforderung vor allem für die älteren Gäste, die zudem wenig bringt, wenn an den Seitenpodesten lediglich einzelne Solisten des Vokalensembles postiert werden und die Video-Sequenzen von jedem Standpunkt gut eingesehen werden können. So verfolgen die meisten Besucher das Geschehen mit bewunderungswürdigem Durchhaltevermögen stehend und unbeweglich. Immerhin werden einige Stühle zur Verfügung gestellt, so dass die Aufführung für niemanden in eine orthopädische Tortur ausarten muss.
Pedro Obiera