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Choräle auf Konfrontationskurs

CHORBUCH
(Johann Sebastian Bach, Mauricio Kagel)

Besuch am
21. September 2018
(Premiere)

 

Ruhrtri­ennale, Salzlager Zeche Zollverein, Essen

Wenn das ChorWerk Ruhr schon fast tradi­ti­ons­gemäß in der letzten Woche der Ruhrtri­ennale auftritt, ist ein musika­li­scher Genuss auf höchstem Niveau garan­tiert. Auch wenn Florian Helgath, der die Leistungs­stärke des Chores immer weiter verfeinert, mit Programmen überrascht, mit denen er unabhängig von den zentralen, in diesem Jahr auf Afrika und der Flücht­lings­pro­ble­matik ausge­rich­teten Themen des Festivals eigene Akzente setzt. So diesmal durch die Verknüpfung von Motetten und Chorälen Johann Sebastian Bachs mit Choral-„Mutationen“ aus dem Chorbuch von Mauricio Kagel. Eine Hommage an Kagel, den vor zehn Tagen verstor­benen Kompo­nisten, der immer wieder musika­lische Denkmäler von Beethoven bis Bach mit eigen­wil­ligen Projekten zur Diskussion stellte. Oft ironisch, aber nie respektlos.

Zwischen 1975 und 1978 hat Kagel 53 unter­schied­lichste Choräle und Chorstücke der Musik­ge­schichte persön­lichen und umfas­senden „Bearbei­tungen“ unter­zogen, die in ihrer schroffen Machart dem Hang der 1970-er Jahre zur „Materi­al­z­ertrüm­merung“ entsprechen. Wenn das ChorWerk Ruhr die origi­nalen Choräle Bachs in vollendeter stimm­licher Ausge­wo­genheit, mit perfekter Artiku­lation und Phrasierung in fast tänze­risch schwe­bender Eleganz vorträgt, fallen die schroffen Kontraste und Brüche der Kagel­schen Kommentare umso krasser ins Ohr. Wobei ein quali­ta­tiver Vergleich der beiden Kompo­nisten in dieser unmit­tel­baren Nachbar­schaft nicht unbedingt zugunsten Kagels ausfällt.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Helgath suchte im zweiten Teil des Programms bewusst die direkte Konfron­tation. Der Chor, ausge­stattet mit Flüster­tüten, unter­stützt von einem Klavier und einem Harmonium, hechelt, zischt und brüllt Teile der ausge­suchten Choral-Segmente ebenso virtuos heraus wie er die Bachschen Originale in makel­loser Schönheit vorträgt. Und Christoph Lehmann sorgt an der Orgel immer wieder für zusätz­liche sanfte Klänge mit schlichten Choral­vor­spielen des Thomas­kantors. Da klingen etwa bekannte Töne wie der Choral Wer nur den lieben Gott lässt walten aus den Federn Bachs und Kagels in ungewohnter klang­licher und struk­tu­reller Beleuchtung auf.

Bevor man sich auf dieses ungewohnte Abenteuer einlässt, beschränkt sich Helgath im ersten Teil des Programms auf drei anspruchs­volle Motetten Bachs. In der unter­schied­lichen Anlage und dem varian­ten­reichen Tonfall der komplexen, im Falle der ausla­denden Motette Singet dem Herrn ein neues Lied, BWV 225, besonders filigran angelegten Gesänge kann das ChorWerk Ruhr seine flexible Stilsi­cherheit und seine vokalen Quali­täten in lupen­reiner Schönheit ausleben.

Das Publikum im voll besetzten Salzlager der Essener Zeche Zollverein ist begeistert. Und kann sich mit Sicherheit über einen weiteren musika­li­schen Höhepunkt am Ende der Ruhrtri­ennale 2019 freuen. Dann vielleicht auch mit etwas ausführ­li­cheren Programmheften.

Pedro Obiera

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