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Zorn
(Diverse Komponisten)
Besuch am
8. November 2018
(Einmalige Aufführung)
Oh, welch trauriger Anblick. Das Umfeld der Kreuzkirche in Herne hat im Laufe des vergangenen Jahres mächtig gelitten. Die Bäume vor der Kirche sind gefällt, einsame Stümpfe ragen aus dem grauen Asphalt. Links von der Kirche ist eine Baustelle entstanden, der Europaplatz soll saniert werden. Ein Hoffnungsschimmer also, dass hier in den kommenden Jahren ein weniger tristes Ambiente entsteht. In der Kreuzkirche findet traditionell das Eröffnungskonzert der Tage Alter Musik in Herne statt. Es ist ein Radio-Festival, das der Westdeutsche Rundfunk für seine Klassikwelle WDR 3 veranstaltet. Dort können die Aufführungen, die hier live vor Publikum stattfinden, entweder sofort, zeitversetzt, später im Jahr oder im so genannten Konzertplayer im Internet angehört werden. Künstlerischer Leiter ist der Redakteur Richard Lorber, der mit seinem Team für dieses Jahr das Thema der Todsünden ausgewählt hat.
Und so startet das Festival gleich stark mit dem Thema Zorn durch. Eine Todsünde in der Kreuzkirche? Na, da wird es wohl eher kreuzbrav zugehen. In der Tat werden an diesem Abend keine Kirchenbänke zu Bruch gehen, und auch der Pfarrer wird kein Weihwasser mit zornfunkelnden Augen versprühen. Stattdessen gibt es in der gutbesuchten Kirche christliche Konzerte, Motetten und Sonaten des 17. Jahrhunderts vom Ensemble Polyharmonique und dem Orkiestra historyczna.
Die Kreuzkirche ist nicht ohne Grund Ausgangspunkt des viertägigen Alte-Musik-Festivals im Ruhrgebiet. Mit ihrer ausgewogenen Akustik bietet sie eine großartige Spielstätte für kleinere Ensembles und Vokalmusik. Das werden die Musiker am heutigen Abend unter Beweis stellen. Auf dem Programm steht Bibel-Literatur, die von verschiedenen Komponisten des 17. Jahrhunderts auf unterschiedliche Weise interpretiert wird, in Kombination mit rein instrumentalen Werken. Den Beginn macht das Dixit dominus von Francesco Cavalli als mehrstimmiger Chorgesang mit instrumentaler Begleitung, gefolgt von Exaudi deus von Alessandro Grandi, einem geistlichen Konzert für fünf Stimmen und Basso continuo. Die Sonate für zwei Violinen, Viola da gamba und Basso continuo von Heinrich Ignaz Franz Biber leitet den Chorgesang Ach Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn von Heinrich Schütz ein, ehe dann zum ersten Mal das Dies irae in einer Vertonung von Giovanni Legrenzi ertönt.

Anscheinend gibt es nicht so viel Literatur zum Thema Zorn. Denn im zweiten Teil erklingen noch einmal das Dixit Dominus, diesmal von Natale Monferrato, und gleich zwei Mal das Dies irae, jetzt in den Kompositionen von Francesco Cavalli und Johann Rosenmüller. Sicher ein netter Einfall aus Sicht der vergleichenden Musikwissenschaft, ein wenig einfallslos wirkt es schon. Daran ändern auch die beiden Instrumentaltitel – die Sonata terza variata per il violino von Biagio Marini und die Sinfonia A6 von Giovanni Battista Vitali – nicht viel.
Das ist umso bedauerlicher, als mit dem Chor aus acht hervorragenden Solisten ein Ensemble der schier grenzenlosen Möglichkeiten zur Verfügung steht. Unter der Leitung des Countertenors Alexander Schneider liefern die Sopranistinnen Magdalena Harer und Joowon Chung, Countertenor Piotr Olech, die Tenöre Johannes Gaubitz und Sören Richter sowie die beiden Bässe Felix Rumpf und Guillaume Olry teils mehrstimmig, teil solistisch klangschöne Beispiele ihres Könnens zwischen Dramatik und feinziselierten Piano-Passagen. Präzision und Virtuosität prägen den Gesang vergangener Zeiten.
In kongenialer Ergänzung dazu erklingt das Kammerorchester aus Katowice unter der Leitung der Konzertmeisterin Martyna Pastuszka. Die Geigerin hat nicht nur ihr Ensemble fest im Griff, sondern schafft auch einen der Höhepunkte des Abends mit ihrer Präsentation der Sonata terza variata in Begleitung des Basso continuo.
Das Publikum in der sehr gut besuchten Kreuzkirche zeigt sich höchst angetan vom zornigen Ausflug in die Musikgeschichte, der so elegant und ausdrucksstark das Kirchenschiff erfüllt. Der Auftakt zu den diesjährigen Tagen Alter Musik in Herne unter dem Motto „Todsünden – Laster und Moral im Spiegel der Musik vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert“ ist in klanglicher Hinsicht als mehr als gelungen zu betrachten. In programmatischer Hinsicht ist bis kommenden Sonntag noch deutlich Luft nach oben.
Michael S. Zerban