O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Carole Parodi

Aller Anfang ist schwer

DAS RHEINGOLD
(Richard Wagner)

Besuch am
12. Februar 2019
(Premiere)

 

Grand Théâtre de Genève

Vollendet das ewige Werk“ – um Wotan in Wagners Rheingold zu zitieren – wäre vielleicht ein bisschen zu viel des Überschwangs angesichts der Wieder­eröffnung des frisch renovierten Grand Théâtre de Genève. Die Beschreibung Loges passt da schon besser: „Haus und Hof, Saal und Schloss, die selige Burg sie steht nun fest gebaut. Das Pracht­ge­mäuer prüft ich selbst, ob alles fest forscht ich genau. … Kein Steine wankt im Gestemm.“ Tatsächlich liegt die Burg, pardon, das Theater, im Abend­licht so schön strahlend da, als wolle es vom Götter­vater selbst bewundert werden.  Da muss man innerhalb des Gebäudes schon ganz genau hinsehen, um ein paar wenige Schön­heits­mäkel zu finden, zum Beispiel kleine Macken an Türen. Aber wer achtet schon auf Macken an Hinter­türen, wenn es eine solche Pracht zu bestaunen gibt. Schon die Kasset­ten­decken im Foyer atmen den Geist des Beaux-Art-Stils. Es ist schon bedau­erlich, dass Wagner den Vorabend zum Ring des Nibelungen ohne Pause kompo­niert hat. Sonst hätte man mehr Zeit, durch die frisch renovierten Räume zu flanieren. Aber pünktlich um halb acht beginnt ja der Anfang vom Ende im berühmten Es-Dur. Aber von wegen Es-Dur. Das Brummen, das da zuerst im Raume schwebt, gehört zu keiner bekannten Tonart und schon gar nicht zu einem Musik­in­strument. Es ist fast ein wenig bezeichnend, dass ausge­rechnet ein techni­sches Problem dem berühm­testen Vorspiel die Show stiehlt.

Nach drei Jahren Renovie­rungszeit sollte der Opern­be­trieb ja schon im letzten Jahr wieder aus seinem Übergangs­quartier, dem Théâtre des Nations, wieder in das ehrwürdige Gebäude an der Place du Neuve einziehen. Dass sich der Auftakt nun um etwa fünf Monate verschoben hat, ist nach deutschen Maßstäben nur knapp fünf Minuten. Intendant Tobias Richter geht kein geringes Risiko ein, den Wieder­einzug mit dem Ring des Nibelungen zu feiern.  Aller­dings hat man ja seit 2013 die Insze­nierung von Dieter Dorn vorrätig. Ob diese Arbeit dem feier­lichen Anlass gerecht ist, wird sich über den ersten Zyklus noch zeigen müssen. Auf dem ersten Blick gehören die Lorbeeren Jürgen Rose, dessen Bühnenbild und Kostüme den Vorabend zu einem zeitlosen Märchen aufwerten. Passend zu den aufge­bes­serten Kunst­werken und Farben im Theater bedienen sich auch die Kostüme an einer sehr breiten Farbpa­lette und sind mit vielen Details liebevoll geschneidert. Wotan könnte sich seinen blauen Mantel fast von seinem griechi­schen Bruder Zeus ausge­liehen haben. Sein Speer ist kein Kriegs­in­strument, sondern ein langer, gebogener Ast, der einst noch Teil der Weltesche war. In der Zusam­men­arbeit sind Dorn und Rose begeis­terte Theater­macher, die mit modernen Mitteln das Welten­drama fast  altmo­disch erzählen. Der Kistenberg in der ersten Szene verwandelt sich mit Hilfe der Beleuchtung von Tobias Löffler quasi vor den Augen der Zuschauer in ein Riff, das von allerlei Getier umspielt wird. Das sind Statisten, die auf Rollschuhen unterwegs sind. In der Nibelheim-Szene präsen­tiert Rose dann die techni­schen Möglich­keiten des Theaters, das aus der Tiefe der Bühne nach oben gefahren wird. Versen­kungen, Verwand­lungs­ef­fekte, alles kein Problem. Einen altmo­di­schen Riesenwurm, der sogar Rauch spucken kann, zieht man an Strippen über die Bühne, und die Kröte sieht man auch herumhüpfen.

So gut der optische Eindruck auch ist, so deutlich die Figuren auch gezeichnet sind, fehlt dem Abend doch eine wirklich zwingende Perso­nen­führung. Es ist eine schöne Abwechslung zu anderen Insze­nie­rungen, dass Dorn auf einen Überak­tio­nismus verzichtet. Aber dass Alberich über mehrere Minuten mit einem Bewegungs­spielraum von zwei Metern vor dem Dirigenten hockt, ist dann doch sehr mager und gibt dem Opern­abend eine gewisse Länge. Mit Heinz Wanit­schek hat man sogar einen Spezia­listen für Körper­sprache im Team. Der Ausdruck der Figuren stimmt, aber die etwas kontur­losen Abläufe sind zu mager für eine lebendige Oper wie das Rheingold. Der Einfall, dass Loge, sobald die Streicher das Motiv der Flammen ergreifen, sich um seine Gesprächs­partner herum­dreht, ist da einfach zu wenig.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Aber immerhin hören Dorn und Rose genau auf die Musik, mal abgesehen davon, dass der Regen­bo­gen­vorhang schon mit dem Donner­schlag herab­fällt. Es ist sowieso ein Abend, an dem viele Kleinig­keiten szenisch wie musika­lisch noch nicht hundert­pro­zentig gelingen. Die Abstimmung zwischen Bühne und Orches­ter­graben passt noch nicht so recht. Aller­dings kann man behaupten, dass sich das im Verlauf der zwei weiteren Zyklen einspielen wird und dann wird auch das Orchestre de la Suisse Romande sich noch mehr in diese mythische Welt einge­funden haben, die Dirigent Georg Fritsch am Pult formen möchte. Seine Inter­pre­tation geht am Premie­ren­abend noch nicht ganz auf, macht aber Lust auf mehr. Bei ihm geht es nicht um drama­tische Lautstärke, sondern um Stimmungen in diesem großen Musik­fluss. Kleine Tempi-Wechsel in einem weiten Fluss sorgen für Abwechslung. So breit ausge­dehnt hat man den Grund des Rheines schon lange nicht mehr gehört. Vielleicht hätte der etwas zähen Bewegung auf der Bühne ein italie­ni­scher Zugriff über manche Länge hinweg geholfen. Aller­dings muss man sagen, dass eine Inter­pre­tation wie diese in der heutigen Zeit selten geworden ist. Sänger­freundlich und lyrisch darf dieser Wagner tönen, ohne dass es ihm an Ausdrucks­kraft mangelt.

Foto © Carole Parodi

Die Sänger nutzen die Möglichkeit, das Drama unfor­ciert zu gestalten. Allen voran Stephan Rügamer, der in der perfekten Symbiose aus Stimme, Artiku­lation und Körper­sprache einen brillanten Loge abliefert. Tom Fox, der bei der Aufführung im Jahr 2013 noch den Wotan sang, gibt dem Alberich bedroh­liches Format. Dass die Höhe im Laufe des Abends matter wird, tut seiner charak­ter­starken Leistung kaum einen Abbruch. Dass man Agneta Eichenholz bereits das zweite Mal nach Genf einge­laden hat, um die Freia zu singen, ist angesichts dieses wunder­baren lyrisch-drama­ti­schen Soprans mehr als verständlich. Mit Taras Shtonda und besonders Alexey Tikho­mirov sind wuchtige Bässe für die Riesen Fafner und Fasolt aufge­boten. Sie gewinnen die Ausein­an­der­set­zungen mit Donner und Froh um Längen. Beide Götter sind regie­be­dingt selbst­ver­liebte Schwäch­linge. Aber auch stimmlich lassen es Stephan Genz und besonders Christoph Strehl an Format vermissen. Dan Karlström hat für den Mime den passenden Charak­ter­tenor, hat aber nach wie vor die Eigenart, die Höhe höher anzusetzen, als er müsste.  Polina Pastirchak, Carine Séchaye und Ahlima Mhamdi ergänzen sich zu einem homogenen Rheintöchter-Terzett.

Die Erda bekommt durch Wiebke Lehmkuhl einen sinnlichen Moment, der Wotans Interesse an ihr erklärt. Sie wird man im Siegfried wieder erleben. Ruxandra Donose macht auf ihren großen Moment in der Walküre neugierig, wenn sie als Fricka ihrem Mann Wotan den Plan vereiteln wird. Tómas Tómasson singt den jungen Götter­vater mit Volldampf, als würde am nächsten Abend nicht seine ganze Kondition gefordert werden. Er ist ein äußert dynami­scher Gott, der vielleicht erst handelt und dann denkt. Tómasson stattet ihn mit barito­naler Kraft, aber auch mit klugem Textver­ständnis aus. Auf die nächsten beiden Abende mit ihm darf man gespannt sein.

Vom Publikum gibt es viel Husten beim Vorspiel und in der Erda-Szene zu hören. Der Applaus hätte da auch etwas inten­siver ausfallen dürfen. Rhyth­mi­sches Klatschen ist doch immer etwas einfach. Für Rügamer, Tómasson und Fox gibt es viele Bravo-Rufe, ebenso für Dirigent und Orchester. Aller­dings fällt die erste Vorstellung nach dem Wieder­einzug in jeder Hinsicht überra­schend schlicht aus. Intendant Tobias Richter begründet das bei einer kleinen internen Premie­ren­feier damit, dass er alle Kräfte für die restlichen drei Abende des Rings schonen möchte. Bis auf eine Live-Übertragung eines Radio­senders, der sich in der präch­tigen Ètage noble ein kleines Studio aufgebaut hat, fällt dieser Abend also relativ schlicht und ohne Mätzchen aus.

 

Christoph Broermann

Teilen Sie O-Ton mit anderen: