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Vollendet das ewige Werk“ – um Wotan in Wagners Rheingold zu zitieren – wäre vielleicht ein bisschen zu viel des Überschwangs angesichts der Wiedereröffnung des frisch renovierten Grand Théâtre de Genève. Die Beschreibung Loges passt da schon besser: „Haus und Hof, Saal und Schloss, die selige Burg sie steht nun fest gebaut. Das Prachtgemäuer prüft ich selbst, ob alles fest forscht ich genau. … Kein Steine wankt im Gestemm.“ Tatsächlich liegt die Burg, pardon, das Theater, im Abendlicht so schön strahlend da, als wolle es vom Göttervater selbst bewundert werden. Da muss man innerhalb des Gebäudes schon ganz genau hinsehen, um ein paar wenige Schönheitsmäkel zu finden, zum Beispiel kleine Macken an Türen. Aber wer achtet schon auf Macken an Hintertüren, wenn es eine solche Pracht zu bestaunen gibt. Schon die Kassettendecken im Foyer atmen den Geist des Beaux-Art-Stils. Es ist schon bedauerlich, dass Wagner den Vorabend zum Ring des Nibelungen ohne Pause komponiert hat. Sonst hätte man mehr Zeit, durch die frisch renovierten Räume zu flanieren. Aber pünktlich um halb acht beginnt ja der Anfang vom Ende im berühmten Es-Dur. Aber von wegen Es-Dur. Das Brummen, das da zuerst im Raume schwebt, gehört zu keiner bekannten Tonart und schon gar nicht zu einem Musikinstrument. Es ist fast ein wenig bezeichnend, dass ausgerechnet ein technisches Problem dem berühmtesten Vorspiel die Show stiehlt.
Nach drei Jahren Renovierungszeit sollte der Opernbetrieb ja schon im letzten Jahr wieder aus seinem Übergangsquartier, dem Théâtre des Nations, wieder in das ehrwürdige Gebäude an der Place du Neuve einziehen. Dass sich der Auftakt nun um etwa fünf Monate verschoben hat, ist nach deutschen Maßstäben nur knapp fünf Minuten. Intendant Tobias Richter geht kein geringes Risiko ein, den Wiedereinzug mit dem Ring des Nibelungen zu feiern. Allerdings hat man ja seit 2013 die Inszenierung von Dieter Dorn vorrätig. Ob diese Arbeit dem feierlichen Anlass gerecht ist, wird sich über den ersten Zyklus noch zeigen müssen. Auf dem ersten Blick gehören die Lorbeeren Jürgen Rose, dessen Bühnenbild und Kostüme den Vorabend zu einem zeitlosen Märchen aufwerten. Passend zu den aufgebesserten Kunstwerken und Farben im Theater bedienen sich auch die Kostüme an einer sehr breiten Farbpalette und sind mit vielen Details liebevoll geschneidert. Wotan könnte sich seinen blauen Mantel fast von seinem griechischen Bruder Zeus ausgeliehen haben. Sein Speer ist kein Kriegsinstrument, sondern ein langer, gebogener Ast, der einst noch Teil der Weltesche war. In der Zusammenarbeit sind Dorn und Rose begeisterte Theatermacher, die mit modernen Mitteln das Weltendrama fast altmodisch erzählen. Der Kistenberg in der ersten Szene verwandelt sich mit Hilfe der Beleuchtung von Tobias Löffler quasi vor den Augen der Zuschauer in ein Riff, das von allerlei Getier umspielt wird. Das sind Statisten, die auf Rollschuhen unterwegs sind. In der Nibelheim-Szene präsentiert Rose dann die technischen Möglichkeiten des Theaters, das aus der Tiefe der Bühne nach oben gefahren wird. Versenkungen, Verwandlungseffekte, alles kein Problem. Einen altmodischen Riesenwurm, der sogar Rauch spucken kann, zieht man an Strippen über die Bühne, und die Kröte sieht man auch herumhüpfen.
So gut der optische Eindruck auch ist, so deutlich die Figuren auch gezeichnet sind, fehlt dem Abend doch eine wirklich zwingende Personenführung. Es ist eine schöne Abwechslung zu anderen Inszenierungen, dass Dorn auf einen Überaktionismus verzichtet. Aber dass Alberich über mehrere Minuten mit einem Bewegungsspielraum von zwei Metern vor dem Dirigenten hockt, ist dann doch sehr mager und gibt dem Opernabend eine gewisse Länge. Mit Heinz Wanitschek hat man sogar einen Spezialisten für Körpersprache im Team. Der Ausdruck der Figuren stimmt, aber die etwas konturlosen Abläufe sind zu mager für eine lebendige Oper wie das Rheingold. Der Einfall, dass Loge, sobald die Streicher das Motiv der Flammen ergreifen, sich um seine Gesprächspartner herumdreht, ist da einfach zu wenig.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Aber immerhin hören Dorn und Rose genau auf die Musik, mal abgesehen davon, dass der Regenbogenvorhang schon mit dem Donnerschlag herabfällt. Es ist sowieso ein Abend, an dem viele Kleinigkeiten szenisch wie musikalisch noch nicht hundertprozentig gelingen. Die Abstimmung zwischen Bühne und Orchestergraben passt noch nicht so recht. Allerdings kann man behaupten, dass sich das im Verlauf der zwei weiteren Zyklen einspielen wird und dann wird auch das Orchestre de la Suisse Romande sich noch mehr in diese mythische Welt eingefunden haben, die Dirigent Georg Fritsch am Pult formen möchte. Seine Interpretation geht am Premierenabend noch nicht ganz auf, macht aber Lust auf mehr. Bei ihm geht es nicht um dramatische Lautstärke, sondern um Stimmungen in diesem großen Musikfluss. Kleine Tempi-Wechsel in einem weiten Fluss sorgen für Abwechslung. So breit ausgedehnt hat man den Grund des Rheines schon lange nicht mehr gehört. Vielleicht hätte der etwas zähen Bewegung auf der Bühne ein italienischer Zugriff über manche Länge hinweg geholfen. Allerdings muss man sagen, dass eine Interpretation wie diese in der heutigen Zeit selten geworden ist. Sängerfreundlich und lyrisch darf dieser Wagner tönen, ohne dass es ihm an Ausdruckskraft mangelt.

Die Sänger nutzen die Möglichkeit, das Drama unforciert zu gestalten. Allen voran Stephan Rügamer, der in der perfekten Symbiose aus Stimme, Artikulation und Körpersprache einen brillanten Loge abliefert. Tom Fox, der bei der Aufführung im Jahr 2013 noch den Wotan sang, gibt dem Alberich bedrohliches Format. Dass die Höhe im Laufe des Abends matter wird, tut seiner charakterstarken Leistung kaum einen Abbruch. Dass man Agneta Eichenholz bereits das zweite Mal nach Genf eingeladen hat, um die Freia zu singen, ist angesichts dieses wunderbaren lyrisch-dramatischen Soprans mehr als verständlich. Mit Taras Shtonda und besonders Alexey Tikhomirov sind wuchtige Bässe für die Riesen Fafner und Fasolt aufgeboten. Sie gewinnen die Auseinandersetzungen mit Donner und Froh um Längen. Beide Götter sind regiebedingt selbstverliebte Schwächlinge. Aber auch stimmlich lassen es Stephan Genz und besonders Christoph Strehl an Format vermissen. Dan Karlström hat für den Mime den passenden Charaktertenor, hat aber nach wie vor die Eigenart, die Höhe höher anzusetzen, als er müsste. Polina Pastirchak, Carine Séchaye und Ahlima Mhamdi ergänzen sich zu einem homogenen Rheintöchter-Terzett.
Die Erda bekommt durch Wiebke Lehmkuhl einen sinnlichen Moment, der Wotans Interesse an ihr erklärt. Sie wird man im Siegfried wieder erleben. Ruxandra Donose macht auf ihren großen Moment in der Walküre neugierig, wenn sie als Fricka ihrem Mann Wotan den Plan vereiteln wird. Tómas Tómasson singt den jungen Göttervater mit Volldampf, als würde am nächsten Abend nicht seine ganze Kondition gefordert werden. Er ist ein äußert dynamischer Gott, der vielleicht erst handelt und dann denkt. Tómasson stattet ihn mit baritonaler Kraft, aber auch mit klugem Textverständnis aus. Auf die nächsten beiden Abende mit ihm darf man gespannt sein.
Vom Publikum gibt es viel Husten beim Vorspiel und in der Erda-Szene zu hören. Der Applaus hätte da auch etwas intensiver ausfallen dürfen. Rhythmisches Klatschen ist doch immer etwas einfach. Für Rügamer, Tómasson und Fox gibt es viele Bravo-Rufe, ebenso für Dirigent und Orchester. Allerdings fällt die erste Vorstellung nach dem Wiedereinzug in jeder Hinsicht überraschend schlicht aus. Intendant Tobias Richter begründet das bei einer kleinen internen Premierenfeier damit, dass er alle Kräfte für die restlichen drei Abende des Rings schonen möchte. Bis auf eine Live-Übertragung eines Radiosenders, der sich in der prächtigen Ètage noble ein kleines Studio aufgebaut hat, fällt dieser Abend also relativ schlicht und ohne Mätzchen aus.
Christoph Broermann