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Foto © Carole Parodi

Der Ring fängt Feuer

DIE WALKÜRE
(Richard Wagner)

Besuch am
13. Februar 2019
(Premiere)

 

Grand Théâtre de Genève

Vor und in den Pausen der Walküre, hat man Gelegenheit, dass frisch renovierte Grand Théâtre de Genève auf sich wirken zu lassen. Schon von außen strahlt das Gebäude von 1879 eine wunderbare Frische aus. Kein Wunder: Die Fassade wurde gesäubert, die an den Eingangs­türen platzierten Musen haben Putz erhalten und die weiteren Skulp­turen sind restau­riert worden. Das komplett renovierte Dach der Oper – eine bessere Energie­leistung war das Ziel – ist sogar von dem 1100 Meter hohen Hausberg Mont Salève gut im Häuser­gewirr der Stadt zu erkennen. Beim Betreten des Hauses ergibt sich durch die kühl und schlicht-elegante Eingangs­halle mit dem folgenden Atrium ein schöner Kontrast. Hier wurde mit einer warmen Holzver­tä­felung und schönen Struk­tur­mustern gearbeitet. Von der Origi­nal­decke war ein einziges Quadrat übrig­ge­blieben, aus dem das Team um die Archi­tekten Dulon und Ceccarini die ornament­reiche Kasset­ten­decke rekon­stru­ieren konnten. Betritt man vom Atrium den Zuschau­erraum, so wird man mit dem nächsten Kontrast überrascht. Denn das Auditorium, das eine leichte Steigung im Parkett, im Rang aber ein richtig starkes Gefälle zur Bühne vorzu­weisen hat, präsen­tiert sich im Stil der 1960-er Jahre. Im Jahr 1951 zerstörte ein Brand Bühne und Zuschau­erraum – und zwar ausge­rechnet, als der Feuer­zauber am Ende der Walküre geprobt wurde.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Vielleicht zeigen deshalb Regisseur Dieter Dorn und sein Bühnen­bildner Jürgen Rose die wachsenden Flammen nur auf einem Vorhang, der ironi­scher­weise am rechten Bühnenrand gar nicht mitspielen möchte. Die Furcht vor dem Feuer ist hier in Genf größer als Wotans Macht, der mit dem Feuer seine verbannte Tochter Brünn­hilde schützen möchte. Neben dem nicht ganz umspan­nenden Feuerring überlebt auch das Schwert Nothung den Schlag auf Wotans Speer. Auch wenn der Abend insgesamt sicherer abläuft als noch das Rheingold, bleibt immer ein gewisser Nerven­kitzel bestehen. Trotzdem nimmt der Ring nun mit dem ersten Tag richtig Fahrt auf. Dieter Dorn vermeidet weiterhin jeden Überak­tio­nismus, findet aber nun Wege, die Chemie zwischen den Figuren auf der Bühne zu entwi­ckeln. Ganz im Sinne von Wagners Musik lernen sich Siegmund und Sieglinde kennen. Noch besser gelingt der sonst so proble­ma­tische zweite Akt. Immer wieder diese Zwiege­spräche, Wotan – Fricka, Wotan – Brünn­hilde, Siegmund – Sieglinde, Brünn­hilde – Siegmund. Bei Dorn sind das spannende Begeg­nungen, an denen jede Figur wachsen kann. Das bekommt man als Zuschauer mit, da Bühnen­bildner Rose mit seinen Ideen den Blick fokus­siert. Dorn wählt eine Art sugges­tiven Monumen­ta­lismus. Da genügt für den ersten Akt ein großer Baum, ein paar Wände und schon entsteht vor dem Auge des Zuschauers die große Hütte Hundings.

Etwas proble­ma­tisch ist der an den Seiten offene Bühnenraum, da jede Stimme ab Bühnen­mitte so langsam aber sicher verloren geht. Aber, oh Wunder, da gibt es einen Dirigenten, der Wagner aus den Instru­menten heraus­kitzeln kann, ohne dass die Sänger darunter leiden müssen. Es ist schlicht und ergreifend bewun­dernswert, wie Georg Fritzsch auf die Sänger achtet. Dass die Instru­mente lauter sind als die Stimmen, kann man an einer Hand abzählen. Das Orchestre de la Suisse Romande findet sich so langsam in die Welt Wagners hinein. Noch immer mischen sich einige Fehltritte in die Musik, aber überwiegend tritt nun ein richtig schöner drama­ti­scher Fluss zu Tage, in dem man – dank Fritzsch – auch viele schöne Feinheiten vernimmt. Besonders gut hörbar ist die Weiter­ent­wicklung vom überwiegend natura­lis­ti­schen Rheingold zur Walküre, wo sich die harte Ebene des Krieges in die Musik mischt.

Auch bei einigen Sängern fühlt man eine gewisse Weiter­ent­wicklung des Charakters. Tómas Tómasson hat sich seine forsche, aktive Seite erhalten. Dazu kommt – passend zum musika­li­schen Motiv von Wotans Unmut – eine Ebene der Resignation zum Vorschein, die bei dem Bass-Bariton aber nie weinerlich wirkt. Tómasson wirft sich und seine wohltö­nende Stimme mit praller Lust in das Geschehen, übertreibt es dabei ein bisschen mit dem Text, wenn er die Umlaute dehnt und schleift. So wundert es nicht, dass er zum Ende der Akte zwei und drei ein bisschen mit der Kondition zu kämpfen hat. Den einzigen Kampf, den er aber verliert, ist der gegen seine Frau Fricka. In dieser Beziehung zeigt er auch unsym­pa­thische Züge. Ruxandra Donose wehrt sich mit Bravour und Argumenten. Wie sie im verletzten Stolz Wotan dazu zwingt, seinen Sohn zu töten, dass ist großes musika­li­sches Kino.

Foto © Carole Parodi

Alexey Tikho­mirov war schon als Fasolt großartig, der Hunding gelingt ihm mit schwarzer Tiefe und bedroh­licher Attitüde ebenso gut. Die anderen Haupt­rollen sind schon aus dem ersten Ring-Zyklus von 2013 bekannt. Petra Lang ist seitdem nicht nur in die Rolle der Walküre hinein­ge­wachsen, sondern sogar sehr stark gereift. Manche Töne schleift sie sehr stark an, ihre Konso­nanten gehen im drama­ti­schen Aufschwung etwas unter. Diese Attacke schafft sie aber immer noch mühelos und ohne jeglichen Schaden. Zudem haben nicht nur ihre Walküren-Rufe einen jugend­lichen Charme, sondern auch die Darstellung. Bei der kleinen Frage „Was hast du gedacht, dass ich erdulde?“ trifft Lang genau den Ton einer ängst­lichen Tochter, die die Strafe des Vaters fürchtet.  Der Abschied dann von Wotan ist einfach emotional, wenn sich die beiden weinend in den Armen liegen. Mehr braucht es gar nicht, um das deutlich zu machen.

Das Wälsungen-Paar ist seit dem ersten Zyklus ebenfalls deutlich gereift. Michaela Kaune hat etwas das Jugendlich-attraktive in ihrem Sopran verloren. Dafür aber ist ihre Sieglinde ausge­sprochen intel­ligent und sicher gesungen. Man kann mitfühlen, was sie in ihren Tönen mitteilen möchte. Bei Will Hartmann wäre vermutlich eine Ansage als indis­po­niert fällig gewesen. Sein Tenor klingt nur in der Mittellage souverän. Darüber hinaus wirkt er unsicher, auch wenn er sich manch hohen Spitzenton abtrotzen kann.

Trotz dieser kleinen Einschrän­kungen gelingt der erste Tag des Rings des Nibelungen sehr gut und macht neugierig, wie sich die Inter­pre­tation musika­lisch wie szenisch weiter­ent­wi­ckelt. Auch das Publikum hat das bemerkt und steigert seinen Applaus merklich.

Christoph Broermann

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