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Die Étage noble im ersten Stock des Grand Théâtre de Genève ist sozusagen der Höhepunkt der abgeschlossenen Renovierung des Hauses. Stilvoller, prachtvoller kann man sich kaum ein Foyer im Opernhaus vorstellen. Die vorher eher blassen Wände haben ihre Originalfarben zurückerhalten. Goldene Anstriche, beige- und zart rosafarbene Holzvertäfelungen sorgen für große Augen der Besucher. Fresken wurden gesäubert, Farben rekonstruiert, Tapisserien restauriert. Unglaubliche viele Details scheinen nur ein einziges Ziel zu haben: Den Zuschauer in Staunen zu versetzen. Ähnliches müssen sich Dieter Dorn und Jürgen Rose für den zweiten Abend des Rings des Nibelungen vorgenommen haben. Da wird nicht gekleckert, sondern vor allem in den ersten beiden Akten ein Bühnenbild herbeigeklotzt.
Der Wald als unheimliches Element der Natur beherrscht schon die Hinterbühne, wenn der keinesfalls schon resignierende Wotan Mimes Schmiede aus der Bühnentiefe nach oben fahren lässt und seinen Platz als Wanderer einnimmt. Die ist mit einem Dach auch noch dreidimensional bespielbar, was Dieter Dorn zu einer höchst lebendigen Personenführung hinreißen lässt. Da darf geklettert, gesprungen aber auch innegehalten werden, und ein Bär verschwindet rollend im Unterholz. Ein Schwert wird natürlich auch geschmiedet mit allem, was dazugehört: zischender Rauch, ein glühender Ofen sowie ein arbeitender Blasebalg. Zum Schluss des Aktes darf Siegfried sogar noch einen Amboss zerschlagen. Es ist ein grandioses Beispiel dafür, wie ansehnlich eine ganz klassische Inszenierung sein kann, wenn man die Musik Wagners als Grundlage nimmt und sie mit den heutigen Möglichkeiten und der Fantasie eines kreativen Teams kombiniert. Der zweite Akt wartet dann mit allerlei schönen Details auf. Ganz stark hat Dorn das Aufeinandertreffen von Licht- und Nachtalben inszeniert. Wotan und Alberich begegnen sich im vom Wind verwehten Laub wie die zwei Seiten einer Medaille. In den Kostümen von Rose und dazu in ihrer natürlichen Gestalt auch recht ähnlich sehen sie aus wie Brüder. Wotan in hellem Beige, Alberich schwarz. Roses Kostüme sind immer sehr passend zusammengestellt. Tobias Löffler sorgt mit dem Licht für die unterschiedlichen Stimmungen im Wald. Der besteht aus zwei großen, beweglichen Bäumen, die eher an mutierte Kakteen erinnern. Zahlreiche Statisten sorgen für Bewegungen in den mit Stoff bespannten Armen, die sich dann auch als Teile des Drachen Fafner offenbaren. Dessen riesiges Gesicht mit einem Herz darunter bläht sich im Hintergrund bedrohlich auf. Ganz putzig sind die von den Statisten geschwenkten Vögel, die Siegfried umkreisen. Geführt vom Arm der Sopranistin Mirella Hagen entsteht mit einem besonderen roten Vogel die Unterhaltung mit dem Waldvöglein, das den Helden zu Brünnhilde führen will.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Mit Beginn des dritten Aktes hören Rose und Dorn auf die sich geänderte Musikstimmung Wagners und kehren zu der konzentrierten Dekoration aus der Walküre zurück. Im schimmernden Nachtblau, eingerahmt von Wänden, begegnet Wotan der Urgöttin Erda. Der Brünnhildenfelsen wird später von hinten hineingefahren und auch diese oft sehr lange Szene weiß Dorn mit seiner klugen Personenführung zu füllen. Es sind manchmal Kleinigkeiten, die das Ganze aufwerten. Zum Beispiel der Blick, den die gerade erwachte Brünnhilde ihrem kleinen Grane zuwirft, der in dem Augenblick auch seinen Kopf hebt. Es bereitet einfach Freude, diesem Bühnengeschehen zuzusehen.
Und zu hören gibt es auch Großartiges: Da ist ein Siegfried aufgeboten, der diese Partie das Fürchten lehrt und nicht umgekehrt. Michael Weinius hat sich seit seinem Debüt an der Deutschen Oper am Rhein nochmals gesteigert. Nach wie vor ist er nicht der größte Schauspieler, aber er nimmt hier aktiv an der Szene teil. Einfach nur zum Staunen ist seine großartige gesangliche Leistung, die nicht nur von einer unermüdlichen Kondition getragen wird, sondern auch über einen wunderbaren Klang, der zu keinem Zeitpunkt eingebüßt wird. Die letzte Szene mit Brünnhilde wird zu einem richtigen Genuss, da sich Weinius und Petra Lang so richtig in Fahrt singen und die Begegnung vom unsicheren Helden und verstoßener Walküre glutvoll aussingen. Wie schon am Abend zuvor begeistert Lang mit dem differenzierten Einsatz ihres großformatigen Soprans.

Tómas Tómasson hat sich als Wotan etwas müde gesungen, was man in seinem letzten Aufbegehren gegen Siegfried hört. Davon mal abgesehen – denn das ist durch eine etwas bessere Einteilung der Kräfte in der Zukunft schnell behoben – gehört seine Interpretation zu den spannendsten der letzten Jahre. Er zeigt in Stimme und Körpersprache endlich mal nicht den resignierenden Tropf, sondern einen höchst autoritären, zielgerichteten Gott mit einer unglaublichen Energie. Auch Dan Karlstörm ist als Mime mit Begeisterung am Werk, beginnt stimmlich etwas unsicher und steigert sich dann stark bis zu seinem Ableben im zweiten Akt. Seine Neigung zu einer etwas zu hohen Intonation hat er größtenteils im Griff. Tom Fox‘ Alberich klingt schon etwas sehr angeraut, aber verfügt nach wie vor über eine gefährlich-lauernde Präsenz. Genau die hätte man sich von Taras Shtonda als Fafner auch gewünscht, aber der Bass wird zunächst zu weit hinten im Off und die oft eingesetzte elektronische Verstärkung positioniert, so dass da gar keine Bedrohung aufkommt. Erst sein Sterben vorne auf der Bühne hat dann die gewünschte Tragkraft. Mirella Hagen darf, wie schon erwähnt, ihren Part als Waldvöglein auf der Bühne singen, so dass man den Text nicht nur gut versteht, sondern auch genießen kann. Denn bei der Sopranistin klingt das unglaublich schön und leicht.
Was wäre dieser Abend ohne das Orchestre de la Suisse Romande? Wie entfesselt spielen die Musiker auf und erschaffen das ganze Panoptikum, das auf der Bühne geboten wird, auf ihre Art und Weise. Von den leichten Unsicherheiten der ersten beiden Opern ist nichts mehr zu spüren. Da wird mit einer Akkuratesse gespielt, dass dem Hörer das Herz aufgeht. Ganz zu schweigen davon, dass es das Bühnengeschehen und die ganze Entwicklung der Geschichte kongenial unterstützt. Georg Fritzsch betont in einem zügigen, aber nie überhetzten Dirigat in den ersten beiden Akten das spielerische Scherzo der Musik, um dann auch im dritten Akt wieder dem Weltendrama den Vorrang zu geben.
Der Applaus macht es deutlich, dass der Abend beim Publikum mehr als nur gut ankommt. Kräftiger, langer Applaus und laute Bravorufe sind eine mehr als angemessene Reaktion, zumal sich auch mittlerweile im Publikum diese Ignoranten breit machen, die nicht merken, dass die Musik angefangen hat und das Gespräch mit den Nachbarn rechtzeitig beenden. Aber man kann es trotzdem unter den Gästen spüren: Die Vorfreude auf die Götterdämmerung wächst nach diesem großartigen Abend gewaltig.
Christoph Broermann