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Sonntag, 15 Uhr. Draußen vor dem Grand Théâtre de Genève strahlt die Sonne. Im Zuschauerraum dagegen leuchtet die Milchstraße. Sie beherrscht die Decke des Auditoriums. Das Kunstwerk von Jacek Stryjenski hat eine komplett neue computerisierte Beleuchtung erhalten. Aber noch schöner ist es, wenn das Bühnenlicht auf die Galaxien fällt und die Stimmen in die Sterne aufzusteigen scheinen. Die LED-Leuchten sind kaum erloschen, da hebt Dirigent Georg Fritzsch den Taktstock, um die letzte Vorstellung des eröffnenden Ring-Zyklus zu beginnen. Wie immer hat er sich ruhig und ohne Applaus an sein Pult begeben. Leider haben sich für das Finale des Rings einige Möchtegern-Interessenten eingefunden, die ihr Bestes geben, um dem Klischee gerecht zu werden. Reden, Handyklingeln und Schnarchen sorgen für einigen Ärger an diesem Abend.
Nach dem kurzen Vorspiel haben die Nornen das erste Wort. In der Inszenierung von Dieter Dorn sind sie jeden Abend präsent. Wie Skarabäen rollen sie eine Dungkugel aus Seilen vor sich her. In der Götterdämmerung ist davon nur noch ein völlig chaotisches Knäuel übriggeblieben, das Seil reißt am Walkürenfelsen, ein Schreckmoment für die Erda-Töchter. Für die Zuschauer folgt er wenige Minuten später, als im Rang eine gläserne Lampenabdeckung laut scheppernd zu Bruch geht. Selbst eine professionelle Schauspielerin wie Petra Lang wird für einen Augenblick aus der Rolle geworfen. Zum Glück sind Schreck und Scherben das schlimmste, sonst ist nichts passiert, und der Abend kann weiter gehen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Dorn und sein Bühnenbildner Jürgen Rose bleiben ihrer Linie von einem traditionellen Märchentheater treu. Alles, was hier geschieht, wird mit guten, alten Theatermitteln erzeugt. Hinter der Kulisse der Gibichungenhalle wird mit einem Tuch der fließende Rhein gezeigt, und Siegfried kann tatsächlich auf einem Boot sein letztes Abenteuer ansteuern. So schlüssig Dorn diese lange Oper auch angeht, kann das sensationelle Opernereignis, das man mit Siegfried erlebt hat, nicht wiederholt werden. Dafür gibt es dann doch zu viele brav absolvierte Aktionen auf der Bühne. Der Chor stellt sich in westfälischen Reihen auf, Männer links, Frauen rechts, später darf man sich dann mischen. Zu den Stärken dieser Aufführung gehören dagegen wieder diese schönen Details, beispielsweise wenn Brünnhilde ihrem Ross Grane wieder begegnet. Auch das Farbenspiel aus dem Licht von Tobias Löffler und Roses Kostümen ist wie immer sehenswert. Brünnhilde trägt das göttliche Blau weiter, die Gibichungen Gunther und Gutrune kleidet ein edles Burgunderrot. Hagen ist, wie nicht anders zu erwarten, in schwarzem Mantel unterwegs, die Mannen tun es ihm gleich.
Apropos Mannen. Sie werden grandios und stimmgewaltig gesungen vom Chor des Grand Théâtre de Genève. Das liegt natürlich auch an der Einstudierung von Alan Woodbridge, aber vielleicht auch an dem neuen Chorraum, der im Zuge der Renovierung entstanden ist. Durch Grabungsarbeiten im Untergeschoss ist eine Fläche von 800 Quadratmetern erschlossen worden, die durch gläsernes Bodenpflaster auf dem benachbarten Boulevard mit Tageslicht versorgt werden. Davon profitiert nicht nur der Chor, sondern alle Abteilungen des Theaters, da so in allen Stockwerken andere Flächen neu genutzt werden können.
Die musikalische Qualität der Götterdämmerung bleibt erhalten, da sich Michael Weinius als auch Petra Lang in der gleichen Verfassung wie im Siegfried präsentieren. Weinius wagt sogar für die Waldvöglein-Erzählung ein Mezzavoce. Bis auf wenige Unsicherheiten hält er die Konzentration über den gesamten Abend. Seine Kondition wird nur noch übertroffen von seinem schönen Klang, den er sich über eine kraftvolle Schwurszene bis hin zu seinem berührenden Sterben bewahrt. Lang beherrscht diesen emotionalen Gesang fast noch besser. Ihre Brünnhilde lebt nicht nur von dramatischen Tönen, sondern vor allem von einer klugen Verinnerlichung, so dass sie jedem Part andere Farben geben kann. Von einer gebrochenen Frau kann sie sich in wenigen Minuten in eine wilde Furie verwandeln. Sie beendet die Oper mit einer furios vorgetragenen Abrechnung mit ihrem Vater Wotan.
Auf diesem hohen Niveau des Gesangs kann nur noch Mark Stone als Gunther mithalten. Sein kraftvoller, blendend geführter Bariton steht im Widerspruch zu der fast schwächlichen Person, die er verkörpert. Der Rest der Besetzung ist zwar ebenso engagiert, kann aber nicht zu dieser Leistung aufschließen. Jeremy Milners Hagen wirkt leider einstudiert, seine böse Präsenz lebt zu wenig. Die Höhe seines etwas fahlen Basses spricht sehr gut an, dafür bleibt die Tiefe blass. Agneta Eichenholz, die eine großartige Freia singt, ist stimmlich noch ein bisschen zu klein für die Gutrune – trotz ihres schönen Timbres. Auch Michelle Breedts Waltraute hätte man sich gerne etwas größer dimensioniert gewünscht. Den Rheintöchtern Polina Pastirchak, Carine Séchaye und Ahlima Mhamdi wurde nicht nur das Rheingold geraubt, sie haben auch ein wenig von ihrer Homogenität eingebüßt. Eine größere Wirkung hinterlassen die Nonen, auch weil Wiebke Lehmkuhl hier wieder ihren schönen Alt erklingen lässt, der sich gut mit den Stimmen von Roswitha Christina Müller und Karen Foster mischt. Tom Fox hat einen guten Kurzauftritt als Alberich.

Das Orchestre de la Suisse Romande hat sich die nötige Sicherheit erarbeitet, um diese gewaltige Oper mitreißend zu gestalten. Besonders den Streichern und Holzbläsern gebührt dabei das größte Lob für die intensiven Pianopassagen. Dass der Klangkörper im Forte manchmal etwas vorsichtig bleibt, ist eine Begleiterscheinung von Fritzsch‘ Interpretation, der wie immer darauf achtet, dass die Sänger in Sicherheit sind. In den großen Solomomenten zeigt sich das Orchester dann auch von seiner gewaltigen Seite. Sowohl der Trauermarsch als auch das Finale gelingen als große Tableaus. Auch auf der Bühne wird noch einmal tief in die Trickkiste gegriffen, bis die Götter aus dem Bühnenhimmel, in den sie am Ende des Rheingold aufgestiegen sind, hinabstürzen. Zurück bleibt die leere Bühne, bereit für ein neues Weltendrama.
Eine ganz andere Sicht auf das Ende bekommt man von Petra Lang zu hören. Sie berichtet, wie schön einfach es war, Brünnhildes Schlussgesang auf Konzerten zu singen. „Aber wenn man diese Partie über die vollen drei Abende singt, entwickelt man eine Mordswut auf den Alten“ und meint damit ihren Bühnenvater Wotan. „Da ist man wirklich froh, wenn man am Ende ins Feuer springen kann und alles ist vorbei“. Auch Intendant Tobias Richter freut sich über das Ende eines Etappenziels. Der erste Zyklus von dreien ist geschafft und das unter schwierigsten Umständen. Auch wenn die Bühne von den Renovierungsmaßnahmen ausgenommen war, hat ihre Technik doch unter den Bedingungen gelitten. Der Starttermin für die Premiere wanderte nach hinten. Die ständigen Verschiebungen brachten ihn in Besetzungsnöte. Aber trotz dieser widrigen Umstände hielt Richter an dem Ring fest. „Es war mir eine Herzensangelegenheit. Die Inszenierung von Dieter und Jürgen ist auf dieses Haus zugeschnitten. Hier wird so viel mit reinen Theatermitteln gearbeitet, dass sie genau für den Anlass der Wiedereröffnung prädestiniert ist.“ Eine intensive, anstrengende Zeit liegt hinter ihm und dem gesamten Team des Theaters, für die der scheidende Intendant nur Worte des Lobes übrighat. Hier hat jeder am gleichen Strang gezogen. Eine Aussage, die auch vom Dirigenten unterstrichen wird. „Keiner im Orchester hat auf die Uhr geschaut und mir zu verstehen gegeben, dass die Probenzeit vorbei ist. Die haben so lange gearbeitet, bis wir fertig waren.“ Für Richter hätte diese Götterdämmerung tatsächlich auch anders enden können. Die in der Loge herabstürzende Lampe verfehlt ihn nur knapp. Wie Wotan für Walhall muss auch für diese Wiedereröffnung ein hoher Preis gezahlt werden. Sänger, Regisseur, Musiker, Intendant, alle müssen durch eine Probenarbeit unter schwierigsten Bedingungen. Aber der Erfolg wird erkämpft. Das wichtigste daran ist, dass man nach außen hin nichts von diesem Kampf merkt. Stattdessen begegnet man gut gelaunten Künstlern, die als Team zusammengewachsen sind. Schaut man sich die Umstände der Wiedereröffnung und das künstlerische Ergebnis unter dem Strich an, so kann man einmal mehr auf die Worte Loges zurückgreifen. „Geraten ist ihm der Ring!“
Christoph Broermann