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Foto © Carole Parodi

Geraten ist ihnen der Ring

GÖTTERDÄMMERUNG
(Richard Wagner)

Besuch am
17. Februar 2019
(Premiere)

 

Grand Théâtre de Genève

Sonntag, 15 Uhr. Draußen vor dem Grand Théâtre de Genève strahlt die Sonne. Im Zuschau­erraum dagegen leuchtet die Milch­straße. Sie beherrscht die Decke des Audito­riums. Das Kunstwerk von Jacek Stryjenski hat eine komplett neue compu­te­ri­sierte Beleuchtung erhalten. Aber noch schöner ist es, wenn das Bühnen­licht auf die Galaxien fällt und die Stimmen in die Sterne aufzu­steigen scheinen. Die LED-Leuchten sind kaum erloschen, da hebt Dirigent Georg Fritzsch den Taktstock, um die letzte Vorstellung des eröff­nenden Ring-Zyklus zu beginnen. Wie immer hat er sich ruhig und ohne Applaus an sein Pult begeben. Leider haben sich für das Finale des Rings einige Möchtegern-Inter­es­senten einge­funden, die ihr Bestes geben, um dem Klischee gerecht zu werden. Reden, Handy­klingeln und Schnarchen sorgen für einigen Ärger an diesem Abend.

Nach dem kurzen Vorspiel haben die Nornen das erste Wort. In der Insze­nierung von Dieter Dorn sind sie jeden Abend präsent. Wie Skarabäen rollen sie eine Dungkugel aus Seilen vor sich her. In der Götter­däm­merung ist davon nur noch ein völlig chaoti­sches Knäuel übrig­ge­blieben, das Seil reißt am Walkü­ren­felsen, ein Schreck­moment für die Erda-Töchter. Für die Zuschauer folgt er wenige Minuten später, als im Rang eine gläserne Lampen­ab­de­ckung laut schep­pernd zu Bruch geht. Selbst eine profes­sio­nelle Schau­spie­lerin wie Petra Lang wird für einen Augen­blick aus der Rolle geworfen. Zum Glück sind Schreck und Scherben das schlimmste, sonst ist nichts passiert, und der Abend kann weiter gehen.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Dorn und sein Bühnen­bildner Jürgen Rose bleiben ihrer Linie von einem tradi­tio­nellen Märchen­theater treu. Alles, was hier geschieht, wird mit guten, alten Theater­mitteln erzeugt. Hinter der Kulisse der Gibichun­gen­halle wird mit einem Tuch der fließende Rhein gezeigt, und Siegfried kann tatsächlich auf einem Boot sein letztes Abenteuer ansteuern. So schlüssig Dorn diese lange Oper auch angeht, kann das sensa­tio­nelle Opern­ereignis, das man mit Siegfried erlebt hat, nicht wiederholt werden. Dafür gibt es dann doch zu viele brav absol­vierte Aktionen auf der Bühne. Der Chor stellt sich in westfä­li­schen Reihen auf, Männer links, Frauen rechts, später darf man sich dann mischen. Zu den Stärken dieser Aufführung gehören dagegen wieder diese schönen Details, beispiels­weise wenn Brünn­hilde ihrem Ross Grane wieder begegnet. Auch das Farben­spiel aus dem Licht von Tobias Löffler und Roses Kostümen ist wie immer sehenswert. Brünn­hilde trägt das göttliche Blau weiter, die Gibichungen Gunther und Gutrune kleidet ein edles Burgun­derrot. Hagen ist, wie nicht anders zu erwarten, in schwarzem Mantel unterwegs, die Mannen tun es ihm gleich.

Apropos Mannen. Sie werden grandios und stimm­ge­waltig gesungen vom Chor des Grand Théâtre de Genève. Das liegt natürlich auch an der Einstu­dierung von Alan Woodbridge, aber vielleicht auch an dem neuen Chorraum, der im Zuge der Renovierung entstanden ist. Durch Grabungs­ar­beiten im Unter­ge­schoss ist eine Fläche von 800 Quadrat­metern erschlossen worden, die durch gläsernes Boden­pflaster auf dem benach­barten Boulevard mit Tages­licht versorgt werden. Davon profi­tiert nicht nur der Chor, sondern alle Abtei­lungen des Theaters, da so in allen Stock­werken andere Flächen neu genutzt werden können.

Die musika­lische Qualität der Götter­däm­merung bleibt erhalten, da sich Michael Weinius als auch Petra Lang in der gleichen Verfassung wie im Siegfried präsen­tieren. Weinius wagt sogar für die Waldvöglein-Erzählung ein Mezzavoce. Bis auf wenige Unsicher­heiten hält er die Konzen­tration über den gesamten Abend. Seine Kondition wird nur noch übertroffen von seinem schönen Klang, den er sich über eine kraft­volle Schwur­szene bis hin zu seinem berüh­renden Sterben bewahrt. Lang beherrscht diesen emotio­nalen Gesang fast noch besser. Ihre Brünn­hilde lebt nicht nur von drama­ti­schen Tönen, sondern vor allem von einer klugen Verin­ner­li­chung, so dass sie jedem Part andere Farben geben kann. Von einer gebro­chenen Frau kann sie sich in wenigen Minuten in eine wilde Furie verwandeln. Sie beendet die Oper mit einer furios vorge­tra­genen Abrechnung mit ihrem Vater Wotan.

Auf diesem hohen Niveau des Gesangs kann nur noch Mark Stone als Gunther mithalten. Sein kraft­voller, blendend geführter Bariton steht im Wider­spruch zu der fast schwäch­lichen Person, die er verkörpert. Der Rest der Besetzung ist zwar ebenso engagiert, kann aber nicht zu dieser Leistung aufschließen. Jeremy Milners Hagen wirkt leider einstu­diert, seine böse Präsenz lebt zu wenig. Die Höhe seines etwas fahlen Basses spricht sehr gut an, dafür bleibt die Tiefe blass. Agneta Eichenholz, die eine großartige Freia singt, ist stimmlich noch ein bisschen zu klein für die Gutrune – trotz ihres schönen Timbres. Auch Michelle Breedts Waltraute hätte man sich gerne etwas größer dimen­sio­niert gewünscht. Den Rhein­töchtern Polina Pastirchak, Carine Séchaye und Ahlima Mhamdi wurde nicht nur das Rheingold geraubt, sie haben auch ein wenig von ihrer Homoge­nität eingebüßt. Eine größere Wirkung hinter­lassen die Nonen, auch weil Wiebke Lehmkuhl hier wieder ihren schönen Alt erklingen lässt, der sich gut mit den Stimmen von Roswitha Christina Müller und Karen Foster mischt. Tom Fox hat einen guten Kurzauf­tritt als Alberich.

Foto © Carole Parodi

Das Orchestre de la Suisse Romande hat sich die nötige Sicherheit erarbeitet, um diese gewaltige Oper mitreißend zu gestalten. Besonders den Strei­chern und Holzbläsern gebührt dabei das größte Lob für die inten­siven Piano­pas­sagen. Dass der Klang­körper im Forte manchmal etwas vorsichtig bleibt, ist eine Begleit­erscheinung von Fritzsch‘ Inter­pre­tation, der wie immer darauf achtet, dass die Sänger in Sicherheit sind. In den großen Solomo­menten zeigt sich das Orchester dann auch von seiner gewal­tigen Seite. Sowohl der Trauer­marsch als auch das Finale gelingen als große Tableaus. Auch auf der Bühne wird noch einmal tief in die Trick­kiste gegriffen, bis die Götter aus dem Bühnen­himmel, in den sie am Ende des Rheingold aufge­stiegen sind, hinab­stürzen. Zurück bleibt die leere Bühne, bereit für ein neues Weltendrama.

Eine ganz andere Sicht auf das Ende bekommt man von Petra Lang zu hören. Sie berichtet, wie schön einfach es war, Brünn­hildes Schluss­gesang auf Konzerten zu singen. „Aber wenn man diese Partie über die vollen drei Abende singt, entwi­ckelt man eine Mordswut auf den Alten“ und meint damit ihren Bühnen­vater Wotan. „Da ist man wirklich froh, wenn man am Ende ins Feuer springen kann und alles ist vorbei“. Auch Intendant Tobias Richter freut sich über das Ende eines Etappen­ziels. Der erste Zyklus von dreien ist geschafft und das unter schwie­rigsten Umständen. Auch wenn die Bühne von den Renovie­rungs­maß­nahmen ausge­nommen war, hat ihre Technik doch unter den Bedin­gungen gelitten. Der Start­termin für die Premiere wanderte nach hinten. Die ständigen Verschie­bungen brachten ihn in Beset­zungsnöte. Aber trotz dieser widrigen Umstände hielt Richter an dem Ring fest. „Es war mir eine Herzens­an­ge­le­genheit. Die Insze­nierung von Dieter und Jürgen ist auf dieses Haus zugeschnitten. Hier wird so viel mit reinen Theater­mitteln gearbeitet, dass sie genau für den Anlass der Wieder­eröffnung präde­sti­niert ist.“ Eine intensive, anstren­gende Zeit liegt hinter ihm und dem gesamten Team des Theaters, für die der schei­dende Intendant nur Worte des Lobes übrighat. Hier hat jeder am gleichen Strang gezogen. Eine Aussage, die auch vom Dirigenten unter­strichen wird. „Keiner im Orchester hat auf die Uhr geschaut und mir zu verstehen gegeben, dass die Probenzeit vorbei ist. Die haben so lange gearbeitet, bis wir fertig waren.“ Für Richter hätte diese Götter­däm­merung tatsächlich auch anders enden können. Die in der Loge herab­stür­zende Lampe verfehlt ihn nur knapp. Wie Wotan für Walhall muss auch für diese Wieder­eröffnung ein hoher Preis gezahlt werden. Sänger, Regisseur, Musiker, Intendant, alle müssen durch eine Proben­arbeit unter schwie­rigsten Bedin­gungen. Aber der Erfolg wird erkämpft. Das wichtigste daran ist, dass man nach außen hin nichts von diesem Kampf merkt. Statt­dessen begegnet man gut gelaunten Künstlern, die als Team zusam­men­ge­wachsen sind. Schaut man sich die Umstände der Wieder­eröffnung und das künst­le­rische Ergebnis unter dem Strich an, so kann man einmal mehr auf die Worte Loges zurück­greifen. „Geraten ist ihm der Ring!“

Christoph Broermann

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