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Foto © O-Ton

Schöne Melancholie

THE DOWLAND REALBOOK
(Hanna Herfurtner, Max Frankl)

Besuch am
22. März 2019
(Einmalige Aufführung)

 

10. Aequinox-Musiktage zur Tag- und Nachtgleiche,
Siechen­haus­ka­pelle Neuruppin

Endlich Frühling! Aber wer legt das eigentlich fest? Das Wetter ja wohl oft genug nicht. Nach astro­no­mi­scher Definition markiert die Tagund­nacht­gleiche oder das Äquinoktium den kalen­da­ri­schen Frühlings­anfang. In Berlin, wo die Lautten Compagney ihren Sitz hat, fällt die Tagund­nacht­gleiche in diesem Jahr auf den 20. März. Seit nunmehr zehn Jahren feiert die Lautten Compagney diesen schönen Termin am darauf­fol­genden Wochenende gemeinsam mit dem Förder­verein Siechen­haus­ka­pelle mit einem Festival in Neuruppin.

Neuruppin ist die Kreis­stadt des Landkreises Ostpri­gnitz-Ruppin im Norden des Landes Brandenburg mit rund 32.000 Einwohnern. Theodor Fontane ist hier geboren, daher trägt die Stadt den Beinamen Fonta­ne­stadt. Welche Vorzüge sie sonst noch aufweist, wird sich vielleicht im Laufe des Festivals der Aequinox-Musiktage zeigen. Auch wenn die Programm­punkte dicht gedrängt liegen. Nach dem Eröff­nungs­konzert im Kulturhaus Stadt­garten mit dem Schau­spieler und Regisseur Dominique Horwitz, der Sängerin Marielou Jacquard und der Puppen­spie­lerin Suse Wächter sowie der Lautten Compagney gibt es noch am selben Abend eine Spätvor­stellung an dem Ort, den man als Keimzelle des Festivals bezeichnen könnte.

Max Frankl – Foto © O‑Ton

Die Siechen­haus­ka­pelle wurde 1491 direkt an das Hospital gebaut. Von 1991 bis 2004 wurde die Kapelle unter Feder­führung von Gabriele Lettow restau­riert und dient seither allem, was Geld bringt, um das Gebäude zu erhalten, bevorzugt kultu­rellen Veran­stal­tungen. Auch in diesem Jahr dient das mittel­al­ter­liche Bauwerk wieder einer Veran­staltung der Aequinox-Musiktage. The Dowland Realbook klingt profaner, als es ist. Die Werke des Kompo­nisten und Poeten John Dowland als Zeitge­nosse Shake­speares sind seit jeher beliebter Gegen­stand von Inter­pre­ta­tionen. Da darf das Publikum gespannt sein, was das Festival diesem Dauer­brenner noch an Neuheiten abgewinnen kann. Schließlich brüstet es sich mit ungewöhn­lichen Auffüh­rungen an ungewöhn­lichen Orten. Bis auf den letzten Platz ist die Siechen­haus­ka­pelle besetzt. Die verschie­densten Sprachen schwirren durch den Raum.  Auf der Bühne liegt vor Beginn eine elektrische Gitarre auf einem Stuhl. Was hat ein solches Instrument mit Dowland zu tun?

Sopra­nistin Hanna Herfurtner und Gitarrist Max Frankl treten auf. Sie in alabas­ter­far­bener Bluse mit Kummerbund zu schwarzer Hose und roten Schuhen, er in gedeckter Kleidung mit braunen Schuhen. Soll ja alles en bisschen feierlich aussehen. Bei dem, was dann folgt, hätte Herfurtner auch in Sackleinen und Frankl in einer Mönchs­kutte auftreten können. Und das, obwohl die licht­tech­ni­schen Spiel­mög­lich­keiten an diesem Ort gegen null gehen. In der intimen Atmosphäre der liebevoll restau­rierten Minia­tur­kirche erzählt Herfurtner nach dem Auftaktlied Awake sweet love, wie die heutige Konstel­lation zustande kommt. Um den humor­vollen Vortrag abzukürzen, haben sich die beiden Musiker im Studium kennen­ge­lernt und jetzt zu diesem Projekt zusam­men­ge­funden. Es findet zusammen, was zunächst nicht so recht zusam­men­zu­passen scheint. Während Frankl in seinen Soli-Passagen mit Hall und Verzerrung, Loops und Delays nicht spart, nimmt er sich zu Herfurtners Gesang zurück. Deren Stimme ist für die Alte Musik geformt und erschließt die Dichtungen und Melodien von John Dowland und Henry Purcell kongenial.

Hanna Herfurtner – Foto © O‑Ton

Herfurtner kann nicht nur mit ihrem Gesang faszi­nieren, sondern begeistert auch mit ihren Erzäh­lungen und Vorträgen. Sie stellt den Abend unter das Lebens­gefühl zu Lebzeiten Dowlands, als Melan­cholie als schick galt. Und bis heute hat die Schwermut nichts von ihrer Faszi­nation verloren, birgt sie doch immer auch das Abgründige, das Unbekannte der Seele. Da mag jeder im bis auf den letzten Stehplatz vollbe­setzten Raum die eigenen Bezüge zur Gegenwart finden. Die Sängerin zerrt sie nicht herbei, verlässt sich lieber auf die Wirkung der schon ein wenig antiquiert wirkenden Texte von Timothy Bright – Die Störungen aus Treatise of Melan­choly – und Robert Burton – Freiwillige Einsamkeit aus Anatomy of Melan­choly – letzterer bis heute ein Klassiker.

Jeder Melan­cholie aller­dings wohnt auch ein Zauber inne. Dem Duo gelingt es, diesen Zauber in der Kapelle wachzu­rufen und über die Dauer der Aufführung aufrecht­zu­er­halten. Und obwohl an diesem Abend viel von Dunkelheit, Tränen und Hilflo­sigkeit, aber auch von – unerfüllter – Sehnsucht die Rede ist, darf er doch versöhnlich mit Henry Purcells An Evening Hymn schließen. Was in doppelter Hinsicht erfreulich ist, steht Herfurtner mit ihrer Stimme doch in keiner Weise der Inter­pre­tation von Emma Kirkby nach.

Ein großar­tiger, wenn auch wirklich langer, erster Festi­val­abend geht mit begeis­tertem Applaus zu Ende. Und wenn es etwas zu bemängeln gibt, ist das der Abend­zettel, der sich auf die Programm­ab­folge beschränkt. Hier hätte man dem Publikum sicher kaum geschadet, wären die – übersetzten – Liedtexte beigefügt worden.

Michael S. Zerban

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