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Foto © O-Ton

Nichts über China

DIE REISEN DES MARCO POLO
(Nehrkorn Textkombinat)

Besuch am
23. März 2019
(Einmalige Aufführung)

 

10. Aequinox-Musiktage zur Tag- und Nachtgleiche,
Kornspeicher Neumühle, Alt-Ruppin

Der frühe Vogel fängt den Wurm, ist eines der belieb­testen Sprich­wörter von Moral­aposteln und präse­nilen Bettflüchtern, die glauben, die Menschen mit erhobenen Zeige­fingern belehren zu können. Am Samstag­morgen um elf Uhr zu einer Aufführung erscheinen zu müssen, stellt eindeutig die Frage nach dem Sinn solcher Veran­stal­tungen. Braucht es wirklich den Kunst­genuss am Morgen? Oder ist eine kultu­relle Veran­staltung nicht doch eher etwas für den späten Nachmittag oder Abend? Fragen auf dem Niveau der Frage nach dem Frühschoppen. Den wird auch kein Bierlieb­haber missen wollen, während andere dem absolut nichts abgewinnen können. An diesem Morgen kommen immerhin rund 100 Zuschauer im Kornspeicher Neumühle in Alt-Ruppin zusammen, um sich einen beson­deren Kunst­genuss zu gönnen. Das Zauberwort dazu heißt Eva Mattes.

Der Kornspeicher Neumühle in Alt-Ruppin steht stell­ver­tretend für das, was man als Gast oder Tourist in Neuruppin oder dem Umfeld der Stadt erlebt. Neumühle, bestehend aus Herrenhaus, Ölmühle, Speicher, zwei Stall­ge­bäuden, Verwal­terhaus, Einfriedung und Park: Das sind die Infor­ma­tionen, die man auswringen kann. Wenn man vor Ort ist, erfährt man, dass es sich um ein Haus handelt, in dem es Antiqui­täten, Kunst­ge­werb­liches und Ähnliches zu kaufen gibt und in dessen ausge­bauten Speicher es wohl regel­mäßig kultu­relle Veran­stal­tungen gibt. In Sachen Kommu­ni­kation gibt es echten Optimie­rungs­bedarf in Neuruppin und Umgebung. Eine Besucherin, nach dem Gewässer befragt, an dem die Neumühle liegt, schaut erst mal in ihr mobiles Telefon. „Das muss der Molchow-See sein“, sagt sie dann. Doch, schon, sie ist hier aus der Gegend. Allein die Anreise ist erschwert. Weil das Naviga­ti­ons­system die angege­benen Adressen nicht kennt. Das entspricht den Erfah­rungen in der Stadt Neuruppin. Im Hotel gibt es keinen Stadtplan, wie er sonst auf der Welt jedem Gast als Willkom­mensgruß überreicht wird. Und wer einen Jugend­lichen befragt, der des Weges kommt, wo beispiels­weise das Kulturhaus Stadt­garten ist, wird hilfloses Achsel­zucken ernten. Da freut man sich über wie zufällig angebrachte Plaketten unter Straßen­schildern, die Auskunft über die Namens­nennung geben.

Eva Mattes – Foto © O‑Ton

Da muss es schon um Eva Mattes gehen, wenn man sich bemühen will, die Neumühle in Alt-Ruppin zu finden. Eine Schau­spie­lerin, die man in anderen Ländern als „Star“ bezeichnen würde. Aber eigentlich ist sie viel mehr als ein Glamour-Faktor. Abseits landläu­figer Schön­heits­ka­te­gorien hat sie ihre Karriere absol­viert. Mit viel Charisma und Fleiß hat sie sich ihre Boden­haftung bewahrt und ganz auf ihre Stärken konzen­triert. Die Tatort-Kommis­sarin, die sie vierzehn Jahre lang gab, zeigte wenig davon, hat ihr aber auch nicht geschadet. Hier, in Alt-Ruppin, darf das Publikum die echte Mattes und ihre ganze Kunst­fer­tigkeit erleben. Das Programm ist ihr auf den Leib geschneidert.

Für Die Reisen des Marco Polo oder Nichts über China! hat sich das Nehrkorn Textkom­binat mit Il Milione von Marco Polo ausein­an­der­ge­setzt und daraus eine Szenen­folge exzer­piert, in der Briefe Polos an eine fiktive Geliebte verlesen werden. Ausgehend von der These, dass es sich bei Marco Polo eher um einen italie­ni­schen Karl May handelte, wird in den Briefen der Begriff China „nach Möglichkeit“ vermieden. Die Idee an sich ist schon köstlich. Und der Vortrag von Mattes ist eine wahre Lust. Mit ihrer Modula­ti­ons­fä­higkeit gelingt es ihr nicht nur, Komik und Ironie wunderbar heraus­zu­ar­beiten, Fanta­sie­wörter mit der größten Selbst­ver­ständ­lichkeit zu vermitteln, sondern auch, die zahlreichen Bilder so plastisch darzu­stellen, als spaziere man gerade selbst mit ihr durch die Gegend.

Ein großar­tiges Vergnügen, das Steigerung durch die Verqui­ckung mit der Musik erfährt, die die Lautten Compagney aus Berlin unter der musika­li­schen Leitung von Wolfgang Katschner zwischen die Leseab­schnitte mischt. Da treffen unter anderem Melodien von Claudio Monte­verdi, Pierre Phalèse oder Dario Castelli auf die chine­si­schen Weisen, die von Wang Weiping auf der Pipa, einer Schen­kel­hals­laute, vorge­tragen werden.

Am Ende des kurzwei­ligen und origi­nellen Vormittags ist die Begeis­terung groß und längst der frühe Beginn vergessen. Ein Merkmal der Aequinox-Musiktage ist, dass von hier aus viele Programme tournieren. Es besteht also Hoffnung darauf, diese wirklich hervor­ra­gende Produktion noch einmal woanders zu erleben. Auf die Gäste des Festivals wartet derweil schon die nächste Aufführung an einer anderen Spiel­stätte. Wer hier alle Veran­stal­tungen wahrnehmen will, sollte sich an diesem Wochenende nichts anderes mehr vornehmen.

Michael S. Zerban

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