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TRIONFO DEI PIFFARI
(Capella de la Torre)
Besuch am
23. März 2019
(Einmalige Aufführung)
10. Aequinox-Musiktage zur Tag- und Nachtgleiche,
Evangelische Kirche Fehrbellin
Es gehört zur guten Tradition der Aequinox-Musiktage zur Tag- und Nachtgleiche, auch Spielstätten im Umfeld von Neuruppin zu entdecken. Eine davon ist die evangelische Stadtkirche in Fehrbellin. Von Friedrich August Stüler entworfen, wurde sie 1867 erbaut. Da war die heute rund 9.000 Einwohner umfassende Stadt längst historischer Boden. Theaterfreunde wissen das. Schließlich hat Heinrich von Kleist in seinem Stück Prinz Friedrich von Homburg die siegreiche Schlacht des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg im Schwedisch-Brandenburgischen Krieg in Fehrbellin als Ausgangssituation gewählt.
Noch weiter zurück in der Geschichte geht an diesem Samstagnachmittag die Capella de la Torre, die in der Stadtkirche Instrumentalmusik des 16. und 17. Jahrhunderts vorstellt. Die sechsköpfige Gruppe gehört nach eigenen Angaben zu den weltweit führenden Ensembles für Bläsermusik der frühen Neuzeit. Ein großer Teil ihres Erfolges ist sicher dem Verständnis der historischen Aufführungspraxis zuzuschreiben, nach dem die Arbeit nicht nur in Proben und auf der Bühne, sondern auch in historischen Archiven und Bibliotheken stattfindet. Das soll sich auch im Namen der Gruppe widerspiegeln, der einerseits eine Hommage an den Spanier Francesco de la Torre darstellt. Der hat Anfang des 16. Jahrhunderts das wohl berühmteste Stück für eine Bläserbesetzung komponiert, die Danza alta. Zum andern spielt der Name auf die damaligen Auftrittsorte der Stadtpfeifer an – und das waren eben unter anderem die Türme einer Stadt. Warum allerdings mit Trionfo dei Piffari der Name des Programms, das die Capella präsentiert, unbedingt italienisch sein muss, will sich nicht so recht erschließen.

Zumindest deuten die Namen der Musiker nicht zwingend auf einen italienischen Migrationshintergrund. Die Leitung des Ensembles obliegt der Oboistin und Schallmei-Expertin Katharina Bäuml. Den Pommer, eine große Schallmei, bläst Birgit Bahr. Der Dulzian, ein Vorläufer des Fagotts, und verschiedene Flöten liegen Annette Hils gut in der Hand. Falko Munkwitz beschränkt sich an diesem Nachmittag auf die Posaune. Ergänzend treten Ulrich Wedemeier mit Laute und Gitarre sowie der Spaßmacher der Truppe, Peter Alexander Bauer, an den Percussions hinzu.
Es gehört in Kirchen ja zu den beliebten Überraschungseffekten, dass die Musiker nicht einfach die Bühne betreten, sondern sich zunächst am Eingang sammeln, um dort das erste Stück zu spielen. Das gelingt auch der Capella de la Torre ganz wunderbar. Und während die übrigen Musiker durch die Seitengänge zum Altarraum eilen, bewegen sich Bäuml und Bahr zum Spiel von Ecco la primavera – Das ist also der Frühling – durch den Mittelgang zur Bühne. Nach einer Ciaconna vor der Bühne beginnt ein abwechslungsreiches Programm, das von Bäumls gelungener Moderation durchbrochen wird. Da erfährt das Publikum viel über eine längst vergangene Zeit, in der es vornehmlich den deutschen Stadtpfeifern durchaus gut ging. Diese kopierfreudigen Gesellen, die zumeist in ordentlichen Anstellungsverhältnissen in den Städten zu Begräbnis, Feiertagen, Tanz und Kirchenereignissen aufspielten, trugen ihre Musik in andere Länder und sorgten so für einen deutlichen Einfluss der deutschen Musik. Also doch eher Triumph der Stadtpfeifer? Heinrich Isaak beispielsweise war es nach Recherchen von Bäuml, bei dem zum ersten Mal der Begriff der bataglia auftauchte. Auf zur Schlacht! Auch zu Beginn einer Schlacht wurden die ausziehenden Heerscharen ja gern von Musik begleitet und umso mehr, wenn die Herrschaft erfolgreich aus einem erfolgreichen Gefecht wieder in die Stadt einzog.
Mindestens so eindrucksvoll präsentieren sich die Musikanten dieses Nachmittags. Selbst die Kirchenmusik dieser Tage klingt fröhlicher als in späteren Zeiten. Dafür scheinen die Tänze ziemlich viel komplizierter. Bäuml erzählt von Notenblättern, auf denen die Schrittfolgen mehr Platz einnehmen als die eigentlichen Noten. Dass die Liebeslieder jener Zeiten – sieht man von den Instrumenten ab – sich gar nicht so viel von den Schlagern der Gegenwart unterscheiden, verwundert niemanden mehr. Strukturell bedingt gab es allerdings sehr viel mehr Raum für Improvisationen. Was sich mehr den Insidern erschließt, sieht man von Bauer ab, der sich auf seiner Landsknechttrommel den einen oder anderen Parforce-Ritt leistet – sehr zur Freude seiner Kollegen und des Publikums.
So erfreulich sich dieser Ausritt in die Gefilde der Vergangenheit gestaltet: Am Ende ist das Publikum froh, dass die spielfreudigen Musiker endlich fertig sind. Denn auch wenn Decken und Sitzkissen vor dem Konzert verteilt wurden und erfahrene Festivalbesucher mehrere Pullover im Gepäck haben, ist es einfach zu kalt im Gotteshaus. Da helfen auch nicht die Berichte von Festivalbesuchern, die sich an sehr viel kältere Konzerterlebnisse erinnern. Immerhin bleibt so auch ein Eindruck von den mitunter weniger gemütlichen Arbeitsbedingungen der Stadtpfeifer, wenn sie auf zugigen Türmen einfach nur Zeitsignale ertönen lassen mussten.
Michael S. Zerban