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Foto © Christoph Krey

Wahnsinnige an die Macht

KÖNIG LEAR
(William Shakespeare)

Besuch am
19. Juni 2019
(Gastspiel)

 

Shake­speare-Festival, Globe-Theater Neuss

Die Gründe, warum Festivals und immer mehr Festivals gegründet werden, sind so vielschichtig wie das Leben selbst. Dass ein Festival erfolg­reich wird und bleibt, ist letztlich aber immer auf einen Grund zurück­zu­führen. Es bietet etwas Außer­ge­wöhn­liches, das Menschen von nah und fern und immer wieder anlockt. Das kann schon mal die ganz besondere Atmosphäre, das können schon mal ausge­fallene bauliche Anord­nungen sein, letztlich funktio­nieren aber weder der „(Shakes-)Biergarten“ noch die Burgruine, wenn das Festi­val­pro­gramm nicht das Ausge­fallene bietet, das die Besucher über viele Stunden auf oft unbequemen Sitzge­le­gen­heiten verbringen lässt.

Beim Shake­speare-Festival in Neuss kommen sicher mehrere Gründe zusammen. Eine angenehme Anreise auf einen kosten­freien Parkplatz, Service-Personal, das sich wirklich bemüht, an alles zu denken, ein ungewöhn­liches, aber kusche­liges Festival-Areal, eine ausge­fallene Spiel­stätte mit dem Globe-Theater – und eben ein Programm, das sich immer wieder durch origi­nelle Auftritte auszeichnet. Zu den Festival-Teilnehmern der ersten Stunde gehört die Bremer Shake­speare Company, deren Name auf dem Festi­val­ge­lände mit Wohlklang genannt wird. Aber in diesem Jahr ist wohl der Wurm drin. Nach der verun­glückten Aufführung von der Wider­spens­tigen zwei Tage zuvor, steht jetzt König Lear auf dem Zettel. Vorab aber sind die Besucher mit einem ganz anderen Thema beschäftigt. Das erste Gewitter seit Tagen geht über Neuss hinab. Es hatte sich den ganzen Tag über schon angekündigt, aber pünktlich zum geplanten Wechsel vom Festival-Zentrum zum Globe-Theater öffnen sich die Himmels­schleusen. Selbst­ver­ständlich haben die Helfer das alles im Griff. Mit Schirmen stehen sie bereit, um die Gäste trockenen Hauptes in die Spiel­stätte zu geleiten. Und wer erst mal im geschützten Bau ist, kann das Prasseln des Regens auf das Dach des Theaters sogar als atmosphä­rische Ergänzung genießen.

Foto © Christoph Krey

Damit den aufre­gendsten Moment des Abends beschrieben haben zu wollen, wäre sicher übertrieben. Aber weit davon entfernt ist die Insze­nierung von Bernd Freytag nicht. Um seinen Regie-Ansatz mit minima­lis­tisch zu beschreiben, fehlt es an der künst­le­ri­schen Qualität. Einfallslos, lieblos, fanta­sielos trifft diese Aufführung eher. Wieder hat die Bremer die Einladung nach Neuss nicht beflügeln können, sich über die Spiel­stätte Gedanken zu machen, die sich so hervor­ragend für dreidi­men­sionale Einsätze anbietet. Vielmehr erinnert das an eine Schul­theater-Produktion im Niedrig-Etat-Bereich. Christine Gottschalk hat als Bühne drei Etageren im Hinter­grund neben­ein­ander aufgebaut, über die es ständige Auf- und Abtritte gibt. Als besondere Attraktion versammelt sich der Chor hinter den Etageren und stützt die Hände vornüber­ge­beugt darauf. Bei den Kostümen hat Heike Neuge­bauer auf histo­risch anmutende Gewänder zurück­ge­griffen, spröde und nur entfernt die – wechselnden – Macht­struk­turen andeutend. Die Tonein­spie­lungen von Mark Polscher klingen technisch wie künst­le­risch dilet­tan­tisch. Ob Bernd Wolf und Thomas Rechter, eigentlich für das Licht zuständig, überhaupt anwesend sind, ist nicht bekannt. Aber so viel Putzlicht hat man selten gesehen. Freytag verlangt vom Ensemble nicht viel. Eine aufwändige Gangart des Narren, kuriose Fortbe­we­gungs­arten, wenn es darum geht, Gloucester nach Dover zu bringen. Schlicht blödsinnig. Und das ist alles in allem ziemlich ungerecht gegen das Ensemble, dem man anmerkt, dass hier sehr viel mehr möglich gewesen wäre.

Mit Erik Roßbander einen King Lear zu erarbeiten, muss ein Füllhorn an Möglich­keiten darstellen. Eine Andeutung davon ist an diesem Abend zu spüren. Cordelia wird hier als verstörte Cordelia inter­pre­tiert, die schließlich als Jeanne d’Arc autis­tische Züge annimmt. Theresa Rose nimmt dazu Positionen ein und verharrt darin. Und sie bekommt keine Möglichkeit, ihre Wut über eine derart eindi­men­sionale Darstellung zu äußern. Mit Svea Maiken Auerbach als Goneril und Petra-Janina Schulz als Regan hat Freytag zwei großartige „böse“ Schwestern zur Verfügung. Die steifen Auftritte zeigen keinen Hochmut, sondern Einfalls­lo­sigkeit des Regis­seurs. In Bruch­teilen von Momenten dürfen die Schau­spie­le­rinnen zeigen, dass da viel mehr möglich gewesen wäre. Ein wahrer Licht­blick ist Tobias Dürr als Narr und Kent, die bei fehlenden Kostüm­wechseln kaum ausein­an­der­zu­halten sind. Aber das ist zu diesem Zeitpunkt auch schon egal. Peter Lüchinger stellt den Grafen Gloucester dar, der sich weiße Schminke über die Augen schmiert, um zwei heraus­ge­rissene Augen zu zeigen. Dank seiner Überzeu­gungs­kraft nimmt man ihm das ab, obwohl das wirklich weniger als das Minimum an Dramatik ist. Gleich vier Rollen übernimmt Markus Seuß und befindet sich damit im Umkleide-Stress. Er übernimmt das mit der nötigen Profes­sio­na­lität und schafft damit noch weniger Versprecher als die anderen. Tim Lee sorgt in seiner Sterbe­szene als Edmund gar für unfrei­willige Lacher. Für ein Drama dann wohl das endgültige Todesurteil.

Offenbar hat sich auch dieses Stück niemand im Vorfeld angesehen, obwohl es bereits vor fünf Jahren Premiere hatte. Damit hat sich die Bremer Shake­speare Company nicht nur zum zweiten Mal ein Armuts­zeugnis ausge­stellt, sondern auch das Festival schon in der ersten Woche in eine ziemliche Schieflage gebracht. Darüber kann auch der überschwäng­liche Applaus des Publikums an diesem Abend für die Schau­spieler nicht hinwegtäuschen.

Am kommenden Wochenende tritt das Opern­studio der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg mit Shake­speare at the Opera an. Auch, wenn noch nicht ganz klar ist, was Shake­speare mit der Oper zu tun hat, sind schöne Stimmen schon jetzt garan­tiert. Eine gute Gelegenheit also, dem Festival die nötige Wendung zu geben.

Michael S. Zerban

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