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SHAKESPEARE AT THE OPERA
(Ville Enckelmann, Eva Hölter)
Besuch am
23. Juni 2019
(Einmalige Aufführung)
Das Opernstudio der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg bietet jungen Sängern im Anschluss an das Studium eine in der Regel zweijährige Aus- und Fortbildung, um ihr Repertoire zu erweitern und den praktischen Bühnenbetrieb kennenzulernen. Nach Angaben der Rheinoper sind die aktuellen acht Teilnehmer aus einem Auswahlverfahren mit knapp 400 Mitbewerbern hervorgegangen und stammen aus sieben Ländern. Bis vor einigen Jahren entwickelte das Opernstudio noch vielbeachtete Eigenproduktionen. Jetzt ist es – abgesehen von Meisterklassen- oder Sponsorenkonzerten – erstmals wieder als geschlossene Formation beim Neusser Shakespeare-Festival zu erleben.
Das Interesse am Nachwuchs ist groß. Das Globe-Theater ist am Sonntagabend ausverkauft. Und das, obwohl kein Best-of-Arienabend, sondern Shakespeare at the Opera auf dem Programm steht. Auch hier hätte es die Möglichkeit gegeben, sich auf eine Hitparade einzulassen, um sich einem nicht so opernerfahrenen Publikum anzubiedern. Das Opernstudio verzichtet auch darauf weitestgehend. Ville Enckelmann, Korrepetitor und Musikalischer Leiter des Opernstudios, und Eva Hölter, zuständig für die Organisation, haben mit Hilfe von Anna Grundmeier ein Programm entwickelt, das auch durchaus Unbekanntes mitberücksichtigt. Und siehe da: Das Publikum zeigt sich begeistert, obwohl es nicht einmal irgendwelche Übersetzungshilfen gibt.
Es mag durchaus sein, dass schon die gelungene Eröffnung für das richtige Klima sorgt. Denn für diesen Abend hat das Opernstudio den Schauspieler Moritz Führmann verpflichtet. Schon mit dem Vortrag von Sonett Nummer acht und dem Monolog Die ganze Welt ist Bühne fesselt Führmann die Besucher, ehe Maria Boiko und Andrés Sulbarán ihr erstes Duett aus der selten gezeigten Oper Béatrice et Bénédict von Hector Berlioz vortragen. Beide wie die anderen Opernstudio-Teilnehmer auch in luftiger Leinenbekleidung, die an Shakespeare erinnern soll. Stefanie C. Salm hat die Kostüme ausgewählt, von denen auch gleich noch einige an einer Garderobenstange im Hintergrund der Bühne hängen. Davor ist ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen platziert. Auf der anderen Bühnenseite ist der Flügel und ein weiterer Stuhl untergebracht. Das muss an Requisiten reichen. Boiko und Sulbarán zeigen gleich mit Comment le dédain pourrait-il mourir? auch, wie schön das funktioniert. Mit ausgewogener Bewegung und gegenseitigem Blickkontakt entsteht ein ausgeglichener Gesamteindruck, der fast über den gesamten Abend beibehalten wird. Dazu tragen auch die wenigen Lichteffekte von Volker Weinhart bei, der stimmungsvoll, aber zurückhaltend leuchtet.

Nach einem weiteren Intermezzo von Führmann, das wieder mit kleinen Klaviereinsprengseln begleitet wird, tragen Sulbarán und seine beiden Kollegen Sebastià Peris und Andrei Nicoara das Terzett Me marier? Dieu me pardonne! vor. Vom ersten Balkon aus erschallt das Duett von Karina Repova und Daria Muromskaia Vous soupirez, madame! – Le bonheur oppresse mon âme!, ehe sich das Ensemble zum Trinklied des Somarone Le vin de Syracuse, hier interpretiert von Andrei Nicoara, wieder im Erdgeschoss versammelt. Das Duett L’amour est un flambeau, ebenfalls von Boiko und Sulbarán vorgetragen, beschließt den kleinen Reigen um Béatrice und Bénédict.
Einen kleinen Ausflug in die Oper Hamlet von Ambroise Thomas eröffnet Führmann mit der Rede Hamlets an die Schauspieler. Wunderbar, wie er auch hier auf jede Deklamation verzichtet und so die Rede in die Gegenwart verlegt. Sehr zum Vergnügen des Publikums wird sein nächster Auftritt als Ophelia in Frauenkleidern erfolgen, nachdem Maria Carla Pino Cury und Sebastià Peris das Duett von Ophelia und Hamlet Doute de la lumière … mais ne doute jamais de mon amour absolviert haben. Abschließend erklingt die Wahnsinnsarie der Ophélie A vos jeux, mes amis … Pâle et blonde dort sous l’eau profonde.
Selbstverständlich darf bei aller Exotik eines Programms über Shakespeare ein Ausflug zu Roméo et Juliette von Charles Gounod nicht fehlen. Schließlich gibt es da den Walzer der Juliette Je veux vivre, den man ja gar nicht oft genug hören kann. Wenn er denn vibratofrei vorgetragen wird. Dass Daria Muromskaia sich dabei am Geländer des ersten Balkons festhält, mag ihrer Aufregung geschuldet sein, verschenkt aber die Gelegenheit, der Arie noch mehr Schwung zu verleihen. Auch Sulbarán kann mit seiner Arie des Roméo Ah, leve-toi soleil nicht ganz zufrieden sein, wenn er hier viel Volumen, aber weniger Ausdruck zeigt.
Nach so viel Gefühl ist es dann Zeit für Unterhaltsameres. Und so geht es nach einem Ausflug in Form des Duetts Reverenza! – Buon giorno buona donna mit Nicoara und Repova zu Giuseppe Verdis Falstaff weiter zu den Lustigen Weibern von Windsor, der Verarbeitung des Falstaff-Stoffs von Otto Nicolai. Hier gilt es, den wunderbar dunklen Bass von Sargis Bazhbeuk-Melikyan in Falstaffs Lied Als Büblein klein zu bewundern, um schließlich noch die Arie des Fenton Horch, die Lerche singt im Hain vom ersten Balkon zu hören, die Sulbarán mit Gefühl und Körperbewegung intoniert. Mit der Musical-Fassung von Cole Porter, in der der Widerspenstigen Zähmung erzählt wird, nämlich in dem Stück Kiss me Kate, ist der Abend dann endgültig bei der leichten Muse angekommen, was Karina Repova und Sebastià Peris kaum anzuhören ist. Ob Wunderbar, Kampf dem Mann oder Dein für alle Zeit klingt doch alles eher so, als trügen Opernsänger Musical-Songs vor. Die schönen Stimmen entschädigen aber voll und ganz für die fehlende Leichtigkeit. Die letzten beiden Stücke muss man dann schon gedanklich als Zugabe nehmen, denn die wird es nicht geben. Für den Gassenhauer Schlag nach bei Shakespeare hat sich das Opernstudio zwei weitere Gäste eingeladen. Cornel Frey und Florian Simson besitzen die nötige Souveränität und den Humor, diesen Schlager locker-flockig vorzutragen. Die beiden Sänger bleiben dann auch gleich auf der Bühne, um das Ensemble bei seinem letzten Ausflug zu Giuseppe Verdis Falstaff zu unterstützen, wenn es denn im Kanon heißt: Tutto nel mundo è burla – Alles ist Spaß auf Erden.
Dem Opernstudio ist es gelungen, einen abwechslungsreichen und kurzweiligen Abend mit durchaus ein paar großen Momenten auf die Bühne zu bringen, mit dem die Sänger zeigen konnten, dass es heute neben stimmlicher Technik auch auf Textverständlichkeit und Spielfreude ankommt. Und obwohl es auch im ansonsten schön gemachten Programmheft – mit einigen Abweichungen im Programm – keinen Zugang zu den gesungenen Texten gibt, bedankt sich das Publikum erst mit Zwischenapplausen, am Ende dann mit Trampeln und langanhaltendem Beifall. Da darf man den Nachwuchssängern gratulieren.
Michael S. Zerban