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Foto © Christoph Krey

Souverän und knackig

WAS IHR WOLLT
(William Shakespeare)

Besuch am
24. Juni 2019
(Premiere)

 

Shake­speare-Festival, Globe-Theater Neuss

Manchmal weiß man nicht, was man dem Neusser Shake­speare-Festival mehr wünschen soll, was das Wetter angeht. Regen schreckt die Menschen vom Besuch ab, bei Sonnen­schein heizt das Globe-Theater mächtig auf. Heute gehen die Tempe­ra­turen über 30 Grad. Das Theater ist komplett ausver­kauft. Und das Service-Personal zeigt sich vorbe­reitet. Fächer werden zum Kauf angeboten, beim Einlass gibt es für jeden, der möchte, eine Flasche Wasser. Dass selbst solche Maßnahmen nicht ausreichen, wird sich später zeigen.

Wie in jedem Festival-Jahr kommt auch heuer eine Insze­nierung eines Shake­speare-Stücks des Rheini­schen Landes­theaters Neuss zur Aufführung, die am 19. Januar dieses Jahres Premiere auf der Bühne des Landes­theaters feierte, ehe sie jetzt im Globe-Theater gezeigt wird. Dieses Jahr sind drei Auffüh­rungen von Was ihr wollt in der Insze­nierung von Alexander Manusch vorge­sehen. Eine Komödie „mit Schmackes“, die turbulent insze­niert sein will. Achim Naumann d’Alnoncourt richtet die Bühne im Globe-Theater intel­ligent mit wenig Aufwand ein. Auf dem ersten Balkon gibt ein Vorhang Gelegenheit für Auftritte und schwung­volle Abgänge. Im Erdge­schoss gibt es auf der linken Seite eine Stiege und eine Leiter, die bis zum Balkon führt. Eine Tür eröffnet zusätz­liche Möglich­keiten für Abgänge. Im Hinter­grund bietet eine halbtrans­pa­rente Fläche Platz für Projek­tionen, die nettes Beiwerk, aber nicht zwingend notwendig für die Handlung sind. Der Rest der Spiel­fläche ist frei für die ausge­zeichnete Raumnutzung der Darsteller.

Foto © Christoph Krey

Die undank­barste Rolle des Abends hat sicher Richard Lingscheidt, der als Sebastian nicht nur ein paar kurze Auftritte verzeichnen kann, die auch noch – vielleicht bis auf die Schluss­szene – vergleichs­weise nichts­sagend sind. Ganz im Gegensatz zu Schwester Viola, die als Hosen­rolle angelegt ist und dafür sorgt, dass Kathrin Berg sich so richtig ausleben kann. Dass die Kussszene mit Olivia ursprünglich eine Szene zwischen Männern war, hat an diesem Abend wohl niemand im Kopf. Ansonsten stellt Manusch die homoero­ti­schen Szenen gerne und ausführlich in den Vorder­grund, ohne aller­dings den Humor aus den Augen zu verlieren. Johanna Freyja Iacono-Sembritzki spielt eben diese Olivia mit viel Leiden­schaft sowohl, was die ableh­nende Haltung gegen Orsino angeht als auch, wenn es Zeit für amouröse Avancen und Liebes­schwüre ist. Dem Orsino verleiht Pablo Guaneme Pinilla auch als Verlierer noch Größe. Die extremen Wechsel in der Rolle des Malvolio bekommt Hubertus Brandt gekonnt und mit Verve und viel Spiel­freude in den Griff. Herrlich schnoddrig zeigt sich Emilia Haag als Narr. Tolldreist treibt es das Dreier­ge­spann Stefan Schleue, Peter Waros und Josia Krug als Sir Tobey, Sir Andrew und Fabian. Als im ersten Rang ein Besucher kolla­biert und die Sanitäter sofort zur Stelle sind, verfügt Schleue vehement eine Pause, damit die Helfer nicht auf das Spiel Rücksicht nehmen müssen, sondern effizient und zügig eingreifen können. Ebenso resolut sammelt Waros mittels Zuruf die Zuschauer wieder ein, die entgegen besseres Wissen aufge­standen sind und sich an den Ausgang gestellt haben. Schön, dass hier souveräne Schau­spieler auf der Bühne stehen, die im rechten Moment selbst entscheiden, was zu tun ist. Dass es dafür ein paar Bühnen­ohr­feigen zusätzlich gibt, erfüllt das Publikum mit größtem Vergnügen. Linda Riebau versucht, ihren Wieder­ein­stieg in die Szene mit einem Lachanfall hinzu­be­kommen, was nicht funktio­niert, ihr aber viele Sympa­thien seitens der Zuschauer einbringt und die Rolle der Maria deutlich aufwertet.

Foto © Christoph Krey

Insgesamt ist es Manusch gelungen, die Komödie von 1601 ohne Schen­kel­klopfer, aber mit viel Witz in ein Fantasie-Heute zu übertragen. Daran haben die Darsteller großen Anteil, die die antiquierte Sprache weitest­gehend in einen modernen Sprach­fluss bringen. Ein noch größeres Kompliment gebührt ihnen, dass sie trotz des tropi­schen Klimas im Zelt die volle Leistung zeigen und hochkon­zen­triert im Text bleiben. Das bei Tempe­ra­turen, bei denen andere Leute schon Schwie­rig­keiten im Alltag haben, vollständige Sätze zu bilden. Die Musik, die Christian Kuzio beisteuert, kommt im Globe „vom Band“ und verliert damit an Wirkung, aber die Idee, mit der Gitarre des Narren zu kommu­ni­zieren, wird deutlich.

Wahrhaft beglückt, dankt das Publikum langan­haltend für eine zweieinhalb Stunden dauernde, aber klar erzählte Geschichte ohne Längen. In der kommenden Woche wird Twelfth Night noch einmal aus anderer Sicht erzählt werden. Dann wird Guy Retallack gemeinsam mit Bridge House Produc­tions SE 20 Limited das Stück in einer Deutsch­land­pre­miere auf Englisch zeigen.

Michael S. Zerban

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