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MACBETT
(Eugène Ionesco)
Besuch am
3. Juli 2019
(Deutschlandpremiere)
Während die Regierenden Europas dabei sind, auch noch das letzte Quäntchen Vertrauen zu verspielen, indem sie den Wählerwillen im Hinterzimmer außer Kraft setzen, lassen sich die europäischen Bürger davon nicht beirren und rücken immer näher zusammen. Zumindest die, die nicht vor Wut platzen und in ihren Hinterzimmern Bomben bauen. Also lädt Rainer Wiertz, Künstlerischer Leiter des Shakespeare-Festivals in Neuss, das Teatr Papahema aus dem polnischen Bialystok ein, um seine Version von Eugène Ionescos Macbett im deutschen Neuss zu zeigen. Und man darf es schon verraten: Es wird ein europäisches Fest, weil Nationalitäten in dieser Aufführung überhaupt keine Rolle spielen.
1972 wurde Ionescos Satire auf Shakespeares Macbeth in Frankreich uraufgeführt. Während beim englischen Dichter das menschliche Drama im Vordergrund steht, interessiert sich der rumänisch-französische Autor, der als bedeutendster französischer Dramatiker der Nachkriegszeit und führender Vertreter des absurden Theaters gilt, vor dem Hintergrund des Kalten Krieges mehr für das Machtgefüge des Stoffs. Genauer: für die Absurdität der Macht. Bei ihm degeneriert Duncan zum schwächlichen Feigling, der sich auf die Ausbeutung seines Volkes konzentriert und im Falle der Gefahr darauf verlässt, dass seine Heerführer seinen leeren Versprechungen glauben. Dank seiner sexwütigen Gattin geht das schief. Er verliert Leben und Thron, und während Macbett sich in seiner Machtgier am Ziel wähnt, merkt er zu spät, dass Lady Duncan die Fäden zieht. Es geht recht blutrünstig bei Ionesco zu.

Regisseur Mateusz Przylęcki brauchte für seine Inszenierung also zunächst einmal ein Machtzentrum. Und wo werden Geschäfte auf der ganzen Welt eingefädelt? Weder alte Schlösser noch Konzernzentralen bieten den geeigneten Rahmen für die wirklich großen Deals, wie wir spätestens wissen, seitdem die Bilder von Helmut Kohl in Strickjacke um die Welt gingen. Bis heute bieten exklusive Golfclubs die nötige Ruhe, um abseits der Öffentlichkeit die Fäden der Macht neu zu ordnen. Also entwirft Sylwia Maciejewska eine Bühne mit viel Rasen, in deren Mittelpunkt der Bunker steht, der hier allerdings keine Sandgrube für verfehlte Golfbälle darstellt, sondern als Hügel mit oberer Ausstiegsluke und überraschenden Fluchtwegen den Rückzugsort für Feigling Duncan bildet. Ihre Kostüme wählt sie bewusst klischeehaft. Macbett und Banco könnten dabei eher als erfolgreiche, jung-dynamische Tennis-Stars durchgehen, bei Duncan dominieren Rot und Gold als herrschaftliche Farben, während die eigentliche Machthaberin in enganliegenden Kleidern auftritt, die eher das verführerische Wesen als die graue Eminenz in den Vordergrund stellen, wenn sie sie nicht gerade ablegt. Tobias Czolpiński sorgt dafür, dass der Rasen stets im Sonnenschein liegt. Und wie es sich für modernes Theater gehört, dürfen auch die Musikeinspielungen über die Lautsprecher nicht fehlen. Für gelungene Einspieler sorgen in dem Fall Natasza Topor und Dariusz Chociej. Was aber nutzt eine gelungene Personenführung inmitten durchdachter Regie-Einfälle im eingängigen Ambiente mit dem richtigen Klang, wenn auf der Bühne Polen stehen, die kein Wort Deutsch sprechen? Gar nichts. Also gibt es im Globe-Theater Neuss, man höre und staune, Übertitel. Und Jerzy Lisowski sorgt für die Übersetzung. Dass es bei der Rechtschreibung bisweilen bis ins Komische fehlerhaft wird, ist uninteressant, weil alles verständlich ist. Der gute Wille zählt und dafür gibt es hier Komplimente.
Das Teatr Papahema reist mit einer jungen, hervorragend ausgebildeten und sehr spielfreudigen Truppe an. Nebenrollen gibt es hier ebenso wenig wie Aussetzer oder Stolperer. Pawel Rutkowski spielt einen smarten, nur vorübergehend zweifelnden Macbett, der zwar puppenspielerisch die Schwächen seines Herrn erkennt, aber trotzdem lange loyal bleibt. Als Banco ist Mateusz Trzmiel ein getreuer Gefolgsmann, der sich zu viel um Gerechtigkeit kümmert und deshalb am Ende das Nachsehen hat. Großartig besetzt ist Duncan mit Rafal Pietrzak, der behende den Konflikt zwischen Macho und Feigling aufhebt. Katarzyna Pietruska spielt Caddie, Serviererin und Soldat mit natürlicher Devotheit, um im Finale als Conférencier aufzutrumpfen. Unter einer Lady Duncan, die Generäle mit dem kleinen Finger verführt, stellt man oder wenigstens Mann sich eine Frau mit den berühmten „Idealmaßen“ 90–60-90 oder wenigstens einen Rita-Hayworth-Typ vor. Von beidem ist Helena Radzikowska ziemlich weit entfernt. Sie hat nichts von einem Vamp, aber spätestens nach dem ersten Winke-Winke-Auftritt glaubt man ihr alles. Und versteht ganz klar, warum hier alle Männer nach ihrer Pfeife tanzen. Großartig.
Nach knapp anderthalb Stunden ist die Geschichte glaubhaft, überzeugend und kurzweilig zu Ende erzählt. Auch für einen pointierten Schluss reicht es noch. Vor allem bei den jungen, europäischen Schauspielern bedankt sich das Publikum. Ein bisschen hätte an diesem Abend aber auch mal wieder Rainer Wiertz zum Schlussapplaus auf die Bühne gehört.
Michael S. Zerban