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Foto © Christoph Krey

Machtspielchen

MACBETT
(Eugène Ionesco)

Besuch am
3. Juli 2019
(Deutsch­land­pre­miere)

 

Shake­speare-Festival, Globe-Theater Neuss

Während die Regie­renden Europas dabei sind, auch noch das letzte Quäntchen Vertrauen zu verspielen, indem sie den Wähler­willen im Hinter­zimmer außer Kraft setzen, lassen sich die europäi­schen Bürger davon nicht beirren und rücken immer näher zusammen. Zumindest die, die nicht vor Wut platzen und in ihren Hinter­zimmern Bomben bauen. Also lädt Rainer Wiertz, Künst­le­ri­scher Leiter des Shake­speare-Festivals in Neuss, das Teatr Papahema aus dem polni­schen Bialystok ein, um seine Version von Eugène Ionescos Macbett im deutschen Neuss zu zeigen. Und man darf es schon verraten: Es wird ein europäi­sches Fest, weil Natio­na­li­täten in dieser Aufführung überhaupt keine Rolle spielen.

1972 wurde Ionescos Satire auf Shake­speares Macbeth in Frank­reich urauf­ge­führt. Während beim engli­schen Dichter das mensch­liche Drama im Vorder­grund steht, inter­es­siert sich der rumänisch-franzö­sische Autor, der als bedeu­tendster franzö­si­scher Drama­tiker der Nachkriegszeit und führender Vertreter des absurden Theaters gilt, vor dem Hinter­grund des Kalten Krieges mehr für das Macht­gefüge des Stoffs. Genauer: für die Absur­dität der Macht. Bei ihm degene­riert Duncan zum schwäch­lichen Feigling, der sich auf die Ausbeutung seines Volkes konzen­triert und im Falle der Gefahr darauf verlässt, dass seine Heerführer seinen leeren Verspre­chungen glauben. Dank seiner sexwü­tigen Gattin geht das schief. Er verliert Leben und Thron, und während Macbett sich in seiner Machtgier am Ziel wähnt, merkt er zu spät, dass Lady Duncan die Fäden zieht. Es geht recht blutrünstig bei Ionesco zu.

Foto © Christoph Krey

Regisseur Mateusz Przylęcki brauchte für seine Insze­nierung also zunächst einmal ein Macht­zentrum. Und wo werden Geschäfte auf der ganzen Welt einge­fädelt? Weder alte Schlösser noch Konzern­zen­tralen bieten den geeig­neten Rahmen für die wirklich großen Deals, wie wir spätestens wissen, seitdem die Bilder von Helmut Kohl in Strick­jacke um die Welt gingen. Bis heute bieten exklusive Golfclubs die nötige Ruhe, um abseits der Öffent­lichkeit die Fäden der Macht neu zu ordnen. Also entwirft Sylwia Macie­jewska eine Bühne mit viel Rasen, in deren Mittel­punkt der Bunker steht, der hier aller­dings keine Sandgrube für verfehlte Golfbälle darstellt, sondern als Hügel mit oberer Ausstiegsluke und überra­schenden Flucht­wegen den Rückzugsort für Feigling Duncan bildet. Ihre Kostüme wählt sie bewusst klischeehaft. Macbett und Banco könnten dabei eher als erfolg­reiche, jung-dynamische Tennis-Stars durch­gehen, bei Duncan dominieren Rot und Gold als herrschaft­liche Farben, während die eigent­liche Macht­ha­berin in engan­lie­genden Kleidern auftritt, die eher das verfüh­re­rische Wesen als die graue Eminenz in den Vorder­grund stellen, wenn sie sie nicht gerade ablegt. Tobias Czolpiński sorgt dafür, dass der Rasen stets im Sonnen­schein liegt. Und wie es sich für modernes Theater gehört, dürfen auch die Musik­ein­spie­lungen über die Lautsprecher nicht fehlen. Für gelungene Einspieler sorgen in dem Fall Natasza Topor und Dariusz Chociej. Was aber nutzt eine gelungene Perso­nen­führung inmitten durch­dachter Regie-Einfälle im eingän­gigen Ambiente mit dem richtigen Klang, wenn auf der Bühne Polen stehen, die kein Wort Deutsch sprechen? Gar nichts. Also gibt es im Globe-Theater Neuss, man höre und staune, Übertitel. Und Jerzy Lisowski sorgt für die Übersetzung. Dass es bei der Recht­schreibung bisweilen bis ins Komische fehlerhaft wird, ist uninter­essant, weil alles verständlich ist. Der gute Wille zählt und dafür gibt es hier Komplimente.

Das Teatr Papahema reist mit einer jungen, hervor­ragend ausge­bil­deten und sehr spiel­freu­digen Truppe an. Neben­rollen gibt es hier ebenso wenig wie Aussetzer oder Stolperer. Pawel Rutkowski spielt einen smarten, nur vorüber­gehend zweifelnden Macbett, der zwar puppen­spie­le­risch die Schwächen seines Herrn erkennt, aber trotzdem lange loyal bleibt. Als Banco ist Mateusz Trzmiel ein getreuer Gefolgsmann, der sich zu viel um Gerech­tigkeit kümmert und deshalb am Ende das Nachsehen hat. Großartig besetzt ist Duncan mit Rafal Pietrzak, der behende den Konflikt zwischen Macho und Feigling aufhebt. Katarzyna Pietruska spielt Caddie, Servie­rerin und Soldat mit natür­licher Devotheit, um im Finale als Confé­rencier aufzu­trumpfen. Unter einer Lady Duncan, die Generäle mit dem kleinen Finger verführt, stellt man oder wenigstens Mann sich eine Frau mit den berühmten „Ideal­maßen“ 90–60-90 oder wenigstens einen Rita-Hayworth-Typ vor. Von beidem ist Helena Radzi­kowska ziemlich weit entfernt. Sie hat nichts von einem Vamp, aber spätestens nach dem ersten Winke-Winke-Auftritt glaubt man ihr alles. Und versteht ganz klar, warum hier alle Männer nach ihrer Pfeife tanzen. Großartig.

Nach knapp anderthalb Stunden ist die Geschichte glaubhaft, überzeugend und kurzweilig zu Ende erzählt. Auch für einen pointierten Schluss reicht es noch. Vor allem bei den jungen, europäi­schen Schau­spielern bedankt sich das Publikum. Ein bisschen hätte an diesem Abend aber auch mal wieder Rainer Wiertz zum Schluss­ap­plaus auf die Bühne gehört.

Michael S. Zerban

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